„Ohne deine Mutter. Ohne deine Schwester. Und ohne deine Nichte“ sagte Anna und zog die Tür ins Schloss

Unverschämte Einmischung raubt unsere letzte Würde.
Geschichten

Anna hat plötzlich eine eigentümliche Kälte in der Brust gespürt.

— Lukas hat also beschlossen, dass eure Mutter in mein Haus einzieht?

— In unser Haus — verbesserte Katharina sie sofort.

Anna richtete den Blick fest auf sie.

— Nein. In mein Haus.

Katharina stieß ein leises, beinahe spöttisches Lachen aus.

— Du bist mit meinem Bruder verheiratet.

— Das ändert rein gar nichts daran, wer diese Immobilie gekauft hat.

Und genau diesen Punkt hatte Lukas’ Familie offenbar längst beiseitegeschoben, als wäre er nie von Bedeutung gewesen.

Anna hatte das Haus drei Jahre erworben, bevor Lukas überhaupt in ihr Leben getreten war.

Es war kein Geschenk gewesen.

Auch kein Erbe.

Seit sie zweiundzwanzig gewesen ist, hat sie in einer Logistikfirma gearbeitet und jeden Euro zur Seite gelegt, den sie irgendwie entbehren konnte. Sie hatte in einer winzigen Wohnung gewohnt, war zehn Jahre lang mit demselben Auto gefahren und hatte auf kostspielige Reisen verzichtet.

Mit siebenundzwanzig hatte sie endlich genug für die Anzahlung beisammen.

Den Kredit für das Haus hatte sie danach sogar früher zurückgezahlt als geplant.

Im Grundbuch stand ein einziger Name.

Ihrer.

Als sie Lukas geheiratet hatte, hatte sie ihm trotzdem niemals das Gefühl gegeben, er wäre in diesem Haus nur geduldet. Für ihn sollte es ein Zuhause sein.

Vielleicht genau darin lag ihr Fehler.

Denn Schritt für Schritt hatte seine Familie begonnen, sich so aufzuführen, als gehöre ihnen hier ebenfalls ein Teil von allem.

Zuerst hatte ihre Schwiegermutter einen Schlüssel bekommen, angeblich nur „für den Notfall“.

Dann hatte Katharina angefangen, bei ihnen Abendessen auszurichten, als wäre die Küche ihr eigener Bereich.

Später brachte Leonie ihre Freundinnen mit, ohne vorher auch nur zu fragen.

Und jetzt sollte auch noch ihre Mutter hier einquartiert werden.

Anna ging in die Küche.

Lukas stand bei der Kaffeemaschine und bereitete gerade Kaffee zu.

— Deine Mutter zieht bei uns ein?

Er verharrte mitten in der Bewegung.

Eine Antwort kam nicht gleich.

Für Anna war das schon Antwort genug.

— Du hast davon gewusst?

— Anna, bitte, hör mir zuerst zu …

— Hast du davon gewusst?

— Ja.

Sie nickte langsam, ohne den Blick von ihm zu nehmen.

— Und wann genau hattest du vor, mir das zu sagen?

— Heute.

— Nachdem ihre Möbel schon im Haus stehen.

Lukas stellte sein Häferl auf die Arbeitsplatte, ein wenig zu vorsichtig.

— Mach jetzt bitte kein Drama daraus.

Diese zwei Worte haben etwas in Anna zum Reißen gebracht.

Sie zog ihr Handy aus der Tasche.

— Was wird das jetzt? — fragte Lukas angespannt.

— Ich rufe die Übersiedlungsleute an.

— Wieso?

— Damit sie alles wieder in den Wagen laden.

Lukas riss die Augen auf.

— Das kannst du nicht ernsthaft machen!

— Schau mir zu.

Keine zwanzig Minuten später eskalierte die Situation.

Als Erste kam Lukas’ Mutter in die Küche.

Gleich darauf erschien Katharina.

Dann stand auch Leonie in der Tür.

Binnen kürzester Zeit war der ganze Raum voller Stimmen, Vorwürfe und empörter Gesten.

— Ich bin seine Mutter! — rief Frau Elisabeth schrill. — Du kannst meinem eigenen Sohn doch nicht verbieten, mir ein Dach über dem Kopf zu geben!

— Ihr Sohn darf Ihnen selbstverständlich ein Dach über dem Kopf anbieten — erwiderte Anna erstaunlich ruhig. — Aber nicht meines.

— Wie herzlos kann man sein!

— Vielleicht bin ich das in euren Augen.

— Dieses Haus gehört Lukas genauso!

Anna drehte den Kopf zu ihrem Mann.

— Lukas, möchtest du ihnen erklären, welcher Name im Grundbuch eingetragen ist?

Er senkte den Blick.

Katharina fuhr sofort dazwischen.

— Das ist doch völlig nebensächlich! Wir sind schließlich Familie!

Anna wandte sich langsam ihr zu.

— Gut. Dann sprechen wir über Familie. Du hast gesagt, du bleibst drei Wochen. Mittlerweile wohnst du seit neun Monaten hier.

Katharina verlor sichtbar die Farbe im Gesicht.

— Ich habe nirgends hin.

— Du hast vor zwei Monaten eine Wohnung gefunden.

Lukas hob ruckartig den Kopf.

— Was?

Katharina erstarrte.

Anna öffnete eine Lade und zog eine Mappe heraus.

— Das habe ich entdeckt, als ich nach einer Rechnung gesucht habe.

Hedis Stube