„Das ist unser Haus!“ hat Lukas wütend ausgerufen und Anna am Handgelenk zurückgehalten

Dieses zerrissene Familientheater ist schlichtweg unerträglich.
Geschichten

War das jetzt bei allen angekommen?

Als Erste hat Annas Schwester Theresa wieder zu sich gefunden.

— Lukas, was ist denn in dich gefahren? Wir sind doch Familie!

— Familie kommt, wenn sie eingeladen wird. Und sie fährt wieder heim, wenn sie es zugesagt hat. Sie richtet sich nicht wochenlang bei einem ein.

— Ich hab Urlaub! Die Kinder brauchen den See!

— Dann nehmt euch ein Quartier. Eine Pension. Ein Hotel. Mir wurscht. Aber nicht mehr hier.

Die Schwiegermutter hat entsetzt die Hände zusammengeschlagen.

— Lukas! Wie kannst du nur! Ich bin Annas Mutter!

— Und? Gibt Ihnen das automatisch das Recht, ohne zu fragen bei uns zu wohnen?

— Ich helfe euch doch! Ich koche, ich räume zusammen!

— Darum hat Sie niemand gebeten! Wir haben überhaupt niemanden gebeten, herzukommen!

Von der Veranda ist in diesem Moment Rosi hereingetorkelt, die Freundin von Annas Mutter. Betrunken, mit verschmiertem Lippenstift und glasigem Blick.

— Was ist denn das für ein Geschrei? Die Leute wollen sich erholen!

— Ganz genau! — Lukas hat sich ruckartig zu ihr umgedreht. — Die Leute wollen Erholung! Anna und ich nämlich! Und ihr alle habt uns diese Erholung gründlich verdorben!

— Lukas … — Anna hat leise versucht, ihn zu bremsen.

— Nein, Anna! Schluss jetzt! Zehn Jahre haben wir von diesem Haus geträumt! Zehn Jahre haben wir jeden Euro dreimal umgedreht! Wir sind nirgends hingefahren, haben keine neuen Möbel gekauft, haben uns Gewand im Secondhandladen geholt! Und wofür bitte? Damit aus unserem Zuhause ein offenes Gasthaus wird?

Tobias hat sich träge aus dem Sessel hochgestemmt.

— Onkel Lukas, reg dich nicht so auf. Wir bleiben eh nicht für immer.

— Und wann genau fahrt ihr?

— Na ja … bald halt.

— Was heißt bald?

— Weiß nicht. Vielleicht in einer Woche.

— Noch eine Woche?! — Lukas hat sich mit beiden Händen an den Kopf gegriffen. — Sicher nicht! Morgen! Ihr alle fahrt morgen!

— Anna! — hat die Schwiegermutter schrill aufgeschrien. — Bring deinen Mann zur Vernunft!

Doch Anna hat kein Wort gesagt. Sie ist an der Wand gestanden, den Rücken dagegengelehnt, und hat aus dem Fenster geschaut. Hinunter zum See. Zu ihrem See, den sie seit drei Wochen kaum gesehen hatten. Wenn man den Blick aus dem Fenster nicht mitzählte.

— Annerl, sag doch was! — Theresa ist zu ihrer Schwester hinübergegangen. — Wir hatten das doch ausgemacht!

— Nein, — hat Anna ganz ruhig gesagt.

— Was heißt nein?

— Wir hatten gar nichts ausgemacht. Du hast angerufen und mir mitgeteilt, dass du kommst. Für zwei Tage. Das war vor drei Wochen.

— Aber die Kinder! Die brauchen doch Ferien!

— Und wir? — Anna hat sich nun zu ihr umgedreht. — Brauchen wir keine Pause? Wir hackeln das ganze Jahr wie die Blöden! Lukas übernimmt Doppelschichten! Ich nehme abends noch Nebenjobs an! Und wofür das alles? Damit ihr hier gratis wohnt?

— Wir sind doch eine Familie!

— Familie heißt nicht, dass man sich durchfüttern lässt!

Das Wort ist im Raum hängen geblieben wie ein Schlag. Theresa ist kreidebleich geworden.

— Also sind wir für dich Schmarotzer?

— Was denn sonst? Hast du fürs Essen gezahlt? Für den Strom? Fürs Wasser? Für das Putzen, das ich jeden Tag erledige? Für die Bettwäsche, die ich dauernd wasche?

— Ich bin deine Schwester!

— Und weiter? Gibt dir das das Recht, auf meine Kosten zu leben?

Die Schwiegermutter hat hörbar nach Luft geschnappt.

— Anna! Was redest du denn da daher! So hab ich dich nicht erzogen!

— Genau darum geht’s!

Hedis Stube