Die Sanierung hat sich über acht Monate gezogen. Ich habe selbst nach einer verlässlichen Partie gesucht, die Fliesen ausgesucht, mich mit den Elektrikern herumgeschlagen und die Küche bis zur letzten Lade abgestimmt. Bezahlt habe ich alles ausschließlich von meinem eigenen Konto, per Überweisung. Jede Rechnung, jeder Vertrag, jede Abnahmebestätigung ist in einer eigenen Mappe gelandet. Nicht, weil ich damals schon mit einem Unglück gerechnet hätte. Ich bin einfach so: Unterlagen gehören ordentlich abgelegt.
Am Ende war die Wohnung wirklich ein Traum. Fußbodenheizung, Schallschutz, eine helle Küche mit Kochinsel, ein behagliches Schlafzimmer und ein zweites Zimmer, das ich als Arbeitszimmer eingerichtet habe. Zwei Tage pro Woche habe ich nämlich von daheim gearbeitet. Wir sind eingezogen, haben mit Freunden und Familie angestoßen, und für eine Weile hat es sich tatsächlich wie ein gemeinsamer Neuanfang angefühlt.
Das erste Warnsignal ist nach ungefähr einem halben Jahr gekommen.
Florians Mutter, Barbara, hat im Nachbarbezirk gewohnt, war aber der festen Überzeugung, sie müsse ihren Sohn weiterhin beaufsichtigen. Vor Jahren hatte sie ihm für die Anzahlung rund zweitausend Euro zugeschossen, und in ihrer Vorstellung bedeutete das offenbar ein lebenslanges Mitspracherecht in allem, was unser Leben betraf.
Zuerst hat Florian ihr heimlich einen Zweitschlüssel machen lassen. „Nur für den Notfall, falls einmal irgendwo Wasser austritt“, hat er gemeint. Ausgetreten ist nirgends etwas. Dafür ist Barbara untertags aufgetaucht, während wir beide in der Arbeit waren. Einmal hat sie die Blumen gegossen, dann wieder den Kühlschrank „sortiert“ oder Gläser mit Marmelade angeschleppt, die bei uns niemand gegessen hat.
Mitbekommen habe ich es, als meine Arbeitsunterlagen plötzlich in einem fremd geordneten Stapel lagen und auf meinem Bildschirm Schlieren von einem feuchten Fetzen zu sehen waren.
Am Abend hat es ein ausgesprochen unangenehmes Gespräch gegeben.
„Hol dir bitte die Schlüssel von ihr zurück“, habe ich gesagt. „Mir ist nicht wohl dabei, wenn jemand in unserer Abwesenheit in der Wohnung herumwerkt und meine Sachen angreift.“
„Theresa, fang bitte nicht schon wieder an“, hat Florian abgewunken. „Das ist meine Mutter. Sie meint es doch nur gut. Sie hat die Zettel gesehen und wollte halt ein bissl aufräumen. In der Pension ist ihr fad. Was ist denn so schlimm daran?“
„Schlimm ist, dass ich Grenzen brauche. Wenn ihr fad ist, soll sie sich ein Hobby suchen. Unsere Wohnung ist keine Kontrollstelle.“
Florian hat versprochen, mit ihr zu reden. Was er tatsächlich gesagt hat, weiß ich bis heute nicht. Die Schlüssel sind jedenfalls bei ihr geblieben. Nur sind ihre Besuche danach nicht mehr heimlich passiert, sondern dann, wenn Florian daheim war.
Barbara ist gekommen, hat sich auf unser Sofa gesetzt und sofort mit ihren Bemerkungen begonnen.
