„Hast du die Karte absichtlich sperren lassen?“ schrie Florian und schleuderte die Bankomatkarte wütend auf die Tischplatte

Diese unverzeihliche Kaltherzigkeit ist schockierend und unfair.
Geschichten

Sie bestellte sich einen Tee. Eine Weile sagten beide kein Wort. Zwischen ihnen stand nur das leise Klirren von Geschirr, das Murmeln der anderen Gäste und Florians halb leerer Kaffee. Schließlich räusperte er sich.

„Theresa“, begann er vorsichtig, „lass uns bitte wieder Frieden schließen.“

Sie hob den Blick. „Wozu?“

„Wie meinst du das, wozu? Wir sind verheiratet.“

„Das beantwortet meine Frage nicht.“

Florian atmete schwer aus und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.

„Ich hab eingesehen, dass ich überreagiert hab. Ich hätte dich nicht anschreien sollen. Und ich hätte dir keine Vorwürfe machen dürfen. Es tut mir leid.“

Theresa nickte langsam. „Gut. Ich nehme deine Entschuldigung an. Aber an der Lage ändert das nichts.“

„Warum nicht?“

„Weil du noch immer nicht verstanden hast, worum es eigentlich geht.“ Ihre Stimme blieb ruhig, fast nüchtern. „Du glaubst, das Problem waren dein Geschrei und deine Anschuldigungen. Aber das war nur die Oberfläche. Das eigentliche Problem ist, dass du mich nicht respektierst. Du nimmst mein Geld, ohne mich zu fragen, als wäre es selbstverständlich deins. Du stellst deine Mutter über mich. Und du hörst mir nicht zu, wenn ich dir sage, dass mir etwas wehtut.“

Florian sah zur Seite, hinaus auf den Platz vor dem Café.

„Ich war es halt so gewohnt…“

„Gewohnt, mich auszunutzen?“, fragte Theresa ohne Schärfe, aber sehr deutlich.

„So ist es nicht“, murmelte er. „Es war nur… na ja. Du verdienst mehr. Für mich hat sich das irgendwie normal angefühlt.“

„Normal wäre gewesen, Ausgaben gemeinsam zu besprechen. Sich abzusprechen. Zu fragen. Aber nicht meine Bankomatkarte zu nehmen und Geld abzuheben, wann immer dir danach ist.“

Er schwieg. Seine Finger trommelten kurz auf die Tischplatte, dann ließ er die Hand sinken.

„Gut“, sagte er nach einer Weile. „Ich hab’s kapiert. Ich mach das nicht mehr. Wirklich nicht. Können wir nicht einfach wieder zu unserem normalen Leben zurück?“

Theresa schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Warum?!“ In seiner Stimme lag sofort wieder diese Gereiztheit, die sie so gut kannte. „Ich hab mich doch entschuldigt! Ich sag dir, ich ändere mich!“

„Florian, du wirst dich nicht ändern. Du wirst nur sagen, dass du dich änderst. Und in ein paar Wochen läuft wieder alles wie vorher. Ich kenne dich.“

Da schlug er mit der Faust auf den Tisch. Nicht laut genug, dass das ganze Lokal verstummte, aber laut genug, dass die Frau am Nebentisch kurz herüberschaute.

„Du gibst mir nicht einmal eine Chance!“

Theresa blieb unbewegt.

„Ich hab dir Chancen gegeben. Drei Jahre lang. Drei Jahre hab ich geschwiegen, nachgegeben, ausgehalten und mich selbst immer weiter zurückgenommen. Jetzt reicht es.“

Florian presste die Lippen aufeinander.

„Also willst du dich scheiden lassen?“

„Ja“, sagte Theresa fest. „Das will ich.“

Er lehnte sich zurück, als hätte ihn jemand gestoßen, und starrte hinaus zum Fenster. Eine Minute verging, vielleicht zwei. Dann fragte er mit veränderter Stimme:

„Und die Wohnung überlässt du mir?“

Theresa lachte leise auf, allerdings ohne Freude.

„Die Mietwohnung, die ich zahle? Nein. Du wirst dir etwas anderes suchen müssen.“

„Und wo soll ich hin?“

„Zu deiner Mutter. Oder du nimmst dir ein Zimmer. Das ist nicht mehr meine Aufgabe.“

Sein Gesicht verhärtete sich.

