„Dass deine Verwandtschaft mir nie wieder einen Fuß in meine Wohnung setzt!“ — platzte die Ehefrau heraus und zeigte, wozu sie fähig war

Unverschämte Überraschung zerstört mühsam erkämpfte Ruhe.
Geschichten

— Geh bitte! — fuhr ihre Schwägerin sofort dazwischen, als hätte Anna etwas völlig Abwegiges vorgeschlagen. — Wir sind ja praktisch zum ersten Mal richtig in der Stadt. Du musst mit uns hingehen, du musst den Termin ausmachen und dort alles erklären. Sonst drehen sie uns am Ende irgendwas an, oder wir verlaufen uns noch.

„Du musst.“ Dieses Wort fiel inzwischen auffallend oft.

Anna „musste“ kochen, was die anderen irgendwo „in Filmen gesehen“ hatten. Sie „musste“ auf die Kinder schauen, wenn Katharina und Tobias „ein bissl durch die Stadt spazieren“ wollten. Sie „musste“ fremde Wäsche mitwaschen, weil man in der Familie ja wohl nicht so kleinlich sein müsse.

Am vierten Tag stand Anna nach dem Abendessen wieder beim Abwasch. Hinter ihr lag ein weiterer „Wunsch“ aus der Reihe ihrer Gäste: diesmal Steak mit gegrilltem Gemüse, für das sie nach einem ganzen Arbeitstag noch zwei Stunden in der Küche gestanden war. Da trat Theresa zu ihr, ließ den Blick prüfend über die Arbeitsfläche, den Herd und den Boden wandern und sagte mit dieser weichen, aber giftigen Stimme:

— Weißt du, Anna, Lukas’ erste Frau war viel flotter. Die hat in einer Stunde gekocht, alles zusammengeräumt und dabei auch noch gelächelt. Du läufst dagegen herum, als wärst du ganz zerknittert.

Anna hätte ihr am liebsten eine Antwort hingeschleudert. Stattdessen presste sie nur die Zähne zusammen und schrubbte weiter an der Pfanne.

Am Morgen des fünften Tages, als sie in dieser Woche bereits zum sechsten Mal Frühstück richtete, verkündete Katharina plötzlich:

— Anna, wir haben beschlossen: Heute gehen wir in den Schönheitssalon! Mama will so eine Frisur wie diese Schauspielerin aus der Serie, von der ich dir gestern erzählt hab, weißt eh? Und ich brauch Maniküre und überhaupt das volle Programm. Du buchst uns doch beim besten Salon, oder? Und du kommst natürlich mit.

— Um zwei hab ich eine Online-Besprechung mit einem Kunden — sagte Anna und wendete die Palatschinken in der Pfanne.

— Dann sag sie ab — meinte Theresa, als wäre es die einfachste Sache der Welt. — Wir sind nur eine Woche da. Deine Arbeit rennt dir schon nicht davon. Aber wir fahren wieder heim, und wer weiß, wann wir einander das nächste Mal sehen.

— Ich kann das nicht absagen. Es ist ein wichtiges Projekt.

— Na so etwas Egoistisches! — Katharina schlug theatralisch die Hände zusammen. — Die Verwandtschaft ist dir also zu viel, ja? Hab ich mir eh schon gedacht! Lukas, hörst du, was deine Frau da sagt?

Lukas kam gerade aus dem Bad und knöpfte sich im Gehen das Hemd zu.

— Anna, ehrlich… einmal könntest du so einen Termin schon verschieben. Die Familie kommt ja nicht jeden Tag. Tu ihnen halt die Freude.

— Ich tu jeden Tag etwas — sagte Anna leise. — Ich koche, ich putze, ich schleppe alle in die Geschäfte, und nebenbei verliere ich zwei Projekte, weil ich nicht ordentlich arbeiten kann.

— Ach, stell dich nicht so arm! — schnaubte Theresa. — Wir helfen dir doch. Tobias hat gestern zum Beispiel den Mist hinuntergetragen.

