— Anna, jetzt reicht’s aber, oder? — fuhr er sie an und hob die Stimme, als ginge er plötzlich zum Angriff über. — Was soll dieses „mein Zuhause“ heißen? Wir sind eine Familie, da gehört alles zusammen! Das ist keine Laune von mir, sondern notwendig. Willst du etwa, dass meine Mutter, eine ältere Frau, irgendwo draußen im Nirgendwo allein vor sich hin verkümmert, während wir hier so viel Platz haben?
Er sprang aus dem Sessel auf und streckte die Hand nach ihr aus, als wollte er ihre Finger nehmen. In seinem Blick lag auf einmal dieses flehentliche Weiche. Anna kannte es nur zu gut. Es war sein alter Kunstgriff: sie als herzlos hinstellen, bis sie unter dem Gewicht des schlechten Gewissens nachgab.
— Sie würde uns ja sogar helfen! — setzte er nach. — Du kommst von der Arbeit heim, bist völlig erledigt und magst nichts mehr machen. Und so hätten wir warmes Essen, Ordnung, ein sauberes Zuhause. Meine Mutter ist keine, die den ganzen Tag auf dem Sofa herumliegt. Das wäre doch für uns alle gut!
Anna entzog ihm ihre Hand, sanft, aber so bestimmt, dass kein Zweifel blieb. Ihr Blick blieb fest.
— Was du dir wünschst, ist mir in diesem Punkt egal, — sagte sie kühl. — Das hier ist mein Zuhause. Und ich allein entscheide, wer hier wohnt. Deine Mutter steht nicht auf dieser Liste.
— Das meinst du jetzt ernst? — In seiner Stimme zitterte empörtes Unglauben.
— Das Thema ist erledigt, — schnitt sie ihm das Wort ab. — Ruf deine Mutter an und sag ihr, sie soll die Koffer wieder auspacken.
Ihre Worte fielen in die Stille wie schwere Steine ins Wasser. Markus starrte sie an, und langsam stieg ihm die Röte ins Gesicht: zuerst aus Verwirrung, dann aus Zorn. Er hatte mit Tränen gerechnet, mit Geschrei, mit irgendeinem Ausbruch. Nur nicht mit dieser ruhigen, unerschütterlichen Absage.
— Du… soll das ein Ultimatum sein? — presste er hervor, als bekäme er kaum Luft.
— Nein. Eine Entscheidung, — antwortete Anna, ohne ihn weiter anzusehen, und wandte sich wieder ihren Büchern zu. Sorgfältig stellte sie einen Band nach dem anderen ins Regal. Jede ihrer Bewegungen war betont langsam, beinahe gelassen, und machte ihm klar: Für sie war dieses Gespräch vorbei.
— Das ist auch mein Zuhause! — platzte es aus ihm heraus. — Wir wohnen hier gemeinsam! Ich habe genauso ein Recht, mitzureden!
— Du hast das Recht, zu deiner Mutter zu fahren, — erwiderte sie ruhig. — Du kannst ihr dort in ihrem Ort helfen. Das ist deine Entscheidung. Aber hier gelten meine Regeln.
Markus verstummte. Nicht, weil er ihr recht gab, sondern weil er begriff, dass er gegen eine Wand redete. Eine, an der nichts abprallte, weil sie gar nicht erst nachgab.
Die folgenden Tage wurden kaum auszuhalten. Sie lebten unter einem Dach, aber wie in zwei getrennten Welten. Markus schlug absichtlich Kastentüren zu, seufzte beim Abendessen übertrieben laut und ließ den Löffel klirrend auf den Teller fallen. Er wartete darauf, dass Anna weich wurde. Doch sie aß schweigend weiter, den Blick auf ihr Teller geheftet, als säße ihr Mann gar nicht mit im Zimmer.
Dann begann der Angriff über das Telefon. Jeden Abend sprach Markus mit seiner Mutter, laut und mitten im Wohnzimmer, damit Anna ja kein Wort versäumte. Es war ein Ein-Personen-Theaterstück, sorgfältig aufgeführt.
— Mama, der Blutdruck schon wieder? Na geh, wie gibt’s denn das… Nimmst du deine Tabletten? Was heißt, es ist niemand da, der zur Apotheke gehen kann? — Seine Stimme troff vor Sorge, doch darunter lag ein Vorwurf, der eindeutig an seine Frau gerichtet war.
Anna saß vor dem Laptop und hob nicht einmal den Kopf. Sie bekam alles mit: die schmerzenden Knie, den tropfenden Wasserhahn und jede sorgfältig platzierte Klage.
