„Das ist unser Haus!“ hat Lukas wütend ausgerufen und Anna am Handgelenk zurückgehalten

Dieses zerrissene Familientheater ist schlichtweg unerträglich.
Geschichten

— Und was genau sollen wir hineinschreiben?

— Das, was stimmt.

Sie haben sich mit dem Laptop an den Tisch gesetzt. Satz für Satz haben sie gemeinsam formuliert, jedes Wort abgewogen, wieder gelöscht, neu geschrieben.

„Liebe Verwandte, liebe Freundinnen und Freunde!

Wir haben euch gern. Wirklich. Aber dieses Haus ist unser Haus. Zehn Jahre lang haben wir dafür gespart. Es ist der Ort für uns beide. Für unsere Ruhe, für unser Leben.

Wir freuen uns, wenn ihr zu Besuch kommt. Nach Absprache. Mit Einladung. Und für eine bestimmte Zeit. Länger als drei Tage geht es nicht.

Wenn ihr länger am Meer bleiben möchtet, mietet euch bitte eine Unterkunft. Wir helfen euch gern beim Suchen. Aber wohnen könnt ihr nicht bei uns.

Das ist kein Egoismus. Das sind Grenzen. Jede Familie braucht einen Bereich, der nur ihr gehört.

Wir wollen niemanden kränken. Wir möchten nur unser eigenes Leben leben. In unserem eigenen Haus.

In Liebe,

Anna und Lukas“

Dann haben sie die Nachricht abgeschickt. Danach sind die Handys ausgeschaltet worden. Und sie sind hinunter zum Wasser gegangen.

Das Meer ist warm gewesen, weich, fast zärtlich. Sie sind nackt geschwommen, genau so, wie sie es sich immer ausgemalt hatten. Sie haben gelacht, einander nassgespritzt, sich geküsst. Ihr Meer. Ihr Strand. Ihr Leben.

Der August ist vergangen wie ein langer, stiller Traum. Friedlich. Langsam. Glücklich. Sie sind aufgestanden, wann immer ihnen danach gewesen ist. Gefrühstückt haben sie auf der Veranda, ohne Eile, mit Kaffee und verschlafenen Gesichtern. Später haben sie in der Hängematte gelesen, sind drei Mal am Tag ins Wasser gegangen, haben gemeinsam gekocht, beim Sonnenuntergang Wein getrunken und sich nachts unter den Sternen geliebt.

Auch das Haus hat nach und nach wieder zu ihnen gehört. Die Wände sind geschrubbt worden, die zerbrochene Vase haben sie geklebt — als Erinnerung, nicht weil sie noch schön gewesen wäre. Kaputte Sachen sind hinausgeflogen. Für das Sofa haben sie neue Polster besorgt, im Schlafzimmer haben sie helle Vorhänge aufgehängt.

Die Verwandtschaft hat sich beleidigt gezeigt. Annas Mutter hat einmal pro Woche angerufen, um zu weinen und ihr ein schlechtes Gewissen zu machen. Theresa hat giftige Nachrichten geschickt. Die anderen haben sich einfach nicht mehr gemeldet.

— Bereust du es? — hat Lukas am letzten Augusttag gefragt.

Sie sind am Strand gesessen und haben auf den Sonnenaufgang gewartet. Anna hat langsam den Kopf geschüttelt.

— Nein. Weißt du, ich hab etwas verstanden. Wir leben ständig für irgendwen. Für die Eltern, für die Familie, für das, was andere erwarten. Aber für uns selbst? Fast nie.

— Und was heißt das jetzt?

— Dass wir ab jetzt wenigstens hier für uns leben. Wenigstens zwei Monate im Jahr.

— Und die übrigen zehn?

— Die bleiben, wie sie sind. Arbeit, Stadt, Termine, Lärm. Aber wir haben diesen Ort. Unseren. Nur unseren.

Da ist die Sonne über dem Horizont aufgetaucht. Das Wasser hat golden gefunkelt, und irgendwo über ihnen haben Möwen geschrien.

— Fahren wir heim? — hat Lukas leise gefragt.

Anna hat ihn angeschaut und gelächelt.

— Wir sind daheim.

Und genau so ist es gewesen. Sie waren daheim. In ihrem Haus am Meer. Nicht gekauft für Gäste. Nicht für die Verwandtschaft. Nicht, um irgendwem etwas zu beweisen. Sondern für sich. Für den Traum, den sie so lange in sich getragen hatten.

Sollten die anderen doch beleidigt sein. Sollten sie sie ruhig für egoistisch halten. Sollten sie es nicht verstehen. Wichtig war nur, dass Anna und Lukas es endlich begriffen hatten: Man muss auch für sich selbst leben. Wenigstens manchmal. Wenigstens im eigenen Haus.

Am Meer. Dort, wo es still war. Dort, wo niemand etwas forderte. Dort, wo nur sie beide waren — und ihr Traum, der Wirklichkeit geworden ist.

Hedis Stube