Den Mist. Ein einziges Mal in fünf Tagen.

— Annalein, sei nicht gleich so grantig — Lukas küsste sie oben auf den Kopf. — Du bist doch so gutmütig und geduldig. Genau das liebe ich ja an dir. So, ich muss los. Wir sehen uns am Abend.

Dann war er weg.

Anna blieb beim Herd stehen und starrte hinaus. Draußen lag ein heller, sonniger Tag über der Stadt. Irgendwo saßen Menschen auf Terrassen bei einem Kaffee, gingen durch Parks, erledigten ihre Wege, lebten ganz normal. Und sie stand hier, wie eine Gefangene in der eigenen Wohnung, umgeben von Leuten, die sich nicht einmal mehr Mühe gaben zu verbergen, dass sie sie für eine Bedienung hielten.

Der Schönheitssalon brachte das Fass schließlich zum Überlaufen. Katharina suchte sich im Internet den teuersten aus, den sie finden konnte. Vier Stunden saß Anna in einem stickigen Wartebereich, beantwortete vom Handy aus Arbeitsmails und hörte zu, wie ihre Schwägerin der Stylistin lautstark vom „Leben draußen am Land“ erzählte und davon, dass „in der Stadt alle so eingebildet“ seien.

Als es ans Bezahlen ging, machte Katharina große, unschuldige Augen.

— Oje, ich hab das Geld in der Wohnung liegen lassen. Anna, zahlst du schnell, ich geb’s dir dann zurück?

— So viel hab ich nicht bar dabei — log Anna und sah auf die Rechnung über 200 Euro.

— Dann halt mit Karte! — winkte Theresa ab. — Wo ist denn da das Problem? Davon wirst du schon nicht zugrunde gehen. Lukas verdient gut, das hat er ja selber gesagt.

Anna zahlte. Sie wusste, dass sie das Geld nie wiedersehen würde. Genauso wenig wie das Geld für den Großeinkauf in der Vorwoche. Oder die Taxifahrt vor drei Tagen. Oder die Kinokarten, zu denen sie angeblich „alle selbst eingeladen“ hatte.

Als sie am Abend heimkamen, empfing sie die Wohnung im völligen Durcheinander. Tobias schaute mit den Kindern Fußball, auf der Couch lagen Chips verstreut, und auf dem Tisch standen leere Bierflaschen in einer Reihe. In der Küche stapelte sich das schmutzige Geschirr; während die Frauen weg gewesen waren, hatten die Männer beschlossen, sich „nur schnell etwas Kleines“ zu machen.

— Anna, was gibt’s zum Abendessen? — fragte Tobias, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen. — Wir haben uns gedacht, Schaschlik wär super. So wie draußen beim Grillen, nur halt daheim. Im Fernsehen haben sie das gezeigt, voll schön angerichtet.

Anna sagte kein Wort. Sie ging in die Küche, blieb vor der Abwasch stehen und betrachtete die Berge von Tellern, Gläsern und Pfannen. Dann öffnete sie den Kühlschrank: fast leer. Einkaufen hatte sie nicht können, weil sie den ganzen Tag in diesem Salon festgesessen war. Ihr Blick fiel auf die Uhr. Halb sieben. In einer Stunde würde Lukas kommen und selbstverständlich erwarten, dass das Abendessen fertig auf dem Tisch stand.

Sie öffnete das Gefrierfach. Darin lag noch ein Stück Schweinefleisch, das sie eigentlich fürs Wochenende aufgehoben hatte. Anna nahm es heraus, legte es auf die Arbeitsplatte — und in diesem Moment wurde ihr mit erschreckender Klarheit bewusst, dass sie nicht mehr konnte.

Einfach nicht mehr.

— Annalein, warum stehst du denn so da? — Katharina steckte den Kopf in die Küche und zupfte sich im Spiegel im Vorzimmer noch rasch die Haare zurecht.

Hedis Stube