„Es ist deine Pflicht, uns zu helfen“ — fauchte Theresa und schnitt Claudia scharf das Wort ab

Ungerechte Forderungen erdrücken mütterliche Liebe.
Geschichten

Immerhin stand Silvester vor der Tür. Ein neues Jahr, neue Chancen, neue Wege — so sagte man doch.

Aber tief in sich wusste Claudia, dass sie sich damit nur etwas vormachte. Mit dem ersten Jänner würde sich nichts wie von Zauberhand richten. Im Gegenteil: Es konnte sogar noch schwerer werden.

Die Arbeit hat ihr dann wenigstens keine Zeit gelassen, weiter in diesen Gedanken stecken zu bleiben. Sie tippte, sortierte Unterlagen, nahm Telefonate entgegen, antwortete knapp und höflich — alles wie ferngesteuert. Trotzdem blieb irgendwo in ihr der bittere Nachgeschmack von Leonies müdem Blick am Morgen hängen.

Als endlich Mittagspause war, setzte Claudia sich zum ersten Mal richtig hin. Sie öffnete ihre Dose mit den Nudeln und atmete langsam aus. Kaum hatte sie die Gabel in der Hand, vibrierte ihr Handy. Leonie rief an.

— Mama … — Ihre Stimme klang leise und vorsichtig, fast so, als rechne sie schon mit einem Nein. — Ich wollte nur fragen …

— Natürlich, mein Schatz, — sagte Claudia hastig, noch bevor Leonie ausreden konnte. — Ich überweise dir das Geld. Für die Karte und auch fürs Popcorn. Geh mit deinen Freundinnen, ja? Hab einen schönen Nachmittag.

Am anderen Ende blieb es für einen Augenblick ganz still. Diese Sekunde war so dicht, dass Claudia beinahe hörte, wie ihre Tochter nicht glauben konnte, was sie da gerade gehört hatte.

— Mama! Wirklich? Danke, danke! Ich erzähl dir nachher alles, wirklich alles!

In Leonies Stimme war plötzlich wieder dieser helle, glückliche Klang, den Claudia schon viel zu lange nicht mehr gehört hatte. Etwas Leichtes, Kindliches, beinahe Vergessenes.

— Hauptsache, es geht dir gut, mein Hasi, — sagte sie weich.

Sie beendete das Gespräch und öffnete sofort die Banking-App. Auf dem Konto war erschreckend wenig übrig, fast lächerlich wenig. Trotzdem zögerte Claudia keine Sekunde. Sie gab Leonies Nummer ein und schickte den Betrag weg. Ihr letztes Geld.

Dann sah sie auf ihre Nudeln hinunter — ohne Fleischlaberl, ohne Salat, ohne irgendetwas dazu — und merkte plötzlich, dass sie sich leichter fühlte. Als hätte sie ihrer Tochter mit diesem Kinobesuch nicht bloß eine Eintrittskarte bezahlt, sondern ein kleines Stück normales Kindsein zurückgegeben.

Am Abend hat Schnee die Stadt zugedeckt. Die Flocken fielen schwer und dicht vom Himmel, wie in alten Schwarz-Weiß-Filmen, nur dass diesmal nichts Romantisches daran war. Die Straßen waren verstopft, die Öffis kamen verspätet, und die Busse krochen im Schneematsch dahin, als hätten sie alle Zeit der Welt.

Claudia stand schon seit zwanzig Minuten an der Haltestelle. Ihre Schuhe waren feucht, die Finger steif vor Kälte, und der Wind fuhr ihr unter den Mantel. Als der Bus endlich auftauchte, drängten alle gleichzeitig zu den Türen. Mit Mühe schaffte sie es hinein. Drinnen wurde sie so gegen die Haltestange gepresst, dass sie kaum noch den Arm bewegen konnte.

Genau in diesem Moment läutete ihr Handy. Auf dem Display stand: Theresa. Florians Mutter. Natürlich. Sie hatte ein unheimliches Talent dafür, immer im unpassendsten Augenblick anzurufen.

Claudia schloss kurz die Augen und seufzte lautlos.