„Du willst dich rächen.“

„Nein“, erwiderte sie. „Ich will dich nur nicht länger erhalten.“

Florian stand abrupt auf. Ohne ein weiteres Wort, ohne Abschied, ohne sie noch einmal anzusehen, verließ er das Café. Theresa blieb sitzen, trank ihren Tee aus und zahlte schließlich sowohl ihre Rechnung als auch seinen Kaffee. Dann trat sie hinaus in den Abend.

Die Luft war kalt, ein scharfer Novemberwind zog durch die Straßen, und trotzdem fühlte sie sich zum ersten Mal seit Langem nicht klein und erdrückt. Sie ging langsam durch die Stadt, atmete tief ein und spürte, wie sich in ihr eine ungewohnte Ruhe ausbreitete. Die Entscheidung war gefallen. Die Scheidung würde kommen. Es gab keinen Weg zurück. Aber Angst hatte sie keine. Im Gegenteil: In ihr machte sich etwas breit, das sie beinahe vergessen hatte. Freiheit.

Zwei Monate später war alles erledigt. Florian hatte zunächst versucht, die Sache hinauszuzögern. Er sprach von Ausgleich, von Ansprüchen, von einem angeblichen Recht auf einen Teil dessen, was Theresa besaß. Doch ihre Anwältin brachte rasch Ordnung in die Angelegenheit. Gemeinsames Vermögen gab es nicht. Die Wohnung war nur gemietet. Möbel, Elektrogeräte und alles Wesentliche waren entweder schon vor der Ehe angeschafft worden oder von Theresas Geld bezahlt. Kinder hatten sie keine. Es gab schlicht nichts aufzuteilen.

Am Ende wurde die Scheidung beim Bezirksgericht ohne große Auseinandersetzung rechtskräftig.

An dem Tag, an dem Theresa den Scheidungsbeschluss in den Händen hielt, ging sie nicht sofort nach Hause. Sie setzte sich in ein Café, bestellte einen Kaffee und eine kleine Mehlspeise und blieb eine ganze Weile am Fenster sitzen. Draußen eilten Menschen vorbei, Autos fuhren durch die nassen Straßen, irgendwo klingelte eine Straßenbahn. Theresa dachte an die kommenden Monate und merkte plötzlich, dass ihr die Zukunft nicht mehr wie ein grauer Nebel vorkam.

Zum ersten Mal seit langer Zeit wirkte sie offen.

Sie konnte leben, wie sie wollte. Sie konnte ihr Geld für sich ausgeben, für Dinge, die ihr Freude machten, für Kurse, Bücher, Reisen, schöne Abende mit Freunden. Niemand würde mehr fordern, nörgeln, Schuldgefühle erzeugen oder sich ungefragt an ihrem Konto bedienen. Niemand würde ihr erklären, was sie angeblich zu tun hatte.

Einen Monat nach der Scheidung zog Theresa um. Die alte Mietwohnung ließ sie hinter sich und fand eine hellere, größere Wohnung in einem anderen Bezirk. Sie ließ die Wände ausmalen, kaufte neue Möbel und richtete alles nach ihrem eigenen Geschmack ein. Helle Farben, viele Pflanzen, ein weicher Teppich im Wohnzimmer, ein gemütlicher Balkon mit einem Sessel, einer Decke und kleinen Lichterketten. Zum ersten Mal fragte sie niemanden, ob etwas „zu teuer“ oder „unnötig“ sei.

Sie lud Freundinnen und Freunde ein, kochte, stellte Wein und Knabbereien auf den Tisch, lachte bis spät in die Nacht und schaute manchmal Filme bis in der Früh. Die Wohnung gehörte nicht ihr im Eigentum, aber das Leben darin fühlte sich endlich nach ihrem eigenen an.

Eines Tages begegnete sie Barbara im Supermarkt. Theresa war gerade dabei, Obst und Gemüse in ihren Korb zu legen, als sie die frühere Schwiegermutter am Ende des Ganges sah. Barbara schob einen Einkaufswagen vor sich her, blieb stehen und runzelte die Stirn, sobald sie Theresa erkannte.

Theresa nickte höflich und wollte schon weitergehen, doch Barbara rief ihr nach:

„Theresa, wart einmal.“

Sie blieb stehen. „Ja?“

Barbara zog die Schultern zurück, als hätte sie sich auf diesen Moment vorbereitet.

