— Das wird sich zeigen, sagte Katharina. — Die Kinder haben schon die ganze Zeit geraunzt, sie wollen endlich das Haus sehen.
Ihr älterer Sohn ist da bereits Richtung Schuppen gelaufen, die jüngere Tochter hat die Nase neugierig an eines der Fenster gedrückt.
— In den Schuppen geht ihr mir aber nicht hinein, dort liegt Werkzeug herum, rief Anna warnend.
Katharina machte nur eine wegwerfende Handbewegung.
— Die passen eh auf.
Anna ist den Kindern trotzdem selbst nachgegangen und hat den Schuppen zugesperrt. Lukas trug währenddessen die Sackerln herein, die die Verwandten mitgebracht hatten.
Die Gäste machten es sich erstaunlich rasch bequem. Florian spazierte am Zaun entlang und überlegte laut, wo man den Griller am besten hinstellen könnte. Josef begutachtete die Apfelbäume und erklärte, zwei Äste gehörten dringend zurückgeschnitten. Katharina ging durchs Haus, schaute in beide Schlafzimmer und fragte schließlich, welches davon für Gäste gedacht sei.
— Ein eigenes Gästezimmer haben wir nicht, antwortete Anna.
— Und das da?
Katharina deutete auf das kleinere Schlafzimmer, in dem Anna und Lukas vorläufig Kartons, Werkzeug und Baumaterial gelagert hatten.
— Daraus soll Lukas’ Arbeitszimmer werden.
— Den Schreibtisch könnt ihr ans Fenster stellen, und ein kleines Sofa lasst ihr einfach für Übernachtungen drinnen.
— Wir haben noch gar nicht endgültig entschieden, was dort hinkommt.
Katharina lächelte, als hätte Anna bloß eine ganz naheliegende Lösung nicht begriffen.
— Ich sag ja nur, wie es praktisch wäre.
Anna erwiderte nichts. Sie ging wieder in die Küche und begann, die mitgebrachten Lebensmittel aus den Sackerln zu räumen.
Nach dem Tee sah Theresa einmal in die Runde und kam ohne Umschweife zum eigentlichen Thema.
— Ihr habt also das Haus gekauft. Wunderbar! Wir haben daheim schon alle beschlossen, dass wir den Sommer bei euch verbringen.
Sie sagte es leicht dahin, beinahe heiter, und erwartete offenkundig, dass ihr Sohn diesen Plan sofort gutheißen würde.
Anna blickte aus dem Fenster. Bis Ende August waren zwar noch ein paar Wochen Zeit, doch am Tonfall ihrer Schwiegermutter war klar zu hören: Es ging nicht nur um diesen einen Sommer. In Gedanken hatten die Verwandten offenbar bereits jede kommende Saison unter sich aufgeteilt.
— Wer genau hat das beschlossen? fragte Anna.
— Wir haben das in der Gruppe besprochen, erklärte Katharina. — Mama und Papa kommen unter der Woche, wir dann mit den Kindern. Florian muss im August teilweise arbeiten, deshalb fährt er zwischendurch in die Stadt.
— In welcher Gruppe?
— Wir haben eine eigene Familiengruppe.
Lukas hob abrupt den Kopf.
— Und warum bin ich da nicht drinnen?
Katharina zuckte mit den Schultern.
— Die haben wir nur schnell angelegt, damit wir die allgemeine Gruppe nicht mit allem zumüllen.
— Das heißt, ihr habt über unser Haus geredet, ohne uns einzubeziehen? fragte Anna ruhig nach.
— So musst du das jetzt nicht hindrehen, mischte sich Theresa ein. — Niemand will euch das Haus wegnehmen. Wir möchten einfach Zeit miteinander verbringen.
Sie stand vom Tisch auf und ging ein paar Schritte Richtung Vorraum.
— Josef und ich nehmen das Schlafzimmer neben der Küche. In der Nacht ist es für uns mühsam, wenn wir weit gehen müssen. Katharina schläft mit den Kindern im zweiten Zimmer. Florian kann ja ein Feldbett mitbringen.
Anna drehte sich zu ihrem Mann um.
Lukas blinzelte verwirrt, dann sah er seine Mutter an.
— Und wo sollen wir schlafen?
