— Ich hab gestern mit meiner Mutter geredet, Anna. Ziemlich lang sogar, und ernsthaft. Wir sind jedenfalls zu dem Schluss gekommen, dass es für sie Zeit wird, zu uns zu ziehen.
Markus hat den Satz hingeworfen, als ginge es um irgendeinen belanglosen Plan fürs Wochenende oder um das Wetter. Breit und bequem ist er im großen Fauteuil gesessen und hat träge durch die Programme am Fernseher gezappt. Das matte Flimmern des Bildschirms hat sein entspanntes Gesicht aus dem Halbdunkel geholt; um seinen Mund lag ein kleines, selbstzufriedenes Lächeln. Seine Worte klangen, als wäre die Sache längst entschieden und als bräuchte man darüber gar nicht mehr zu reden.
Anna stand beim Bücherkasten und wischte sorgfältig den Staub von den Rücken alter Romane. Für einen Moment ist sie wie erstarrt. Das Tuch in ihrer Hand blieb reglos, und die Luft im Zimmer wurde plötzlich schwer, beinahe drückend, wie kurz vor einem Gewitter. Sie drehte sich nicht gleich zu ihm um. Stattdessen ließ sie seine Aussage in der Stille hängen, damit ihr Ausmaß, ihre Frechheit und ihr Gewicht überhaupt erst richtig spürbar werden konnten.
Markus deutete ihr Schweigen offenbar als Zustimmung. Weil keine Antwort kam, redete er weiter, schon etwas lebhafter, als hätte er nur auf diesen Augenblick gewartet.
— Denk doch selber nach. Was soll sie denn allein draußen in diesem kleinen Ort anfangen? Ihre Gesundheit ist auch nicht mehr die beste. Einmal der Rücken, dann wieder der Blutdruck. Und wir haben hier eine große Wohnung, ein ganzes Zimmer steht praktisch leer. Warum soll sie dort vor sich hin leben? Wenn Mama herzieht, ist für sie gesorgt, und wir haben auch unsere Ruhe, weil wir wissen, dass sie in der Nähe ist und jemand ein Auge auf sie hat.

Er blieb bei irgendeinem alten Film hängen und legte die Fernbedienung zur Seite. Sein Blick glitt zu Anna hinüber, in der Erwartung, sie müsse nun sofort seine Umsicht bewundern. In seinem Kopf entstanden wohl schon gemütliche Abende mit den Faschierten Laibchen seiner Mutter, ihren warmherzigen Ratschlägen und jener bedingungslosen Rückendeckung, die sie ihm immer gegeben hatte.
Anna stellte die kleine Eulenfigur, die sie gerade in der Hand gehabt hatte, langsam wieder ab. Dann wandte sie sich zu ihm um. Jede ihrer Bewegungen war ruhig, beinahe auffällig beherrscht, ohne das geringste sichtbare Zittern.
— „Wir“ sind also zu dem Schluss gekommen? — Ihre Stimme war leise, doch in dieser Stille klang sie klar und hart wie angeschlagenes Kristall. — Erklär mir bitte genauer, wer in diesem „wir“ eigentlich enthalten ist.
Markus zog die Stirn kraus. In ihrem Ton hörte er jene kühlen Nuancen, die er nur zu gut kannte und die jedes Mal ein Unwetter ankündigten. Aber seine Argumente hatte er sich bereits zurechtgelegt, und offenbar war er bereit, sie auszupacken.
— Na ja, Mama und ich. Wir haben alles besprochen und durchgerechnet. Am Anfang hat sie sich natürlich gesträubt, hat gemeint, sie wolle uns nicht zur Last fallen. Aber ich hab sie überzeugt. Ich hab ihr gesagt, dass du sicher nichts dagegen hast. Sie hat sogar schon angefangen, die wichtigsten Sachen zusammenzupacken.
Er versuchte zu lächeln, mit genau jenem Lächeln, mit dem er sonst viele ihrer Einwände zum Schweigen brachte. Diesmal aber prallte es an ihr ab. Anna sah ihn nur an. Ihre Augen wirkten kühl und scharf, wie eine blanke Klinge.
— Das heißt also, du und deine Mutter habt beschlossen, dass sie in meinem Zuhause wohnen wird, — sagte sie langsam. — Du hast sie davon überzeugt, dass ich mich darüber freue. Sie packt bereits ihre Koffer. Und meine Meinung, Markus, ist bei diesem großartigen Plan von euch irgendwann vorgekommen? Oder sollte ich es erst erfahren, sobald sie mit ihren Taschen vor meiner Tür steht?
