„Es ist deine Pflicht, uns zu helfen“ — fauchte Theresa und schnitt Claudia scharf das Wort ab

Ungerechte Forderungen erdrücken mütterliche Liebe.
Geschichten

Dann ist sie ins Schlafzimmer gegangen, hat sich rasch umgezogen, ist unter die Decke geschlüpft und fast im selben Augenblick in einen schweren, dunklen Schlaf gefallen.

Sie hat wirr geträumt. Alles war grau, bedrückend und kalt, so wie ein endloser Novemberregen. Florian ist darin vorgekommen, seine Mutter, fremde Gesichter, Stimmen, die durcheinandergeredet haben. Jemand hat geschrien, jemand hat Forderungen gestellt, Hände sind durch die Luft gefahren, Befehle sind gefallen. Zuerst ist alles nur verschwommen ineinandergeronnen, dann hat der Traum plötzlich etwas Bedrohliches bekommen. Claudia hat nicht begreifen können, was da geschieht — bis sie auf einmal ein Krachen gehört hat.

Ein echtes Krachen.

Erschrocken hat Claudia die Augen aufgerissen. Es war vier Uhr in der Früh. Aus der Küche kam Lärm, Glas klirrte, irgendetwas wurde herumgestoßen. Sie setzte sich auf, tastete nach dem Boden, ging barfuß den Gang entlang und drückte, vom grellen Licht geblendet, die Küchentür auf.

Auf dem Küchentisch lag ein fremder Mann, die Arme weit von sich gestreckt, als hätte er beschlossen, dort bis zum Morgen zu schlafen. Neben ihm saß Florian, rot im Gesicht, benommen vor Alkohol, kaum noch bei sich. Gerade schaufelte er die Reste vom Abendessen in sich hinein — genau das Essen, das Claudia eigentlich bis zum nächsten Gehalt hatte einteilen wollen.

— Was willst denn du? — lallte er, als er seine Frau bemerkte. — Wir haben Besuch …

— Was für einen Besuch, Florian? Um vier Uhr in der Früh? — In diesem Moment war Claudia endgültig wach. — Sag einmal, spinnst du völlig? Was soll das hier?

Florian wollte aufstehen, schwankte aber sofort und plumpste wieder auf den Sessel.

— Schrei nicht so herum … bald ist Neujahr … entspann dich halt …

— Ja, mit dir kann man sich wirklich wunderbar entspannen, — brachte Claudia gepresst hervor und zwang sich mit aller Kraft, nicht die Kontrolle zu verlieren.

Doch genau da ist in ihr etwas umgesprungen. Als wäre tief in ihr ein dünner Faden gerissen, der sie viel zu lange zusammengehalten hatte. Ohne noch länger nachzudenken, trat sie zum Tisch, packte den fremden Kerl am Ärmel seiner Jacke und zog ihn mehr, als dass sie ihn führte, hinaus in den Vorraum. Gleich darauf krachte die Wohnungstür ins Schloss, und Florian zuckte zusammen.

— Was machst du da eigentlich … — murrte er.

— Das wirst du gleich sehen.

Claudia drehte sich um, ging zu ihrem Mann zurück und schob auch ihn hinter seinem Hawara her hinaus auf den Gang.

Florian versuchte zu protestieren, aber es kam nur ein kraftloses Gemurmel heraus. Seine Beine gaben unter dem Alkohol ohnehin schon nach.

— Geh und schlaf, wo du willst. Auf der Stiege, bei deinem Freund, draußen auf der Straße — mir ist es vollkommen egal.

— Du … — setzte er an und wollte fluchen.

Doch da war die Tür bereits zu. Claudia stand mitten im Vorraum und konnte selbst kaum fassen, was soeben passiert war. Erst nach ein paar Minuten ging sie wieder in die Küche, sammelte die Essensreste zusammen, warf die leeren Flaschen weg und kochte sich einen heißen Tee.

