„Das ist unser Haus!“ hat Lukas wütend ausgerufen und Anna am Handgelenk zurückgehalten

Dieses zerrissene Familientheater ist schlichtweg unerträglich.
Geschichten

Anna ist lauter geworden.
— Du hast mich dazu erzogen, bequem zu sein! Damit ich es allen recht mache! Damit ich den Mund halte! Damit ich alles schlucke! Aber damit ist jetzt Schluss!

— Hysterisch bist du! — Tante Rosi ist einen Schritt zurückgewankt. — Genau das kommt dabei heraus, wenn man glaubt, man wär was Besseres! Kaum habt ihr ein Haus, schon hebt ihr ab!

— Ja! — hat Lukas plötzlich gerufen. — Genau, wir heben ab! Stellt euch vor: Wir wollen in UNSEREM Haus wohnen! Allein! Bis Mittag schlafen! Auf der Veranda frühstücken! Nackt in den See springen! Miteinander schlafen, wo es uns passt! In UNSEREM eigenen Haus!

Die Kinder haben zu kichern begonnen. Theresa hat ihnen hastig die Ohren zugehalten.

— Vor den Kindern sagt man so etwas doch nicht!

— Ich hab die Kinder ja auch nicht eingeladen! Ich hab überhaupt niemanden hergebeten!

Tobias hat nur mit den Schultern gezuckt.

— Auch gut. Dann fahr ich halt zu Paul. Der hat auch ein Haus am See. Und zwar ein schöneres als eures.

— Dann fahr!

Für einen Moment war es so still, als hätte jemand die Luft aus dem Raum gezogen. Alle haben Anna und Lukas angestarrt. Die beiden standen nebeneinander und hielten einander an den Händen fest.

— Ihr setzt uns also vor die Tür? — hat die Schwiegermutter zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorgepresst.

— Wir bitten euch, unser Haus zu verlassen, — hat Anna ruhig, aber hart gesagt.

— Das merk ich mir. Das merk ich mir ganz genau! Von mir braucht ihr euch keine Hilfe mehr erwarten!

— Tun wir auch nicht.

Theresa hat die Kinder zusammengetrommelt.

— Kommt. Wo man nicht erwünscht ist, bleibt man nicht.

— Theresa, mach kein Theater, — hat Anna müde erwidert. — Es geht nur darum, dass alles seine Grenzen hat.

— In einer Familie gibt es keine Grenzen!

— Doch. Und ihr seid längst drübergestiegen.

Bis zum Abend war das Haus leer. Sie sind beleidigt abgezogen, haben Türen zugeschlagen und angekündigt, man werde sich das alles noch gut merken. Die Schwiegermutter hat geweint und gejammert, was für eine undankbare Tochter sie großgezogen habe. Theresa hat geschworen, das niemals zu verzeihen. Tobias ist einfach gegangen, ohne ein Wort zum Abschied. Tante Rosi und ihr Begleiter haben sich ein Taxi gerufen und für den Weg noch schnell eine Flasche Wein mitgenommen.

Anna und Lukas saßen danach auf der Veranda. Drinnen sah es aus wie nach einem Sturm: schmutziges Geschirr, herumliegende Sachen, Flecken auf den Sofas, Kinderzeichnungen an den Wänden. Aber das Haus war leer. Endlich still. Nur das Wasser rauschte leise herauf.

— Glaubst du, wir haben richtig gehandelt? — hat Anna gefragt.

— Ich weiß es nicht. Aber anders hab ich es nimmer ausgehalten.

— Mama wird mir das nie verzeihen.

— Doch. Irgendwann. Was soll sie denn machen?

— Und Theresa?

— Die auch. Spätestens wenn sie selber einmal ein eigenes Zuhause hat, versteht sie’s.

Sie haben eine Weile geschwiegen. Die Sonne ist hinter dem See verschwunden und hat die Wasserfläche rosa schimmern lassen.

— Weißt du, was mir am meisten wehtut? — Anna hat sich an ihren Mann gelehnt. — Wir wollten doch teilen. Leute einladen. Feste machen. Schön sollte es sein.

— Einladen, ja. Aber auf Einladung. Für ein Wochenende. Nicht, damit die halbe Verwandtschaft bei uns einfällt und bleibt.

— Vielleicht sind wir wirklich egoistisch.

— Vielleicht. Na und? Das dürfen wir sein. Es ist unser Haus. Unser Traum.

Annas Handy hat ununterbrochen vibriert. Sie hat es herausgenommen und auf das Display geschaut. Nachrichten von ihrer Mutter, von Theresa, von Tanten und Onkeln — alle empört, alle vorwurfsvoll, alle verlangten, dass sie zur Vernunft kommen sollte.

— Schreiben wir es allen gemeinsam, — hat Lukas vorgeschlagen.

Hedis Stube