Bei deiner Schwester, bei deiner Mutter, meinetwegen auch im Büro. Mir ist es völlig egal.
— Drohst du mir jetzt?!
— Nein, Florian. Ich schütze nur mein eigenes Zuhause. Genau das, was ich schon vor zwei Wochen hätte tun müssen. Du kannst mich weiter anschreien, mich beleidigen, mir alles Mögliche vorwerfen. Aber jedes weitere Wort bringt dich nur näher an den Punkt, an dem du mit einem Koffer vor der Tür stehst. Deine Entscheidung.
Am anderen Ende der Leitung wurde es still. Florian atmete schwer. Er spürte, wie der Adrenalinschub langsam verebbte und an seine Stelle eine kalte, unangenehme Erkenntnis trat.
— Bis sieben will ich wissen, wie du dich entscheidest, — fügte Katharina hinzu. — Deine Schwester kann zwischen acht und neun kommen und ihre Sachen holen. Falls du sie begleitest, sorg dafür, dass sie keine Szene macht. Für Theater habe ich keine Kraft mehr. Das war’s.
Das Besetztzeichen klang in seinen Ohren wie ein Urteil.
Florian sank zurück auf den Sessel und starrte auf das Display seines Handys. In seinem Kopf war ein einziges Durcheinander. Da war Theresa, seine kleine Schwester, die er seit Kindertagen beschützt hatte, die eben noch am Telefon geschluchzt hatte. Und auf der anderen Seite stand Katharina, mit der er seit vier Jahren zusammenlebte, die er liebte … oder von der er zumindest geglaubt hatte, sie zu lieben.
Das Handy vibrierte schon wieder. Theresa.
— Und? Hast du mit ihr geredet? Hat sie sich entschuldigt? Wann darf ich zurück?
Florian presste sich die Handflächen vors Gesicht.
— Theresa … erzähl mir das Ganze noch einmal. Aber diesmal genau. Schritt für Schritt. Was ist wirklich passiert?
— Was heißt bitte „genau“? — fragte seine Schwester beleidigt. — Florian, glaubst du mir etwa nicht?
— Erzähl einfach. Von Anfang an.
— Na ja … ich bin aufgewacht, wie immer halt. So gegen elf. Dann bin ich in die Küche gegangen …
— Um elf? — unterbrach er sie. — Und wann bist du schlafen gegangen?
— Keine Ahnung … so gegen drei vielleicht. Ich hab noch mit den Mädels geplaudert, und dann hab ich eine Serie fertiggeschaut …
— Moment. Waren die Mädels bei uns in der Wohnung?
— Ja, sie sind kurz vorbeigekommen. Na und? Wir sind eh nur ruhig zusammengesessen!
Florian erinnerte sich plötzlich daran, wie Katharina am Montag wortlos die Scherben eines Glases aus dem Wohnzimmer zusammengekehrt hatte, das angeblich „einfach vom Regal gefallen“ war.
— Weiter.
— Also, ich bin in die Küche, weil ich frühstücken wollte, und Katharina war dort. Und sie hat sofort angefangen, ich soll mein Geschirr wegräumen und abwaschen. Ich hab gesagt, dass ich das später mache, weil ich zuerst etwas essen muss. Daraufhin meinte sie, mein „später“ werde immer Abend, und sie habe es satt, hinter mir herzuräumen. Stell dir das vor! Als würde ich absichtlich alles verdrecken!
— Und hast du abgewaschen?
— Florian! — empörte sich Theresa. — Auf wessen Seite stehst du eigentlich?
— Ich frag nur.
— Na ja … manchmal hab ich es halt vergessen. Ich hab bald Aufnahmeprüfungen! Ich muss lernen!
Florian schloss die Augen. Wenn Theresa sagte, sie habe „manchmal“ etwas vergessen, bedeutete das in Wahrheit: Sie hatte es nie gemacht.
— Was war danach?
— Danach hat sie gemeint, ich sei in der Nacht zu laut. Sie müsse früh aufstehen und könne so nicht schlafen. Ja gut, manchmal hör ich Musik, aber sicher nicht laut! Außerdem ist die Wohnung groß genug, sie müsste das gar nicht mitbekommen!
— Es ist eine Dreizimmerwohnung, Theresa. Drei Zimmer. Kein Schloss.
— Trotzdem! Und dann hab ich gesehen, dass sie gerade mein Kleid bügelt. Das blaue, das ich auf der Party anhatte. Ich hab sie gefragt, warum sie es genommen hat, und sie behauptet doch tatsächlich, das sei ihr Kleid! Stell dir das einmal vor!
In Florians Magen zog sich etwas eiskalt zusammen.
— Theresa. Das blaue Kleid, das du letzte Woche auf dem Instagram-Foto getragen hast?
— Ja! Schön, oder? Ich hab gedacht, Katharina merkt das nicht. Sie hat es ja schon ewig nicht mehr angehabt …
— Mein Gott, — stöhnte Florian. — Theresa, du hast einfach ihre Sachen genommen, ohne sie zu fragen?
— Florian, bitte, wir sind doch fast Familie! Was ist daran so ein Riesendrama? Schwestern borgen sich auch gegenseitig Kleidung!
— Ihr seid aber keine Schwestern.
— Na ja … fast! Und ich hätte es ja eh gewaschen und zurückgelegt. Nur ist halt zufällig ein Fleck draufgekommen …
— Was für ein Fleck?
— Na ja … ein bisschen Wein ist verschüttet worden. Rotwein. Aber nicht mit Absicht!
Florian merkte, wie seine eben noch so sichere Wut auf Katharina in sich zusammenfiel.
— Und was hat Katharina gesagt?
— Sie … sie hat gesagt, das Kleid habe zweihundert Euro gekostet und sie habe es nur einmal getragen, bei irgendeinem Firmenevent. Und ich soll entweder die Reinigung zahlen oder ihr ein neues kaufen. Da hab ich gesagt, woher ich denn so viel Geld nehmen soll. Und überhaupt, es ist doch nur ein Kleid, man kann ja ein neues kaufen. Da ist sie ganz bleich geworden und hat gesagt, ich soll ausziehen.
— Und was hast du geantwortet?
— Was hätte ich denn sagen sollen?! — Theresas Stimme klang wieder gekränkt und trotzig. — Ich hab gesagt, dass ich zu meinem Bruder gekommen bin, dass das auch dein Zuhause ist und dass ich nirgendwo hingehe! Wenn es ihr nicht passt, soll sie doch ausziehen!
Florian fuhr sich langsam mit der Hand übers Gesicht.
— Theresa, — sagte er leise und jedes Wort fiel ihm schwer. — Das ist nicht mein Zuhause. Das ist Katharinas Wohnung.
