Mit einem ruckartigen Schwung landete es im Mistkübel, direkt oben auf den Schalen, zerknüllten Servietten und Verpackungsresten.
„Bitte sehr“, sagte Anna. „Das ist dafür, dass ich ja niemand bin. Eine fremde Tischdecke gehört eben zu einer fremden Person.“
In der Küche war es auf einmal so still, als hätte jemand die Luft abgedreht. Theresa klappte den Mund auf und zu wie ein Fisch, den man ans Ufer geworfen hatte. Ihr Gesicht wechselte von knallrot zu einem ungesunden Grün. Das war nicht bloß ein weggeworfenes Geschenk gewesen. Das war eine teure, sichtbare Demütigung vor allen.
Florian ist endlich aus seiner Erstarrung gerissen worden. Er sprang hoch, als hätte ihn etwas verbrannt.
„Anna! BIST DU JETZT VÖLLIG ÜBERGESCHNAPPT?!“ Er packte sie am Arm. „Das… das kostet Geld! Das ist meine Mutter! So etwas tut man nicht!“
Anna riss sich los.
Endlich zeigte er eine Regung. Schade nur, dass diese Regung Zorn auf sie war und nicht der Wunsch, sie zu schützen.
„Geld? Du redest jetzt ernsthaft vom Geld, Florian?“ Ihre Stimme war hart, ihr Blick unbeweglich. „Sie hat gesagt, ich bin niemand. Vor allen Leuten. Und du bist dagesessen wie eine Statue, weil du Angst vor ihr hast. Dir fällt die Tischdecke ein, während deine Frau — die Mutter deiner Tochter — vor allen erniedrigt wird?“
Dann wandte Anna sich Theresa zu, die bereits zu diesem klagenden „Um Gottes willen, was geschieht denn da!“ angesetzt hatte.
„Und jetzt, Theresa, gebe ich Ihnen die Gelegenheit, Ihren Sohn zurechtzurücken“, sagte Anna laut und klar. Es war keine Bitte. Es war ein Ultimatum.
Sie sah wieder zu ihrem Mann.
„Florian. Du hast genau drei Minuten. In dieser Zeit ziehe ich Lena an. Du gehst zu deiner Mutter und sagst wörtlich: ‚Mama, du warst vollkommen ungerecht. Du hast meine Frau verletzt. Entschuldige dich sofort bei ihr, sonst gehen wir, und dieses Haus betreten wir nie wieder.‘“
Anna hob ihr Handy.
„Drei Minuten, Florian. Auf die Sekunde. Wenn du es nicht schaffst, bleibst du hier. Für immer. Dann bist du der leibliche Sohn — und ich bin die Niemand, die mit deiner Tochter gegangen ist.“
Sie sagte das, drehte sich um und verschwand ohne einen einzigen Blick zurück im Kinderzimmer bei Lena.
Diese drei Minuten sind für Florian länger gewesen als alles, was er je erlebt hatte. Er stand mitten im Wohnzimmer, als befände er sich an einer Weggabelung. Auf der einen Seite seine Mutter, ihre Tränen, ihre Macht. Auf der anderen Anna, mit ihrem Zorn und dieser unerbittlichen Grenze, die sie gezogen hatte.
Die Gäste schwiegen. Niemand wagte sich zu rühren. Schließlich räusperte sich Hannes, Florians Bruder, und murmelte leise:
„Na, Florian, jetzt hast den Salat.“
Als Theresa merkte, dass ihr Sohn schwankte, stürzte sie sofort zu ihm hin, krallte sich in seinen Hemdärmel und begann zu zischen:
„Wag es ja nicht, mein Bub! Sie manipuliert dich! Sie will unsere Familie kaputtmachen! Sie…“
„Mama, genug!“ Florian riss seinen Arm frei.
Sein Blick wanderte zur geschlossenen Tür, hinter der Anna Sachen zusammensuchte. Er kannte sie. Er wusste ganz genau: Anna drohte nicht zum Spaß.
Kurz darauf kam sie wieder heraus. Lena stand neben ihr im Mantel, das LEGO-Sackerl fest in der Hand, mit großen Augen und ohne auch nur annähernd zu verstehen, welches Gewitter hier gerade über die Erwachsenen hereingebrochen war.
Anna sagte kein Wort. Sie hob nur die Hand und tippte mit dem Finger auf ihre Armbanduhr.
Die Zeit war abgelaufen.
Florian holte tief Luft. Dann ging er langsam auf seine Mutter zu. Er öffnete den Mund, bereit, jene Worte auszusprechen, die alles entscheiden würden.
Anna blieb bei der Tür stehen und hielt Lenas kleine Hand in ihrer. Es gab keine Verlängerung mehr.
Ihr Blick war kalt wie Fensterglas im Winter. Sie blinzelte nicht einmal. Sie sah ihren Mann nur an, und in diesem Blick lag ein einziges Wort: Wähl.
Florian stand zwischen seiner Mutter, die ihn mit Schluchzen und Hysterie an sich ketten wollte, und seiner Frau, die ihn nicht mit Geschrei, sondern mit Wahrheit und Schweigen zwang, endlich Stellung zu beziehen. Er sah die Verurteilung in Hannes’ Augen. Er sah das Entsetzen in den Gesichtern der Gäste.
Und in diesem Augenblick ist etwas in ihm gebrochen. Nicht auf die schlimme Art. Im Gegenteil. Es war, als wäre in seinem Inneren ein Schalter umgelegt worden, und plötzlich sah er klarer als je zuvor.