An Schlaf war nicht mehr zu denken. Der Traum war wie weggeblasen. Claudia saß am Tisch, umklammerte das Häferl mit beiden Händen und schaute durchs Fenster auf die weiße Straße hinaus. Der Schnee hatte sich über alles gelegt, als wollte er Schmutz, Grau und Müdigkeit der ganzen Stadt zudecken. Irgendwann merkte sie, dass draußen bereits der Morgen dämmerte. Es wurde Zeit, sich für die Arbeit fertigzumachen.

Als Claudia die Wohnung verließ, war Florian nicht mehr vor der Tür. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie das nicht einmal berührt. Der Arbeitstag am Freitag verging beinahe unbemerkt. Claudia arbeitete konzentriert, fast mechanisch, erledigte eine Aufgabe nach der anderen und gab sich Mühe, rechtzeitig fertigzuwerden, damit sie nicht länger bleiben musste.

Kurz vor Dienstschluss rief die Geschäftsführung die ganze Abteilung zusammen. Einer der Vorgesetzten stellte sich vorne hin und sagte:

— Danke an alle für den Einsatz in den letzten Wochen. Zu Neujahr gibt es eine Prämie.

Als das Geld wenig später auf ihrem Konto aufschien, starrte Claudia auf die Summe und glaubte ihren Augen nicht. Es war doppelt so viel, wie sie erwartet hatte. Unwillkürlich schlug sie die Hand vor den Mund, weil ihr plötzlich Tränen hochstiegen — nicht aus Kummer diesmal, sondern vor Freude und Erleichterung.

Da vibrierte ihr Handy in der Hand. Katharina rief an, ihre Freundin, die Claudia seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hatte. Vor sieben Jahren war Katharina beruflich für einige Zeit fortgegangen, hatte dort einen Mann kennengelernt, und niemand hätte damals gedacht, dass sie tatsächlich bleiben würde. Sie hatte geheiratet, einen Sohn bekommen und lebte weit weg — aber Claudia hatte sie nie vergessen.

— Claudia, ich bin in der Stadt! Nur für drei Tage. Sehen wir uns?

Claudia lächelte, und die Antwort kam, ohne dass sie auch nur eine Sekunde überlegen musste.

— Komm heute Abend zu mir.

Als Florian sich am Abend endlich dazu herabließ, nach Hause zu kommen, rechnete er offenbar damit, Claudia in Tränen aufgelöst vorzufinden. Wahrscheinlich stellte er sich vor, sie würde um Verzeihung bitten, jammern, flehen. Zur Sicherheit hatte er sich schon auf dem Weg hinauf sein strengstes Gesicht zurechtgelegt.

Doch als er die Tür aufsperrte, sah er etwas völlig anderes. In der Küche saßen Claudia und Katharina, lachten miteinander und tranken Wein.

Florian lief dunkelrot an.

— Was soll denn das werden? Was treibst du da? — brüllte er sofort, wie er es immer tat, wenn ihm etwas nicht passte. — Was hab ich dir über fremde Leute in meiner Wohnung gesagt? Was führst du hier auf?

Katharina erstarrte mit dem Glas in der Hand. Sie verstand überhaupt nicht, was los war, und sah fragend zu ihrer Freundin hinüber. Claudia atmete nur langsam aus, stellte ihr Glas auf den Tisch und sprach mit einer Ruhe, die sogar sie selbst überraschte.

— Florian … ich hab dich so satt. Wirklich. Dich und deine Mutter gleich dazu.

Sie blickte ihm geradewegs in die Augen.

— Wie sagt man so schön? Neues Jahr, neues Leben. — Claudia machte eine kurze Pause. — Ich verlasse dich, Florian. Pack deine Sachen und verschwinde aus meiner Wohnung.

Ihr Mann blinzelte, als hätte er die Worte zwar gehört, aber nicht verstanden.

— Was redest du da für einen Unsinn? — Dann verzog er den Mund zu einem spöttischen Grinsen. — Gut, dann pack ich eben. Aber das wirst du noch bereuen. Und wie soll deine Tochter ohne Vater aufwachsen? Hast du darüber schon einmal nachgedacht?

Claudia lachte kurz auf.

— Meine Tochter? Jetzt fällt dir Leonie ein? Na immerhin, besser spät als nie.

Sie stand auf und deutete zur Tür.

— Um sie brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Sie wird es schon überleben.

Hedis Stube