— Ja? — Sie versuchte, das Handy so zu halten, dass es ihr nicht zwischen die Füße der Leute rutschte.

— Claudia, ich mach’s kurz, — begann Theresa ohne Begrüßung. — Vor den Feiertagen gehört ordentlich durchgeputzt. Du kommst zu uns und machst die Wohnung sauber. Florian hat gesagt, du hast am Wochenende frei.

Für einen Moment wäre Claudia beinahe das Handy aus der Hand gefallen. Im letzten Augenblick umklammerte sie es fester.

Sie erstarrte innerlich.

Es war das letzte Wochenende vor Silvester. Claudia hatte Leonie versprochen, dass sie gemeinsam die Wohnung schmücken, den Christbaum aufstellen und daheim Kekserl backen würden — nur damit wenigstens ein bisserl Feststimmung in diese trüben Tage kam.

— Theresa, ich hab eigentlich schon etwas vor. Leonie und ich wollten …

— Deine Sachen kannst du später machen! — fiel ihr die Schwiegermutter scharf ins Wort. — Ich bin nicht mehr jung, für mich ist das alles zu anstrengend. Es ist deine Pflicht, uns zu helfen.

Claudia biss die Zähne zusammen. Es kostete sie einiges, nicht sofort etwas Verletzendes zurückzugeben. Sie wusste nur zu gut, dass nicht das Alter das Problem war, sondern Theresas endloses Rauchen, wegen dem sie schon nach ein paar Schritten durch die Wohnung nach Luft schnappte.

— Können wir bitte später darüber reden? Ich steh grad im Bus und …

— Da gibt’s nichts zu bereden. Samstag erwarte ich dich.

Dann war die Leitung tot.

Claudia hielt das Handy noch einen Moment ans Ohr, obwohl niemand mehr dran war. Antworten konnte sie ohnehin nicht. Um sie herum schob und drückte die Menge, sie stand halb auf einem Bein, eingekeilt zwischen nassen Mänteln, Einkaufssackerln und fremden Ellbogen. Zurückrufen war völlig unmöglich.

Sie kam spät heim — durchgefroren, erschöpft und innerlich wie ausgepresst. Doch kaum hatte sie die Wohnungstür aufgesperrt, stürmte Leonie ihr entgegen. Ihr Gesicht leuchtete, die Wangen waren rot vor Aufregung, und ihre Augen funkelten so lebendig, dass Claudia einen Moment lang einfach nur stehen blieb.

— Mama! Es war so super! Und da war eine Szene, so lustig, du glaubst es nicht! — Leonie redete ohne Punkt und Beistrich und zog ihre Mutter gleich in Richtung Küche. — Ich hab das Abendessen warm gemacht! Setz dich, bitte! Dein Häferl steht schon da! Mama, das war wirklich urcool!

Claudia sah sie mit müden Augen an, aber in ihrer Brust wurde es warm. Leonie war glücklich. Für diesen einen Abend war das wichtiger als alles andere. Sie legte ihr die Hand auf die Schulter, hörte den atemlosen Erzählungen zu und lächelte, obwohl sie kaum noch Kraft hatte, aufrecht zu stehen.

Florian war nicht daheim, obwohl die Wanduhr bereits acht zeigte. Claudia wunderte sich nicht einmal mehr darüber. Es gehörte längst zu ihrem Alltag, so selbstverständlich wie die unbezahlten Rechnungen und die ständige Müdigkeit.

Sie sagte nur leise zu ihrer Tochter:

— Das Wichtigste ist, dass du einen schönen Tag gehabt hast, mein Schatz.

Kurz darauf verschwand Leonie in ihrem Zimmer, um ihre Freundin anzurufen. Selbst durch die Wand hörte Claudia ihr helles Lachen. Dieses Lachen, das in letzter Zeit viel zu selten durch die Wohnung geklungen hatte.

Langsam räumte Claudia das Geschirr vom Abendessen weg, spülte die Häferl aus und wischte den Tisch ab. Jede Bewegung fiel ihr schwer, als läge ein nasser, bleischwerer Mantel auf ihren Schultern.

Hedis Stube