— Ihr habt also ein Haus gekauft? Wunderbar! Dann haben wir ja schon beschlossen, dass wir den Sommer mit der ganzen Familie bei euch verbringen, — verkündete Theresa und legte zufrieden beide Hände auf den Küchentisch.
Anna machte die Kühlschranktür langsam zu. Zuerst schaute sie ihre Schwiegermutter an, dann deren Tochter Katharina, die es bereits geschafft hatte, mit ihren zwei Kindern durch alle Zimmer zu gehen. Katharinas Mann Florian war im Hof geblieben und musterte mit geschäftiger Miene den Platz neben dem Schuppen, als würde er dort schon seine eigene Werkstatt planen.
Lukas saß seiner Mutter gegenüber und sagte kein Wort. Daran, wie er mehrmals mit den Fingern über den Rand seines Häferls fuhr, merkte Anna sofort: Ihr Mann suchte fieberhaft nach einer Formulierung, die niemanden kränken würde.
Nach solchen Worten suchte er immer. Meist endete diese Suche damit, dass Lukas den Vorstellungen anderer zustimmte, während Anna später die Folgen ausbaden musste.
Durch das offene Fenster zirpten die Grillen. Die Augustsonne hatte den Hof bereits ordentlich aufgeheizt, obwohl es gerade erst nach zehn Uhr vormittags war. Auf der frisch gestrichenen Fassade hoben sich die weißen Fensterrahmen hell ab, neben der Haustür standen Säcke mit Erde, und entlang des Weges lagen Bretter bereit, aus denen später Beete werden sollten.

Das Haus hatten Anna und Lukas zu Beginn des Sommers gekauft. Es war klein, ebenerdig, mit zwei Schlafzimmern, einer Wohnküche und einem Grundstück, um das sich die früheren Besitzer jahrelang kaum gekümmert hatten. Dieser Kauf war das Ergebnis langer Sparerei, vieler abgesagter Ausflüge und unzähliger Besichtigungen gewesen.
Kennengelernt hatten sich Anna und Lukas sechs Jahre zuvor auf der Geburtstagsfeier eines gemeinsamen Freundes. Schon nach ein paar Monaten war ihnen klar geworden, dass es sinnlos war, ständig quer durch die Stadt zueinander zu fahren. Also mieteten sie gemeinsam eine Wohnung. Ein Jahr später heirateten sie.
Von einem eigenen Haus hatten sie praktisch gleich nach der Hochzeit zu sprechen begonnen. Sie träumten nicht von einem hohen Zaun, drei Stockwerken und einem riesigen Garten. Sie wollten einfach einen Ort haben, an den man nach der Arbeit fahren konnte, wo man die Fenster aufmachte, im Freien werkelte und hinter der Wand keinen Nachbarsfernseher hörte.
Über mehrere Jahre legten sie Geld auf die Seite, durchforsteten Anzeigen und verglichen Gegenden. Als es endlich möglich war, die Anzahlung zu leisten, entschieden sie sich für ein Haus in einem Ort, von dem aus man ohne stundenlange Staus in die Stadt kam.
Das Haus wurde auf sie beide eingetragen, auch der Kredit lief auf beide Namen. Jedes Brett, jede Farbdose und jede Packung Schrauben landete in ihrer gemeinsamen Ausgabenliste. Den beiden war sehr wohl bewusst, wie viel noch zurückzuzahlen war und wie viel Geld die Pflege des Grundstücks zusätzlich verschlingen würde.
Kaum hatten sie die Schlüssel bekommen, machten sie sich an die Arbeit.
Die Fassade war ausgeblichen, also schliff Lukas die alte Schicht ab, während Anna den unteren Teil der Wände strich. Am Abend zitterten ihnen vor Müdigkeit die Hände, doch am nächsten Morgen standen sie wieder mit Pinseln draußen.
Die Küche wurde in Einzelteilen geliefert. Lukas verglich lange jedes Stück mit der Anleitung, Anna sortierte die Beschläge und hakte auf einem Blatt die bereits fertigen Elemente ab. Zweimal mussten sie ein Küchenkastl wieder zerlegen, weil die Schienen verkehrt montiert waren. Sie stritten, lachten über ihre eigene Selbstsicherheit und hatten es gegen Mitternacht dann doch geschafft.
