„Es ist deine Pflicht, uns zu helfen“ — fauchte Theresa und schnitt Claudia scharf das Wort ab

Ungerechte Forderungen erdrücken mütterliche Liebe.
Geschichten

diesen „Verlust“. Im Grunde hast du dich ja ohnehin nie wirklich um sie gekümmert.

Florian ist mit offenem Mund dagestanden und hat keinen einzigen Satz herausgebracht. Die Wahrheit hat ihn getroffen, und gerade deshalb hat sie ihm wehgetan. Wütend hat er seine Sachen in die Reisetasche geschleudert. Am Reißverschluss hat er so heftig gerissen, als wollte er ihn samt Stoff herausreißen.

Jede seiner Bewegungen, jedes schwere Schnauben klang wie eine Provokation. Claudia aber ist nicht mehr darauf eingestiegen. Sie ist nur dagesessen und hat zugesehen, wie er in den Regalen herumgewühlt und alles durcheinandergebracht hat.

— Du wirst schon sehen … das bereust du noch … — hat er vor sich hingemurmelt. — Du kommst sowieso wieder angekrochen …

Kurz darauf ist die Wohnungstür mit einem Knall ins Schloss gefallen. Danach war es still. So still, dass Claudia zum ersten Mal seit vielen Jahren gespürt hat, wie leicht sich Luft anfühlen kann, wenn man endlich frei atmet. Katharina saß ihr noch immer gegenüber, die Augen groß und fassungslos.

— Claudia … was war denn das jetzt? — fragte sie leise, als Claudia sich wieder setzte.

Claudia hat tief Luft geholt und schließlich alles erzählt. Dass Florian seit Monaten angeblich Arbeit suche, in Wahrheit aber nur auf dem Sofa liege. Dass er das letzte Geld lieber für Bier ausgegeben habe als für Essen. Dass er nachts verschwunden und erst im Morgengrauen heimgekommen sei. Dass sie schon längst eher wie Nachbarn nebeneinander gelebt hätten als wie eine Familie. Dass Claudia jeden Tag die übrig gebliebenen Euro gezählt habe. Dass Leonie sich für das Aussehen ihrer Mutter geschämt habe. Und vor allem erzählte sie, dass sie sich schon lange davor gefürchtet hatte, in den Spiegel zu schauen — nicht wegen der Falten, sondern wegen der Verzweiflung in ihrem Gesicht.

Katharina hörte schweigend zu. Kein einziges Mal fiel sie ihr ins Wort. Nur ihr Blick wurde immer ernster, ihre Wangen spannten sich an. Dann sagte sie plötzlich, völlig unvermittelt:

— Zieh zu mir.

Claudia blinzelte, als hätte sie die Worte nicht verstanden.

— Wohin?

— Zu mir nach Graz — wiederholte Katharina ruhig. — Michael sucht gerade eine Buchhalterin. Jemanden, der wirklich etwas davon versteht, mit Erfahrung. Und du bist genau so jemand. Er braucht dich.

— Katharina … — Claudia wurde verlegen. — Aber wie soll das gehen? Ich hab doch hier …

— Was hast du hier noch? — unterbrach Katharina sie sanft. — Florian? Der ist weg. Deine Eltern? Gibt es nicht mehr. Deine Arbeit? Du hast selbst gesagt, dort gibt es keine Zukunft.

— Aber Leonie … ihre Schule ist hier. Ihre Freundinnen …

Katharina legte ihre Hand auf Claudias.

— Du redest mit ihr und erklärst ihr alles. Du bist eine gute Mutter. Leonie vertraut dir. Wenn du ihr zeigst, dass dieser Umzug eine Chance ist, wird sie es begreifen. Kinder schaffen neue Anfänge oft leichter als wir Erwachsenen.

Claudia seufzte wieder. Und zum ersten Mal stellte sie sich die Frage wirklich: Was hielt sie hier eigentlich noch fest?

Am Samstag in der Früh hat Theresas Telefon praktisch geglüht vor lauter Anrufen.

