„Dass deine Verwandtschaft mir nie wieder einen Fuß in meine Wohnung setzt!“ — platzte die Ehefrau heraus und zeigte, wozu sie fähig war

Unverschämte Überraschung zerstört mühsam erkämpfte Ruhe.
Geschichten

— Dass deine Verwandtschaft mir nie wieder einen Fuß in meine Wohnung setzt! — platzte es aus der Ehefrau heraus. Und dann zeigte sie, wozu sie fähig war.

Anna hörte die Glocke und erstarrte mitten in der Bewegung, den Schöpflöffel noch in der Hand. Am Herd köchelte die Suppe, auf dem Schneidbrett lagen die halb geschnittenen Zutaten für den Salat, und auf dem Küchentisch türmte sich bereits ein Berg schmutzigen Geschirrs. Sie warf einen Blick auf die Uhr: halb neun am Abend. Wer konnte das jetzt noch sein?

— Annalein, mach auf! — rief Lukas aus dem Vorzimmer. — Überraschung!

Überraschung. Anna zog sich der Magen zusammen. Lukas’ letzte „Überraschung“ war ein halbes Jahr her gewesen: Damals hatte er mitten in der Nacht drei Freunde angeschleppt, und sie hatte um zwei Uhr früh Erdäpfel braten und Speck aufschneiden müssen.

Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab und ging zur Tür. Auf der Schwelle stand Lukas mit einem breiten, zufriedenen Lächeln. Hinter ihm drängten sich vertraute Gestalten: seine Mutter Theresa, seine Schwester Katharina mit ihrem Mann Tobias und deren zwei halbwüchsige Kinder.

— Na, schaut her! — verkündete Lukas feierlich. — Sie sind eine Woche zu Besuch gekommen! Ich hab doch gesagt, dass ich sie schon lang einladen wollte.

Anna konnte sich an keine konkrete Einladung erinnern. Ja, irgendwann hatte Lukas einmal nebenbei gemeint, man müsste die Verwandten endlich herholen. Das war aber vor zwei Monaten gewesen, und das Gespräch war damals einfach im Sand verlaufen.

— Guten Abend… — brachte sie mühsam hervor und trat zur Seite.

Theresa kam als Erste herein und musterte das Vorzimmer mit einem prüfenden Blick.

— Was ist denn, seid ihr etwa überrascht? — schnaubte sie und streifte ihren Mantel ab. — Lukas hat gesagt, ihr werdet euch freuen. Wir sind die ganze Strecke hergezuckelt, vier Stunden im Bus, stell dir das einmal vor!

— Kommt nur herein — sagte Anna mechanisch und sah zu, wie die ganze Verwandtschaft mit Taschen und Sackerln in die Wohnung strömte und die abendliche Ruhe mit lauten Stimmen füllte.

Katharina steuerte sofort auf die Küche zu.

— Ah, du kochst Suppe? Ich hab eigentlich von Reis mit Fleisch geträumt. Kannst du so etwas machen? In diesem alten Film gab es einmal so ein herrliches Gericht, weißt du noch?

Anna starrte ihre Schwägerin wortlos an. Reis mit Fleisch. Jetzt. Um halb neun am Abend, nachdem sie schon seit zwei Stunden am Herd stand.

— Katharina, könnte das nicht bis morgen warten? — fragte sie vorsichtig. — Es ist schon spät, und die Suppe ist fast fertig.

— Geh bitte — winkte Katharina ab. — Wir warten schon. Du bist ja die Hausfrau, für dich ist das doch keine große Sache. Lukas hat erzählt, dass du den ganzen Tag daheim herumsitzt.

Anna arbeitete von zu Hause aus als Webdesignerin. Aber das zu erklären, hätte ohnehin keinen Sinn gehabt. In den Augen von Lukas’ Familie bedeutete „daheim am Computer arbeiten“ schlicht und einfach: nichts tun.

— Lukas, und wo schlafen wir eigentlich? — fragte Theresa, während sie sich auf dem Sofa niederließ. — Ihr habt hier doch nur zwei Zimmer, oder?

— Mama, du und Katharina nehmt unser Schlafzimmer — begann Lukas großzügig zu verteilen. — Anna und ich schlafen auf der Küchenliege, und Tobias mit den Buben bringt man schon im Wohnzimmer unter.

Wohnzimmer. Damit meinte er den winzigen Raum von kaum zehn Quadratmetern, in dem Annas Schreibtisch, ihr Computer und ihre Bücherregale standen. Genau dort verbrachte sie täglich acht Stunden und erstellte Entwürfe für ihre Kundschaft.

— Lukas, ich muss morgen arbeiten — sagte sie leise. — Ich habe eine Abgabefrist.

— Ach, das wird schon gehen — meinte Lukas und machte eine wegwerfende Handbewegung. — Einen Tag hältst du aus. Oder du stehst halt früher auf.

Anna sah ihren Mann an. Sein sorgloses Lächeln, die Art, wie er Tobias auf die Schulter klopfte, wie er die Schuhe von sich streifte und sich zufrieden in den Fauteuil fallen ließ. Sie sagte nichts.

Die ersten drei Tage fühlten sich an wie ein Marathon ohne Ziellinie. Anna stand um sechs Uhr auf, solange noch alle schliefen, und versuchte, wenigstens ein Stück mit ihrer Arbeit weiterzukommen. Gegen acht wurden die Gäste wach, und dann brach das Chaos los.

— Annalein, mach uns Kaffee! — rief Theresa aus dem Zimmer.

— Anna, kannst du Eier mit Speck braten? So wie in amerikanischen Filmen! — fiel Katharina ein.

Die Jugendlichen saßen stumm da, starrten auf ihre Handys und verteilten Brösel auf dem Boden. Tobias verlangte ein „richtiges Männerfrühstück“: mit Fleisch, gebratenen Erdäpfeln und Essiggurkerln.

Lukas ging um neun zur Arbeit, küsste Anna zum Abschied und sagte nur:

— Du schaffst das schon, mein Sonnenschein. Ich hab gewusst, dass ich mich auf dich verlassen kann. Sie freuen sich ja so, dich zu sehen!

Zu Mittag dröhnte Anna bereits der Kopf. Theresa wanderte wie eine Kontrolleurin durch die Wohnung und fand an den unmöglichsten Stellen Staub.

— Anna, wann hast du denn das letzte Mal in den Ecken gewischt? Da hängt ja ein Spinnweb. Und unter dem Sofa, schau nur, da hat sich auch ordentlich was angesammelt. Wir leben am Land vielleicht einfacher, aber sauber ist es bei uns immer.

Anna schwieg und putzte die Ecken.

Katharina saß derweil am Handy, scrollte durch soziale Netzwerke und seufzte immer wieder.

— Ach, ich würd so gern einmal in einen Schönheitssalon gehen! Lukas hat gesagt, bei euch in Wien gibt es lauter schicke Salons. Wie in diesem Film, dessen Titel mir grad nicht einfällt, wo die Hauptfigur zum Friseur gegangen ist. So etwas hätt ich auch gern!

— Ich kann dir ein paar Adressen nennen — sagte Anna zögernd.

Hedis Stube