„Ach, Theresa, warum habt ihr denn so einen teuren Boden legen lassen?“, hat sie geseufzt und mit der Patsche über die Dielen gestrichen. „Ein Linoleum hätte es auch getan. Das Geld hättet ihr lieber zur Seite gelegt. Der Florian läuft ja noch immer mit seiner alten Jacke herum.“
„Barbara“, habe ich höflich geantwortet und ihr Tee eingeschenkt, „der Boden ist von meinen privaten Ersparnissen bezahlt worden. Und ich gehe gern auf Holz. Eine neue Jacke kann sich Florian außerdem selbst kaufen, sein Gehalt reicht dafür.“
Dann hat sie die Lippen zusammengepresst und das Thema gewechselt. In ihrem Kopf war die Sache ganz einfach: Sobald ich verheiratet war, gehörte mein Geld in einen gemeinsamen Topf, über den natürlich ihr Sohn verfügen sollte. Die Wohnung wiederum war ausschließlich seine Leistung, als hätte ich nur zufällig darin gewohnt.
Richtig scharf ist die Lage vor etwa einem Monat geworden.
Florians jüngere Schwester Anna, vierundzwanzig Jahre alt, hatte sich in Graz von ihrem Freund getrennt und beschlossen, nach Wien zurückzukommen. Bei einem Familienessen hat Barbara ihren Umzug mit einer Selbstverständlichkeit verkündet, als hätte sie schon alles mit uns abgesprochen.
„Die Anna kommt am Wochenende“, hat sie gesagt und sich noch Salat genommen. „Ich hab ihr gesagt, sie kann vorerst bei euch wohnen. Das zweite Zimmer steht ja eh leer, Kinder habt ihr noch keine. Dort richtet sie sich ein, bis sie wieder auf den Beinen ist.“
Ich bin mit der Gabel in der Hand erstarrt. Florian hat weitergekaut, als ginge es um den Kauf eines neuen Wasserkochers.
„Barbara, Sie haben da offenbar etwas verwechselt“, habe ich möglichst ruhig gesagt. „Das zweite Zimmer steht nicht leer. Das ist mein Arbeitszimmer. Dort stehen mein Computer, meine Unterlagen und mein Bürosessel. Für Anna gibt es bei uns keinen Platz.“
Barbara hat die Augenbrauen hochgezogen, ehrlich empört.
„Ein Arbeitszimmer, na und? Dann stellst du deinen Computer eben in die Küche. Das Mädel hat gerade keine Bleibe. Zu mir kann sie nicht, seit dem Wohnungstausch hab ich nur mehr eine Garçonnière, da kann man sich kaum umdrehen. Sie wird sich doch keine Wohnung mieten, wenn beim eigenen Bruder so viel Raum ungenützt herumsteht. Ein Jahr oder zwei bleibt sie, mehr ist das nicht.“
„Sie wird nicht bei uns einziehen“, habe ich fest gesagt. „Wir sind ein junges Paar und brauchen unseren eigenen Bereich. Wenn Anna für den Anfang Unterstützung braucht, können wir ihr Geld für den ersten Mietmonat borgen. Mehr nicht.“
Barbara hat Florian einen wütenden Blick zugeworfen.
„Florian, hörst du, wie deine Frau mit mir redet? Deine eigene Schwester setzt sie auf die Straße! Und das aus deiner Wohnung!“
Florian ist rot geworden und hat den Blick gesenkt.
„Theresa, na ja, ehrlich“, hat er unsicher begonnen. „Es ist doch Anna. Sie braucht ja nicht viel Platz. Wir stellen ein Klappbett hinein. Deinen Tisch kannst du ein Stück verschieben. Wir sind Familie, man hilft einander.“
„Ja, man hilft der Familie“, habe ich erwidert. „Aber nicht, indem ich meine Arbeit und meine Ruhe aufgebe. Ich habe nicht zigtausend Euro in Ausbau und Schallschutz gesteckt, damit ich am Ende wie in einer Wohngemeinschaft lebe. Meine Antwort bleibt nein.“
Das Abendessen ist in einem Krach geendet. Barbara ist aufgesprungen, hinausgerauscht und hat die Tür hinter sich zugeschlagen.
