„„Aber was bin ich hier offiziell? Niemand.“ – Lukas fragte verzweifelt, Theresa hielt inne, legte das Handtuch nieder und erwiderte scharf

Diese Beziehung ist unfair, egoistisch und entfremdend.
Geschichten

Oder hierherzukommen und über das Schicksal meiner Immobilie zu bestimmen.

– Ich gebe gar nichts zurück!

– Gut.

Theresa hat nur mit den Schultern gezuckt.

– Dann lasse ich am Montag eben das Schloss austauschen.

Barbara griff plötzlich in ihre Handtasche.

Ein paar Sekunden lang hat sie wütend darin herumgewühlt, dann zog sie einen Schlüsselbund hervor.

Der Schlüssel klirrte auf der Kommode.

– Da hast du ihn!

– Danke.

– Lukas, wir gehen! – befahl sie scharf. – Wir werden uns hier nicht erniedrigen lassen!

Doch Lukas blieb stehen.

– Mama, warte unten auf mich.

– Was?

– Ich habe gesagt: Warte unten.

Barbara starrte ihren Sohn fassungslos an.

– Willst du sie jetzt immer noch überreden?!

– Mama!

Da fuhr sie herum und stapfte hinaus.

Die Tür fiel mit einem lauten Schlag ins Schloss.

Lukas blieb mitten im Schlafzimmer stehen.

– Theresa …

– Was noch?

– Lass uns dieses Gespräch vergessen.

Theresa begriff im ersten Moment gar nicht, worauf er hinauswollte.

– Welches Gespräch?

– Das mit der Wohnung.

Er trat einen Schritt näher.

– Ich brauche keinen halben Anteil. Das war voreilig. Von mir genauso wie von Mama. Lassen wir einfach alles so, wie es war.

Und genau in diesem Augenblick hat Theresa endgültig verstanden.

Lukas hatte keine Angst, seine Frau zu verlieren.

Er hatte Angst um sein bequemes Leben.

Um die Wohnung.

Um die bezahlten Rechnungen.

Um den vollen Kühlschrank.

Um die frisch gewaschene Kleidung.

Um die Möglichkeit, monatelang auf den „richtigen Auftrag“ zu warten, ohne sich auch nur eine Minute Gedanken darüber machen zu müssen, wo er wohnen sollte.

– Nein, Lukas.

– Wie, nein?

– So wie bisher wird es nicht mehr weitergehen.

– Wegen eines einzigen Streits?

– Nicht wegen eines Streits. Sondern weil du mir heute gezeigt hast, wofür du mich hältst.

Er lachte nervös auf.

– Und wofür bitte?

– Für jemanden, von dem man als Liebesbeweis die Hälfte der Wohnung verlangen kann.

Lukas setzte sich schwer auf die Bettkante.

– Ich wollte mich doch nur abgesichert fühlen.

– Dann fang an, dir deine eigene Sicherheit aufzubauen.

Theresa zog den Reißverschluss ihrer Tasche zu.

– Arbeit. Eine eigene Unterkunft. Ersparnisse. Genau so, wie erwachsene Menschen das machen.

– Du setzt mich jetzt wirklich vor die Tür?

– Deine Mutter wartet bereits unten.

Zehn Minuten später verließ Lukas die Wohnung.

Die Spielkonsole nahm er mit.

Die Controller ebenfalls.

Das Ladekabel vergaß er allerdings.

Theresa bemerkte es erst am Abend – und zum ersten Mal an diesem Tag musste sie lächeln.

Am nächsten Morgen begannen die Anrufe.

Zuerst Lukas.

Dann Barbara.

Dann wieder Lukas.

Theresa hob nicht ab.

Gegen Mittag kam eine Nachricht von ihrem Mann:

„Mama sagt, wir haben beide überreagiert. Lass mich zurückkommen. Über die Wohnung reden wir nie wieder.“

Theresa las die Zeilen.

Sie antwortete nicht.

Drei Tage später stand Lukas dennoch vor der Tür.

Er läutete.

Theresa öffnete.

Er stand mit einem großen vollgepackten Sackerl in der Hand vor ihr.

– Ich bin wieder da.

Er wollte einen Schritt in die Wohnung machen.

Theresa blieb im Türrahmen stehen.

– Wohin willst du?

– Nach Hause.

– Lukas, dein Zuhause ist im Moment bei deiner Mutter.

– Theresa, jetzt reicht’s aber wirklich!

Er griff in seine Jackentasche.

– Ich werde doch nicht bei ihr auf einem ausziehbaren Fauteuil leben. Seit zwei Nächten schlafen wir kaum. Sie schaut bis ein Uhr in der Früh fern.

Lukas zog seinen Schlüssel hervor.

Er steckte ihn ins Schloss.

Der Schlüssel ließ sich nicht drehen.

Er versuchte es noch einmal.

Dann sah er Theresa an.

– Du hast das Schloss wechseln lassen?

– Ja.

– Das meinst du ernst?!

– Vollkommen.

– Aber ich wohne hier!

– Du hast hier gewohnt.

Ein paar Sekunden lang brachte Lukas kein Wort heraus.

– Und wie soll es jetzt weitergehen?

– Jetzt hast du genau das, was du unbedingt haben wolltest.

– Was soll das heißen?

Theresa sah ihm ruhig in die Augen.

– Die Gelegenheit, dich selbst um deine Wohnsicherheit zu kümmern.

Dann schloss sie die Tür.

Einen Monat später mietete Lukas ein Zimmer gemeinsam mit Tobias, dessen Scheidung ihn angeblich so sehr erschreckt hatte.

Dabei stellte sich heraus, dass Miete, Betriebskosten, Lebensmittel und Putzmittel wesentlich teurer waren, als sie ihm früher vorgekommen waren – damals, als den Großteil davon seine Frau bezahlt hatte.

Barbara rief Theresa noch mehrere Male an.

Zuerst machte sie ihr Vorwürfe.

Dann flehte sie.

Am Ende bot sie sogar einen „Kompromiss“ an:

– Na gut, dann eben nicht die Hälfte. Überschreib ihm wenigstens ein Viertel. Damit Lukas zurückkommen kann und endlich wieder Ruhe einkehrt.

Theresa musste da nur lachen.

– Barbara, bei mir ist die Ruhe schon eingekehrt.

Ein paar Monate später war die Scheidung rechtskräftig.

An einem Abend saß Theresa auf demselben Sofa wie damals, legte frisch gewaschene Handtücher zusammen und erinnerte sich plötzlich an Barbaras Ultimatum:

„Entweder die Hälfte der Wohnung – oder er zieht zu mir.“

Eigentlich hätten diese Worte sie damals erschrecken sollen.

Stattdessen hatten sie ihr einen riesigen Gefallen getan.

Denn manchmal besteht die beste Antwort auf das Ultimatum eines anderen Menschen nicht darin, über dessen Bedingungen zu verhandeln.

Sondern einfach jene Möglichkeit zu wählen, mit der die drohende Person überhaupt nicht gerechnet hat.

Hedis Stube