Lukas stand mitten in der Küche, die Arme schlaff an den Seiten, und wirkte, als hätte ihm jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Von seiner eben noch so angriffslustigen Haltung war nichts mehr übrig. Die ganze Kampfbereitschaft war aus ihm herausgesickert und hatte einer hilflosen Verwirrung Platz gemacht. Es sah aus, als wäre ihm erst in diesem Augenblick wirklich klar geworden, dass die Partie vorbei war. Dass es keine sanften Bitten mehr geben würde, kein Nachgeben, kein erleichtertes Umarmen mit einem »Schon gut, vergessen wir alles«. Barbara zupfte ihn am Ärmel, flüsterte hastig auf ihn ein, doch er blieb wie angewurzelt stehen.
»Katharina …«, brachte er schließlich hervor, und seine Stimme kippte. »Bitte, verzeih mir. Ich hab nicht gewollt, dass es so weit kommt. Mama macht sich halt Sorgen … Wir sind doch eine Familie …«
»Nein«, fiel sie ihm ins Wort. In diesem einen knappen Wort lag mehr Endgültigkeit als in jedem langen Streit zuvor. »Wir sind keine Familie. Ihr wart nur der Versuch, eure Schwierigkeiten auf meine Kosten zu lösen. Aber ich bin keine Bank mehr. Und auch keine Festung, die man einfach aushungert, bis sie aufgibt. Den Weg hinaus kennst du. Die Tür ist dort, wo sie immer war.«
Ohne noch einmal zurückzuschauen, drehte sich Katharina um, ging ins Bad und schob den Riegel vor. Sie lehnte die Stirn gegen die kühlen Fliesen und atmete zum ersten Mal seit Monaten tief und frei durch. Hinter der Tür drangen gedämpfte Stimmen an ihr Ohr, ein Rascheln, ein dumpfes Poltern, dann das Klappern von Kastentüren. Mutter und Sohn hielten offenbar Kriegsrat, doch Katharina war es inzwischen gleichgültig. Vor ihrem inneren Auge sah sie bereits, wie sie endlich gingen. Wie die Wohnung wieder still wurde. Wie sie die Möbel umstellte, das alte Sofa hinausschaffte, das Lukas so geliebt hatte, und sich neue Blumen aufs Fensterbrett stellte. Solche, die ihr gefielen. Nur ihr. Ohne Rücksicht auf irgendwen.
Etwa eine Stunde später knackte der Schlüssel im Schloss der Wohnungstür. Dann noch einmal. Danach breitete sich eine Stille aus, die fast körperlich spürbar war. Katharina verließ ihr Versteck. Die Wohnung war leer. Nur in der Küche stand, mitten am Boden, noch immer das vergessene Plastiksackerl mit den Gläsern. Die eingelegten Gurken schimmerten matt in der Lake, als wäre überhaupt nichts geschehen. Sie hob das Sackerl auf, vorsichtig und behutsam, beinahe so, als trüge sie ein krankes Kätzchen, und stellte es zurück auf den Balkon. Genau an jene Stelle, von der alles seinen Anfang genommen hatte.
Am Abend saß sie im Wohnzimmer, die Beine unter sich gezogen, trank Kamillentee und schaute hinaus, wie der Oktobersonnenuntergang langsam hinter den Häusern verlosch. In ihr war ein eigenartiges Gefühl. Keine Freude, keine Bitterkeit. Eher Weite. So, wie in einem Zimmer, das viel zu lange nicht gelüftet worden war und in dem nun endlich alle Fenster offen standen.
Da läutete das Handy. Auf dem Display erschien: »Julia«. Ihre Freundin aus dem Konstruktionsbüro, mit der sie seit Jahren zusammenarbeitete und die es auf rätselhafte Weise immer schaffte, genau im richtigen Moment anzurufen.
»Na?«, fragte Julia ohne jede Einleitung. »Darf ich annehmen, das Festival ›Schwiegermutter im Vormarsch‹ ist beendet?«
Katharina musste trotz allem lächeln. »Beendet. Die Spezialeinheit hat den Rückzug angetreten. Möge der Koffer mit ihnen sein.«
»Und? Wie fühlt sich das an?«
Katharina schwieg kurz. Zwischen den Fingern drehte sie das kleine Teesieb, dann hob sie den Blick zur Wand. Dort hatte bis gestern noch das Hochzeitsfoto von ihr und Lukas gehangen. Jetzt war nur noch ein heller Rechteckfleck auf der ausgeblichenen Tapete zu sehen.
»Weißt du«, sagte sie langsam, »es ist komisch. Wenn dir jemand dein Zuhause wegnehmen will, begreifst du plötzlich, dass es nicht bloß ein paar Wände sind. Es ist dein Leben. Und das zu verteidigen ist nichts, wofür man sich schämen muss. Auch dann nicht, wenn man jemanden vor die Tür setzen muss. Vor allem nicht, wenn dieser Jemand praktisch mit dem Notar in der Hinterhand auftaucht.«
»So redet eine vernünftige Frau«, brummte Julia zufrieden. »Und Lukas?«
»Nichts. Er ist gegangen. Sogar seine geliebten Gläser hat er vergessen.«
»Dann kommt er wieder.«
»Soll er es versuchen«, antwortete Katharina, und diesmal zitterte ihre Stimme nicht im Geringsten. »Ich hab die Schlösser schon austauschen lassen. Ab jetzt bestimme ich die Regeln.«