Auf dem Grundstück war es nicht weniger mühsam. Das alte Gras wurde entfernt, trockene Äste wurden abtransportiert, der Weg zum Schuppen freigeräumt. Anna wollte im Herbst einen Platz für Beerensträucher vorbereiten, Lukas plante einen kleinen Unterstand beim Haus.
Sie arbeiteten nach Dienstschluss und fast jedes Wochenende. Manchmal schliefen sie gleich nach dem Abendessen ein, noch bevor sie besprechen konnten, was am nächsten Tag zu tun war. Trotzdem machte sie diese Erschöpfung nicht grantig. Jeder fertig gestrichene Wandabschnitt, jedes montierte Regal und jeder freigeräumte Weg erinnerte sie daran, dass sie das alles für sich selbst machten.
Von dem Kauf wollten sie zunächst nur den engsten Verwandten erzählen.
Anna stellte mehrere Tage lang keine Fotos online, weil ihr das Haus noch viel zu unfertig vorkam. Auf der kleinen Veranda lagen Werkzeuge, im Wohnzimmer stapelten sich Schachteln, und ein Teil des Grundstücks war noch immer verwildert.
Lukas musste lachen, als seine Frau wieder einmal meinte, sie wolle die Küche lieber noch nicht fotografieren.
— Wir werden sicher noch ein Jahr lang irgendwo etwas fertig machen. Wenn wir so weitermachen, können wir das Haus bis nächsten Sommer geheim halten.
Am Freitagabend machte Anna schließlich doch ein paar Aufnahmen: die Fassade, die Apfelbäume, die Küche und Lukas mit dem Akkuschrauber neben einer halb montierten Bank. Die Bilder schickte sie in den Familienchat und schrieb dazu, dass sie nun endlich in ihr eigenes Haus am Land übersiedelt seien.
Die Antworten kamen sofort.
Zuerst gratulierten alle. Eine Cousine von Lukas’ Mutter wünschte ihnen ein ruhiges Leben. Katharina bat darum, die Kinderzimmer zu zeigen. Theresa schrieb, sie habe ihrem Sohn ja schon immer gesagt, wie gut frische Luft außerhalb der Stadt sei.
Nach einer halben Stunde bekam das Gespräch eine andere Richtung.
Katharina fragte, ob es in der Nähe einen See gebe. Florian wollte wissen, ob man im Hof einen großen Griller aufstellen könne. Die Schwiegermutter begann zu erklären, dass Ferien für Kinder am Land viel gesünder seien als in der Stadt.
Anna las die Nachrichten und zog die Stirn kraus.
— Die planen schon ihren Urlaub bei uns, sagte sie zu ihrem Mann.
Lukas warf einen Blick auf sein Handy.
— Sie freuen sich halt einfach.
— Katharina hat geschrieben, sie nimmt ein aufblasbares Becken mit und stellt es unter den Apfelbaum.
— Das meint sie sicher nur als Spaß.
— Und warum fragt deine Mutter dann, welches Zimmer frei ist?
Lukas scrollte hastig durch den Chat.
— Mach dich nicht verrückt. Sie wissen eh, dass das Haus klein ist.
Anna widersprach nicht. In seiner Familie wurden oft Ideen herumgeschickt, die am Ende bloß Nachrichten im Chat blieben. Sie beschloss, dass das Interesse an ihrem Hauskauf in ein, zwei Tagen ohnehin nachlassen würde.
Doch schon am Sonntagvormittag blieben zwei Autos vor dem Gartentor stehen.
Anna und Lukas waren gerade in der Küche beschäftigt. Sie wischte die neuen Regalböden aus, er montierte Griffe an die Türen.
Als Erster kam Florian in den Hof. In einer Hand trug er ein Sackerl, in der anderen einen Klappsessel.
— Nehmt’s die Gäste in Empfang!
Hinter ihm tauchte Katharina mit den Kindern auf. Theresa kam als Letzte, gemeinsam mit ihrem Mann Josef.
Niemand hatte vorher angerufen.
— Bleibt ihr länger? fragte Anna nach der Begrüßung.
