— Anna! Anna, wo steckst du?! — Lukas ist ins Schlafzimmer geplatzt und hat dabei beinahe den Neffen umgerannt, der ein patschnasses Handtuch quer durchs ganze Haus geschleppt hat. — Das hält ja kein Mensch mehr aus!
Anna ist auf dem Bett gesessen, das Gesicht in den Händen vergraben. Aus dem Nebenzimmer hat das Geschrei der Kinder ihrer Schwester herübergedröhnt, in der Küche hat ihre Mutter irgendetwas angebraten und dabei eine Rauchwolke produziert, als würde gleich die Feuerwehr vorfahren, und von der Veranda her sind das betrunkene Lachen von Mutters Freundin und deren neuem Verehrer hereingeschwappt.
— Ich weiß eh, — hat Anna kaum hörbar gesagt. — Ich weiß das alles.
— Zehn Jahre, Anna! — Lukas hat sich neben sie fallen lassen, die Fäuste fest zusammengepresst. — Zehn Jahre haben wir für dieses Haus gespart. Auf alles Mögliche verzichtet. Und wofür bitte?
Draußen vor den Fenstern hat der See gerauscht. Genau dieser See, wegen dem sie aus der stickigen Stadt weggezogen sind. Genau dieses Wasser, zu dem sie seit fast drei Wochen nicht einmal mehr in Ruhe hinuntergekommen sind.

— Lukas, es ist doch Familie …
— Familie?! — Er ist aufgesprungen. — Deine Schwester ist „nur für zwei Tage“ gekommen. Vor drei Wochen. Mit drei Kindern! Und die haben uns sämtliche Wände vollgekritzelt!
— Ich rede mit ihr …
— Du redest mit ihr? So wie du mit deiner Mutter geredet hast, die einfach unangekündigt vor der Tür gestanden ist? Oder mit Tobias, der seine Freunde angeschleppt und hier eine Party veranstaltet hat?
Aus der Küche hat es laut gekracht. Etwas ist zu Bruch gegangen. Gleich darauf hat Annas Mutter gerufen:
— Anna! Wo habt ihr einen Fetzen? Da ist Öl ausgelaufen!
Anna wollte schon aufstehen, doch Lukas hat sie am Handgelenk zurückgehalten.
— Nein. Jetzt reicht’s. Du bleibst sitzen.
— Aber sie …
— Dann soll sie es selber wegwischen. Verdammt noch einmal, das ist unser Haus!
In diesem Moment ist die Tür aufgerissen worden. Lena, die jüngste Tochter von Annas Schwester, ist hereingestürmt.
— Tante Anna! Felix hat mich gehauen! Und eure Vase kaputtgemacht!
Lukas hat die Augen zugemacht und langsam bis zehn gezählt.
— Welche Vase?
— Die blaue. Die auf dem Regal gestanden ist.
Venezianisches Glas. Ihr Geschenk zum Hochzeitstag. Aus Italien mitgebracht, damals, bei ihrem letzten Urlaub. Vor vier Jahren.
— Aus, — hat Lukas gesagt und ist kerzengerade aufgestanden. — Aus und vorbei, Anna. Ich hab genug.
Er ist aus dem Schlafzimmer gegangen, Anna hastig hinter ihm her. Im Wohnzimmer hat das reine Chaos geherrscht. Die Kinder ihrer Schwester sind zwischen den Sofas herumgeschossen, am Boden lagen die Scherben der Vase verstreut, und Tobias lümmelte in ihrem Lieblingssessel, mit dreckigen Turnschuhen, das Gesicht ins Handy versenkt.
— Aufmerksamkeit! — Lukas hat sich mitten ins Zimmer gestellt. — Alle herhören!
Niemand hat reagiert. Die Kinder sind weitergerannt, Tobias hat nicht einmal den Kopf gehoben.
— ICH HAB GESAGT: HERHÖREN! — hat Lukas so gebrüllt, dass die Fensterscheiben gezittert haben.
Mit einem Schlag ist alles still gewesen. Sogar aus der Küche hat die Schwiegermutter herausgeschaut und sich die Hände an ihrem Küchentuch abgewischt.
— Also. Jetzt hört ihr mir gut zu. Das hier ist Annas und mein Haus. UNSER Haus. Nicht eures, nicht irgendein gemeinsames Ferienlager — unseres. Und ich will, dass morgen früh niemand von euch mehr hier ist.