— Claudia! Was hast du mit Florian gemacht?! Er ist bei mir aufgetaucht und behauptet, du hättest ihn hinausgeworfen! Du lässt ihn sofort wieder hinein! Er ist dein Mann! Sofort, hast du verstanden?

Claudia saß ruhig in der Küche und ließ den Schwall an Vorwürfen über sich ergehen.

— Und überhaupt! — die Stimme ihrer Schwiegermutter wurde schrill. — Wir klagen die Wohnung ein! Florian hat ein Recht darauf!

Da lächelte Claudia ganz leicht. Genau darauf hatte sie gewartet.

— Theresa, die Wohnung gehört mir. Sie war die Wohnung meines Vaters. Es wäre besser, Sie würden sich zuerst genau informieren, bevor Sie mit dem Gesetz drohen.

— Aber … aber … — Theresa verschluckte sich beinahe an ihren eigenen Worten.

— Also sparen Sie sich die Drohungen. Viel Glück mit Florian.

Silvester feierten Claudia und Leonie still, nur zu zweit — und doch zum ersten Mal seit Jahren wirklich glücklich. Claudia kaufte sogar ein kleines Glas Kaviar, diesen winzigen Luxus, den sie sich ewig nicht gegönnt hatte. Leonie lief in ihrer neuen Bluse durch die Wohnung, lachte, zündete Wunderkerzen an und strahlte über das ganze Gesicht.

— Mama! Mama, komm, wir schauen uns das Feuerwerk an! — rief sie und zog Claudia zur Tür.

Draußen knirschte frischer Schnee unter ihren Schuhen. Der Himmel leuchtete in Farben, Raketen platzten über den Dächern, und Leonie sah aus, als hätte sich die Welt endlich wieder zu ihnen umgedreht.

Claudia betrachtete ihre Tochter und dachte:

„Für sie hat es sich gelohnt, alles auszuhalten. Und für sie ist es jetzt Zeit, alles zu ändern.“

Nach den Feiertagen im Jänner ist Claudia ohne großes Gerede zu ihrer Chefin gegangen und hat die Kündigung auf den Tisch gelegt.

— Sind Sie sicher? — fragte diese.

— Ganz sicher — antwortete Claudia.

Dabei fühlte sie eine Freiheit, als hätte sie nach einem endlos langen Weg endlich schwere, nasse Stiefel ausgezogen.

Die Scheidung von Florian war rasch erledigt. Er hat zwar versucht, Theater zu machen, Geld verlangt, gedroht und herumgeschrien — aber rechtlich hatte er keine Handhabe. Das Gesetz stand auf Claudias Seite.

Im Frühling verkaufte sie die Wohnung. Dann stiegen sie und Leonie in den Zug und fuhren nach Graz, in eine Stadt, die ihnen plötzlich voller Möglichkeiten erschien. Katharina half ihnen, eine freundliche Wohnung in einem neuen Viertel zu finden. Auch bei der Arbeitssuche stand sie Claudia bei: Sie bekam eine gute Stelle, mit einem Gehalt, von dem sie früher nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Leonie kam in eine neue Schule und überraschte ihre Mutter. Sie fand sich rasch zurecht, lernte schnell andere Kinder kennen und hatte schon nach einem Monat öfter lachend ihr Handy am Ohr, als sie früher daheim gelacht hatte.

Und Claudia? Claudia zählte nicht mehr jeden einzelnen Euro. Sie wartete nicht mehr auf den Vorschuss, als wäre er ein Feiertag. Sie zuckte nicht mehr zusammen, wenn das Telefon läutete — denn eine Schwiegermutter gab es in ihrem Leben nicht mehr.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren kaufte sie sich eine neue Daunenjacke, eine warme Haube und feste Winterschuhe. Abends gingen Claudia und Leonie oft Hand in Hand durch die Stadt. Und beide spürten dasselbe: Das Leben war endlich hell geworden. Und echt.

Hedis Stube