Anna trat einen Schritt zurück — nicht, um den Weg freizugeben, sondern um endlich zu handeln. Mit beiden Händen packte sie einen der Koffer und schob ihn mit solcher Wucht hinaus auf den Stiegenabsatz, dass er über die Fliesen krachte und gegen die Wand donnerte. Gleich darauf folgte der zweite. Beim Aufprall sprang er auf, und alte Kleider, Tücher und Schals quollen heraus und verteilten sich am Boden.
— Du… du freches Stück! — kreischte Hedwig und krallte sich in Annas Arm.
Anna riss sich los und stieß sie entschieden zurück. Nicht als Schlag, nicht brutal — aber deutlich genug, damit kein Zweifel blieb: Noch einmal würde sie sich nicht anfassen lassen. Hedwig taumelte, ihr Hut rutschte schief über die Stirn. Markus sprang sofort zu ihr, fasste sie an den Schultern und murmelte irgendetwas Beschwichtigendes.
Anna drehte sich wortlos um, ging in den Vorraum und nahm Markus’ Jacke vom Haken. Dann seine Schuhe. Seine Tasche. Alles flog hinaus, direkt neben Hedwigs verstreute Sachen.
— Raus. Alle beide.
Im nächsten Moment fiel die Tür ins Schloss. Die zwei harten Klicks des Schlosses klangen wie ein endgültiges Urteil.
Draußen brach ein wilder Lärm los. Hedwig schrie, ihre Stimme kippte ins Gellende, überschlug sich vor Wut und Beschimpfungen. Dann hämmerten Fäuste gegen die Tür. Markus war es. Jeder Schlag wurde von seinen aufgebrachten Rufen begleitet.
— Anna! Mach auf! Das kannst du nicht machen!
Anna blieb an der Wand stehen. Ihr Rücken lag an der kühlen Fläche, die Hände hingen ruhig an ihren Seiten. Sie hörte das Toben hinter der Tür, als käme es von weit weg, aus einem anderen Leben, das mit ihr nichts mehr zu tun hatte. In Markus’ Stimme lag keine Stärke. Nur die Panik eines Menschen, dem die Kontrolle entglitten war. Also wartete sie. Einfach nur, bis dieser Sturm vorüber war.
Nach ein paar Minuten wurde es leiser. Erst waren noch schlurfende Schritte zu hören, das Kratzen der Koffer über den Boden, gedämpfte Stimmen. Dann nichts mehr. Stille.
Anna löste sich von der Wand, ging in die Küche, schenkte sich ein Glas Wasser ein und trank es in einem Zug aus. Ihr Gesicht blieb unbewegt. Langsam ließ sie den Blick durch die Wohnung gleiten: die Bücher, die Pflanzen, das Sofa, die vertrauten Ecken. Ihr Zuhause. Ihre Welt. Befreit von einem Eindringen, das nie hätte passieren dürfen.
Sie nahm ein Tuch, befeuchtete es und wischte sorgfältig die Türklinke ab. Dann den Türstock. Die Schwelle. Alles, was sie berührt hatten.
Ihr Handy vibrierte. Auf dem Display stand Markus’ Name. Dutzende verpasste Anrufe, Nachrichten hintereinander. Anna öffnete den Chat. „Das wirst du bereuen.“ „Mama geht es schlecht wegen dir.“ „Wie konntest du mich hinauswerfen?“ Sie las die Zeilen ohne Regung, als wären sie für jemand Fremden bestimmt. Antworten wollte sie nicht.
Stattdessen ging sie ins Schlafzimmer, öffnete den Kasten und begann, seine Sachen herauszuräumen. Hemden, Hosen, Unterwäsche — alles landete in schwarzen Säcken. Einer füllte sich, dann der nächste, dann ein dritter. Rasierer, Deo, Gürtel, alte Ladegeräte, die Kleinigkeiten aus seiner Nachtkastellade — sie warf alles dazu. Ihre Bewegungen waren schnell, gleichmäßig, beinahe mechanisch, als würde sie unnötigen Ballast aus ihrem Leben entfernen.
Als die Säcke neben der Wohnungstür standen, machte sie ein Foto davon und schickte es an Markus. Nur ein einziger Satz stand darunter:
— Hol das ab. Die Schlüssel legst du in den Postkasten.
Danach sperrte sie seine Nummer, schaltete das Handy aus und ging duschen. Das heiße Wasser rann über ihre Schultern und nahm die Reste dieses Tages mit sich fort — diesen Streit, diese Ehe, dieses alte Leben.
Als Anna aus dem Bad kam, atmete sie tief ein. In ihrer sauberen, stillen Wohnung begann etwas Neues.
