Jetzt hatte sie ein winziges Zimmer in einer kleinen Bezirkshauptstadt, eine Stelle in der örtlichen Bibliothek und etwas, das ihr lange gefehlt hatte: Ruhe.
Draußen vor dem Fenster rauschten die Birken im Wind. Nebenan las Tobias Felix mit wichtiger Stimme aus dem Märchen von Cipollino vor. Sebastian hatte versprochen, am Abend vorbeizukommen; er wollte mit ihr besprechen, wie sie die gemeinsame Fahrt zum Sommerhaus seiner Eltern organisieren könnten.
— Mama, — Tobias steckte den Kopf in die Küche, — fahren wir nie wieder zu Oma Elisabeth zurück?
— Nein, mein Schatz. Dorthin fahren wir nicht mehr.
— Das ist gut so, — erklärte der Bub ernst. — Sie ist böse. Und Onkel Florian ist auch böse geworden, als wir bei ihr gewohnt haben.
Theresa zog ihren Sohn an sich und strich ihm übers Haar.
— Weißt du, Tobi, manchmal verändern sich Menschen zum Schlechteren, wenn jemand neben ihnen ist, der ihnen das Falsche einredet. Das heißt nicht unbedingt, dass Onkel Florian ein schlechter Mensch ist. Er hat sich nur dafür entschieden, so zu leben, wie es für seine Mutter bequem ist — und nicht so, wie es für alle richtig und fair gewesen wäre.
— Und Onkel Sebastian?
Theresa schwieg einen Moment.
— Onkel Sebastian ist… anders.
Und genau so war es. Sebastian versuchte nicht, Tobias einen Vater zu ersetzen. Er stellte keine Ansprüche, erwartete keine Dankbarkeit dafür, dass er Theresa mitsamt Kind in sein Leben ließ. Er war einfach da: verlässlich, ruhig, aufmerksam, ohne Druck und ohne große Worte.
Später, als die Buben eingeschlafen waren, saßen Theresa und Sebastian auf dem schmalen Balkon. Vor ihnen standen zwei Häferln Tee. Sie redeten über die Arbeit, über die Kinder, über kleine Pläne, die nicht groß klangen und sich gerade deshalb echt anfühlten.
— Theresa, — sagte Sebastian plötzlich, — bereust du es manchmal, dass du gegangen bist?
Sie sah ihn an, dann wanderte ihr Blick zu den Fenstern ihrer neuen Wohnung, hinter deren dünnen Vorhängen warmes Licht schimmerte.
— Ich habe lange darüber nachgedacht, — antwortete sie leise. — Und irgendwann habe ich begriffen: Bedauern kann ich höchstens die Zeit, die ich an Illusionen verloren habe. Daran, dass ich geglaubt habe, man könne eine Familie aufbauen, wenn die Bedürfnisse eines Kindes dabei keine Rolle spielen. Aber dass ich gegangen bin? Nein. Das bereue ich nicht. Tobias ist ruhiger geworden, sicherer. Und ich… ich kann wieder frei atmen.
— Und die Liebe? — fragte Sebastian kaum hörbar.
Theresa gab nicht gleich Antwort. Sie lauschte den Geräuschen der Nacht, dem fernen Summen der Straße, dem Rascheln der Blätter.
— Liebe kann viele Gesichter haben. Aber wenn sie verlangt, dass man das opfert, was einem am kostbarsten ist, dann ist es keine Liebe.
Sebastian nickte langsam.
— Meine Frau hat immer gesagt: Wirkliche Liebe bedeutet, dass dich jemand mit allem annimmt, was dir wichtig ist. Ohne dich zu zwingen, zwischen ihm und den Menschen zu wählen, die du liebst.
— Sie muss eine sehr kluge Frau gewesen sein.
— Das war sie. Und ich glaube, sie wäre froh, wenn sie wüsste, dass Felix in einer Familie aufwächst, in der er so angenommen und geliebt wird, wie er ist.
Theresa legte ihre Hand in seine.
— Und ich bin froh, dass mein Tobias endlich einfach Kind sein darf. Ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass es ihn überhaupt gibt.
Weit weg, in der großen Stadt, saß Florian vermutlich auch jetzt neben seiner Mutter und hörte sich an, welch undankbare Schwiegertochter sie doch bekommen hatte. Vielleicht hatten sie das Sommerhaus inzwischen tatsächlich gekauft — mit Kredit oder mit Geld, das sie sich von Verwandten ausgeborgt hatten.
Doch hier, in dieser kleinen Wohnung, in der es nach Kamillentee und Kinderbüchern roch, war echtes Leben eingezogen. Ohne pathetische Reden über Familienpflicht, ohne Opfer, ohne Vorwürfe. Ein schlichtes, stilles Leben, in dem jeder das Recht hatte, er selbst zu sein.
— Mama, — drang Tobias’ verschlafene Stimme aus dem Zimmer, — zeigt uns Onkel Sebastian morgen seine Hasen?
— Ja, mein Schatz. Er zeigt sie euch. Schlaf jetzt.
Theresa lächelte. Hasen, ein Sommerhaus, gemeinsame Abendessen, Hilfe bei den Hausübungen — all das, wovon sie geträumt hatte, als sie sich eine neue Familie gewünscht hatte. Nur war es nicht dort wahr geworden, wo sie es erwartet hatte, und nicht mit dem Menschen, den sie zuerst gewählt hatte.
Aber es war wahr geworden. Und genau das zählte.
