– Was? – fragte Lukas nach.
– Du ziehst zu deiner Mutter.
Barbara richtete sich mit einem Ruck auf.
– Theresa, führ dich jetzt nicht so auf!
– Ich führ mich überhaupt nicht auf.
Theresa ging zum kleinen Kasten, zog eine dicke Rolle Müllsäcke heraus und riss ein paar davon ab.
– Lukas hat ja nicht besonders viele Koffer. Ein Teil seiner Sachen passt sicher auch da hinein.
Lukas starrte seine Frau an, als hätte sie plötzlich in einer fremden Sprache zu reden begonnen.
– Du willst mich ernsthaft rauswerfen?
– Ich?
Theresa hob erstaunt die Augenbrauen.
– Lukas, das war nicht meine Idee. Deine Mutter hat mir soeben zwei Möglichkeiten angeboten. Die erste kommt für mich nicht infrage. Also bleibt die zweite.
– So hat sie das doch nicht gemeint!
– Sondern wie?
Barbara mischte sich sofort ein:
– Ich wollte, dass du endlich begreifst, wie ernst die Lage ist!
– Das habe ich begriffen.
– Wegen ein paar Quadratmetern zerstörst du eure Familie!
Theresa schwieg einen Augenblick.
Dann legte sie die Müllsäcke langsam auf den Tisch.
– Nein, Barbara. Sie sind in eine Wohnung gekommen, die ich mir mit meiner eigenen Arbeit gekauft habe, noch bevor ich Ihren Sohn überhaupt gekannt habe. Und dann haben Sie mir ein Ultimatum gestellt: Entweder überschreibe ich die Hälfte der Wohnung, oder Sie nehmen Lukas zu sich. Ich habe lediglich die Bedingungen angenommen, die Sie selbst ausgesprochen haben.
Die Schwiegermutter lief dunkelrot an.
– Lukas, hörst du, wie sie mit mir redet?
– Ich hör’s, Mama.
Lukas fuhr sich nervös mit der Hand durchs Haar.
– Theresa, jetzt hör auf mit dem Blödsinn. Mama hat das im Affekt gesagt.
– Ich habe gar nichts im Affekt gesagt! – empörte sich Barbara augenblicklich.
Theresa hätte beinahe gelacht.
– Hervorragend. Dann sehe ich auch kein Problem.
Sie verließ die Küche.
– Wohin gehst du? – rief Lukas ihr nach.
– Deine Sachen packen.
Jetzt bekam er wirklich Angst.
Er eilte ihr hinterher.
– Theresa, wart doch!
Aber sie hatte im Schlafzimmer bereits den Kasten geöffnet.
Vom obersten Fach zog sie eine Reisetasche herunter und stellte sie aufs Bett.
– Was machst du da?!
– Ich helfe dir beim Übersiedeln.
– Ich geh nirgends hin!
Theresa drehte sich zu ihm um.
– Warum hast du dann deine Mutter mitgebracht, damit sie mir mit deinem Auszug droht?
Lukas klappte der Mund auf.
Dann sagte er nichts mehr.
– Ich wollte nur, dass du meinen Standpunkt verstehst.
– Den habe ich verstanden.
Theresa nahm ein paar seiner T-Shirts aus dem Kasten.
– Du bist der Meinung, zwei Jahre Ehe geben dir Anspruch auf die Hälfte einer Wohnung, die ich bezahlt habe, als ich nicht einmal wusste, dass es dich gibt.
– So habe ich das nie gesagt.
– Doch. Genau das hast du gesagt.
– Ich habe von Absicherung geredet!
– Absicherung schafft man sich durch Arbeit, durch Ersparnisse und durch eigenes Eigentum, Lukas. Nicht dadurch, dass man verlangt, fremdes Eigentum auf den eigenen Namen schreiben zu lassen.
Sie legte die T-Shirts in die Tasche.
– Die Konsole solltest du übrigens nicht vergessen. Die gehört tatsächlich dir.
Lukas wurde blass.
– Du willst also wegen der Wohnung zwei Jahre Ehe einfach durchstreichen?
Theresa hielt inne.
– Nein. Ich schaue mir unsere Ehe zum ersten Mal nach zwei Jahren wirklich genau an.
Sie setzte sich auf die Bettkante.
– Und weißt du, was ich sehe? Ich zahle die Betriebskosten. Ich kaufe die Geräte für den Haushalt. Ich besorge den Großteil der Lebensmittel. Ich putze. Ich wasche. Ich kümmere mich um alles, was hier anfällt. Du wohnst mietfrei in dieser Wohnung, nutzt alles, was hier ist, und fühlst dich trotzdem gekränkt, weil sie auf dem Papier nicht dir gehört.
– Ich bin dein Mann!
– Eben deshalb habe ich zwei Jahre lang nicht ausgerechnet, wer wie viel beiträgt. Heute habt ihr beide mich allerdings dazu gezwungen.
In der Tür erschien Barbara.
Ganz so sicher wie vorher wirkte sie nicht mehr.
– Theresa, lass diesen Zirkus. Lukas zieht nirgendwohin.
Theresa sah sie an.
– Aber Sie haben doch gesagt, er soll bei Ihnen wohnen.
– Das habe ich gesagt, damit du endlich zur Vernunft kommst!
– Bin ich ja.
Barbara presste die Lippen zusammen.
– Falls du es vergessen hast: Ich habe nur eine Einzimmerwohnung!
Theresa schwieg ein paar Sekunden.
Dann konnte sie sich nicht mehr zurückhalten.
– Na, das wird ja immer interessanter.
– Was soll daran interessant sein?
– Sie verlangen von mir die Hälfte meiner Wohnung mit der Begründung, Ihr Sohn hätte sonst kein Dach über dem Kopf. In Wahrheit hatten Sie aber nie vor, ihn überhaupt bei sich aufzunehmen.
– In meinem Alter bin ich nicht verpflichtet, mit einem erwachsenen Sohn zusammenzuwohnen!
– Und ich bin verpflichtet, diesem erwachsenen Sohn eine Immobilie zu schenken?
Barbara verstummte.
Theresa stand auf.
– Barbara, seien Sie so gut und geben Sie mir den Schlüssel zurück.
– Welchen Schlüssel?
– Den Schlüssel zu meiner Wohnung.
– Bist du jetzt völlig verrückt geworden?
– Nein. Den Reserveschlüssel haben wir Ihnen gegeben, damit Sie während unserer Reisen die Blumen gießen können. Nicht dafür, dass Sie unangemeldet in meiner Wohnung auftauchen.