„Florian trifft sich mit einer neuen Frau“, sagte sie mit herausforderndem Unterton. „Ein braves Mädl. Bescheiden. Ganz anders als du.“

Theresa lächelte.

„Das freut mich für ihn. Ehrlich.“

Barbara blinzelte, offensichtlich irritiert.

„Du bist nicht böse?“

„Nein. Warum sollte ich?“

„Na ja… ihr wart immerhin Mann und Frau.“

„Waren“, sagte Theresa ruhig. „Das ist das entscheidende Wort. Es ist vorbei. Ich wünsche Florian alles Gute. Und Ihnen auch.“

Dann wandte sie sich ab und ging weiter. Barbara blieb mit offenem Mund zwischen den Regalen stehen.

Theresa nahm Paradeiser, Brot, Käse und ein paar andere Sachen, stellte sich später bei der Kassa an und merkte dabei, dass in ihr nichts aufstieg. Keine Wut. Keine Kränkung. Nicht einmal Schadenfreude. Nur Gleichgültigkeit. Florian war ein Teil ihrer Vergangenheit geworden, und die Vergangenheit hatte kein Recht mehr, ihre Gegenwart zu bestimmen.

Ein halbes Jahr verging.

An einem regnerischen Maitag saß Theresa auf dem Balkon ihrer neuen Wohnung, in eine Decke gewickelt, und trank heiße Schokolade. Der Regen rann in dünnen Linien über die Scheiben, der Wind bewegte die Äste der Bäume im Innenhof, und irgendwo tropfte Wasser rhythmisch auf ein Blechdach. Der Mai war kühl und nass, aber Theresa mochte diese Stimmung. Sie fühlte sich geborgen.

Auf ihrem Schoß stand der Laptop. Sie sah sich Fotos von ihrer letzten Reise an die Adria an. Sie war allein gefahren und hatte jeden einzelnen Tag genossen. Niemand hatte gedrängt, niemand hatte schlecht gelaunt neben ihr gesessen, niemand hatte ihr vorgeworfen, zu viel auszugeben oder zu lange spazieren zu gehen. Sie war geschwommen, hatte in der Sonne gelegen, drei Bücher gelesen und war abends an der Uferpromenade entlanggegangen, manchmal bis spät in die Nacht.

Da vibrierte ihr Handy.

Theresa griff danach und sah auf das Display. Eine unbekannte Nummer. Sie öffnete die Nachricht.

„Hallo, hier ist Lukas. Wir haben uns letzte Woche in der Buchhandlung kennengelernt. Du hast mir deine Nummer gegeben. Hättest du am Wochenende Lust auf einen Kaffee?“

Theresa musste lächeln. Natürlich erinnerte sie sich. Lukas. Groß, freundliche Augen, eine ruhige Art. Er hatte vor dem Regal mit den Neuerscheinungen gestanden, genau wie sie. Sie waren über Krimis ins Gespräch gekommen, hatten gelacht und schließlich Nummern ausgetauscht. Theresa hatte keine Beziehung gesucht. Sie hatte überhaupt nichts geplant. Aber gegen einen Kaffee sprach nichts.

Sie tippte zurück:

„Hallo Lukas. Ja, ich erinnere mich. Kaffee klingt gut. Samstag um drei?“

Die Antwort kam fast sofort.

„Sehr gern. Ich freu mich.“

Theresa legte das Handy zur Seite und trank den letzten Schluck Schokolade. Draußen ließ der Regen langsam nach.

Das Leben ging weiter. Nicht so, wie sie es früher geglaubt hatte, aber vielleicht genau so, wie es richtig war. Ein neues Leben ohne Kontrolle, ohne Manipulation, ohne Menschen, die in ihr nur ein gut gefülltes Konto sahen. Ein Leben, in dem sie selbst entschied, wem sie die Tür öffnete und wen sie draußen ließ.

Ihre Bankomatkarte gehörte ihr. Ihr Gehaltskonto gehörte ihr. Ihre Entscheidungen gehörten ihr.

Theresa stand auf, streckte sich und trat näher ans Geländer. Über den Dächern rissen die Wolken auf, und zwischen den grauen Schichten brach plötzlich Sonnenlicht hervor. Kurz darauf spannte sich ein Regenbogen über die Häuser, klar und leuchtend.

Theresa lächelte.

Ein neues Kapitel hatte begonnen. Und diesmal würde sie es nach ihren eigenen Regeln schreiben.

Hedis Stube