»Leg dich nicht mit ihr an, sie ist doch meine Mutter. Halt es mir zuliebe aus.« Und Katharina hat es ausgehalten. Sie hat sich eingeredet, Geduld sei vielleicht eine besonders stille Art von Liebe. Irgendwann, so hat sie gehofft, würde Lukas es sehen. Irgendwann würde er aufstehen, sich vor sie stellen und sagen: »Jetzt reicht’s.«
Doch in diesem Augenblick, als ihr Blick auf das Sackerl mit den Gläsern fiel, auf diese sauber eingekochten Gurkerl, die ihre eigene Mutter im Kleingarten gezogen und ihr über Bekannte mitgegeben hatte, weil Lukas ja angeblich »Selbstgemachtes, nicht dieses Zeug aus dem Geschäft« wollte, begriff Katharina auf einmal: Er würde niemals aufstehen. Für ihn war es bequem so. Bequem, wenn seine Mutter um sieben in der Früh über ihre Schwelle stampfte, Sachen in den Kästen umräumte, ihre Nachrichten las, während er unter der Dusche stand, und über ihr Haushaltsgeld bestimmte, als wären sie beide unmündige Kinder, die ohne Aufsicht nicht lebensfähig waren.
»Lukas«, sagte sie. Ihre Stimme zitterte, obwohl sie sich mit aller Kraft zwang, ruhig zu bleiben. »Hast du sie angerufen? Hast du dich wegen meiner Gläser bei ihr ausgeweint?«
Endlich hob er den Kopf. Er blinzelte rasch, viel zu rasch. Dann presste er ein dünnes, nervöses Lächeln hervor, dieses armselige Lächeln eines Menschen, der noch hofft, alles in einen Schmäh verwandeln zu können.
»Na ja, ich hab halt gesagt, dass der Balkon schon ziemlich vollgestellt ist. Mehr nicht. So ein bissl gemotschgert, wie Männer das eben machen. Du weißt ja, ich mag’s nicht, wenn überall was herumsteht.«
»Gemotschgert«, wiederholte Katharina leise, und ihre Lippen wurden zu einem schmalen Strich. »Du hast also nur ein bissl gemotschgert. Und deine Mama ist sofort angerückt. Um sieben in der Früh. Wie die Feuerwehr. Um dich vor meinen Gurkerln zu retten.«
»Ich bin nicht angerückt!«, fuhr Barbara auf. »Ich war zufällig in der Gegend, ich musste zum Blutdruckmessen in die Ordination. Ich hab übrigens ein krankes Herz, falls du das vergessen hast, und du führst dich hier auf wie eine Hysterische.«
»Zum Blutdruckmessen«, nickte Katharina und stand vom Tisch auf. Ihre Beine fühlten sich fremd an, weich und taub, aber in ihrem Kopf war plötzlich eine helle, beinahe schneidende Klarheit. »Und ganz zufällig war der Notar auch am Weg, oder?«
In der Küche breitete sich eine Stille aus, so dicht, dass sie fast körperlich spürbar war. Sogar die Müllabfuhr draußen schien für einen Moment verstummt zu sein. Lukas hörte auf zu kauen und starrte seine Frau an, als hätte sie unvermittelt in einer fremden Sprache gesprochen. Barbara hingegen spannte sich an. Ihr rundes, gerötetes Gesicht wurde hart wie Stein, nur ihre Brauen wanderten langsam nach oben und gaben den Blick auf ihre kleinen, stechenden Augen frei.
»Was redest du da für einen Unsinn? Was für ein Notar?«, fragte sie eisig. Doch tief unter dieser Kälte hörte Katharina ein Zittern. So klingt eine Saite, die aus Versehen angeschlagen worden ist und nun zu reißen droht.
»Ich hab in Lukas’ Jacke einen Beleg gefunden«, sagte Katharina. Ihre Stimme war nun trocken und sachlich, als würde sie eine Gebrauchsanweisung vorlesen. »Beratung beim Notar. Thema: Vermögensaufteilung. Datum: vorgestern. Zufall? Eher nicht.«
Lukas lief dunkelrot an. Nicht vor Scham, sondern vor Zorn. Ruckartig schob er den Teller von sich weg, das Omelett rutschte mit einem widerlichen Klatschen auf das Wachstuch.
»Du hast in meinen Taschen herumgeschnüffelt? Geht’s dir noch gut? Das sind meine privaten Sachen!«
»Private Sachen?« Katharina lachte kurz auf, bitter und ohne jede Freude. In diesem Lachen lag alles, was sich über Jahre in ihr angesammelt hatte: Spott, Erschöpfung und eine Enttäuschung, herb wie Wermut. »Du wohnst in meiner Wohnung, Lukas. Du isst in meiner Küche, schläfst in meiner Bettwäsche und hängst deine Socken auf meinen Heizkörper. Und danach wagst du es, mir etwas von privaten Sachen zu erzählen? Gestern jammerst du deiner Mutter wegen meiner Gurkerl die Ohren voll, und vorgestern erkundigt ihr euch gemeinsam, wie man mir die Hälfte meiner Wohnung abknöpfen kann. Hab ich die Reihenfolge richtig verstanden?«
Barbara atmete geräuschvoll aus, presste sich die Hand an die Brust – das Herz, natürlich – und ließ sich schwer auf den Hocker sinken.