— Ihr seid jung. Im Garten kann man ein ordentliches Zelt aufstellen. Im August ist es warm genug.
Für ein paar Sekunden fand Lukas überhaupt keine Worte.
— Du schlägst uns gerade ernsthaft vor, dass wir aus unserem eigenen Schlafzimmer ausziehen?
— Nicht die ganze Zeit. Wir können ja abwechseln. Außerdem wolltet ihr euch doch ohnehin um den Garten kümmern.
Katharina sprang ihrer Mutter bei:
— Die Kinder brauchen ihren Rhythmus, für die ist ein Zelt nichts. Ihr könnt das ja als kleine Auszeit in der Natur sehen.
Anna beobachtete das Gesicht ihres Mannes. Lukas hatte den Mund schon geöffnet, und sie wusste genau, was gleich kommen würde: „Passt schon, wir werden uns etwas überlegen.“ Sie erkannte diesen Moment an seinem angespannten Lächeln und dem hastigen Atemholen.
Früher hatten solche Zugeständnisse vielleicht ein gemeinsames Abendessen betroffen, eine Fahrt irgendwohin oder Pläne für einen Feiertag. Jetzt aber war Lukas im Begriff, seinen Verwandten ein Haus zu überlassen, für das sie beide noch viele Jahre den Wohnkredit abstottern mussten.
Anna stand auf.
— Einen Moment bitte.
Sie ging ins Schlafzimmer und kam mit ihrem Kalender zurück. Darin standen Einkaufslisten, Zahlungstermine, Notizen zur Renovierung und ihre Berechnungen für die nächsten Monate.
Anna legte den Kalender vor sich auf den Tisch und schlug die entsprechende Seite auf.
Theresa wurde sichtlich vorsichtig.
— Was soll das sein?
— Die laufenden Kosten fürs Haus.
— Und wozu brauchen wir die?
— Wenn ihr vorhabt, den ganzen Sommer hier zu wohnen, dann solltet ihr auch wissen, was so ein Aufenthalt kostet.
Florian hörte auf, aus dem Fenster zu schauen, und setzte sich an den Tisch.
Anna fuhr mit dem Finger über die Zeilen.
— Kreditrate. Versicherung. Strom. Wasser. Müllabfuhr. Abgaben. Wartung von Geräten. Ausgaben für den Garten. Material, das wir für die Renovierung kaufen.
— Was hat die Renovierung mit unserem Besuch zu tun? fragte Katharina.
— Sehr viel. Wenn hier zusätzlich sechs Personen untergebracht werden, bleiben die Arbeiten liegen. Den Raum, in dem jetzt das Material lagert, habt ihr gerade schon für euch eingeplant. Also müssen wir Dinge umschlichten, und der Zeitplan verschiebt sich.
— Wir können ja helfen, bot Josef an.
— Gut. Dann teilen wir nicht nur die Zimmer im Voraus ein, sondern auch die Aufgaben.
Anna blätterte eine Seite weiter.
— Rasen mähen, Beete und Pflanzen versorgen, hinter den Kindern zusammenräumen, Lebensmittel einkaufen, kochen, Bad und WC putzen, zusätzlicher Wasser- und Stromverbrauch. Florian möchte einen großen Griller aufstellen, also müssen Holz oder Kohle, die Reinigung des Platzes und die Sicherheit ebenfalls geregelt sein.
Florian richtete sich auf.
— Um den Griller kümmere ich mich schon selbst.
— Sehr gut. Das notiere ich.
Er zog die Stirn kraus, sagte aber nichts.
Anna rechnete die Beträge zügig zusammen. Sie erwähnte weder den Kaufpreis des Hauses noch sprach sie über das Einkommen von ihr und Lukas. Sie zählte nur jene Fixkosten und zusätzlichen Ausgaben auf, die entstehen würden, wenn über Wochen hinweg eine größere Runde ständig im Haus lebte.
— Wenn ihr alle gemeinsam kommt und bis Ende August bleibt, dann macht euer Anteil ungefähr ein Drittel der laufenden Hauskosten für diesen Zeitraum aus. Lebensmittel kauft jeder selbst. Der zusätzliche Verbrauch von Strom und Wasser wird extra bezahlt. Und die Renovierung wird nicht eingestellt, deshalb müssen die Zimmer tagsüber frei bleiben.
