Ein Mietvertrag. Zwei Zimmer. Vor acht Wochen unterschrieben.
Lukas blickte seine Schwester an, als hätte er sie zum ersten Mal vor sich.
— Du hast eine eigene Wohnung?
— Ich …
— Wieso bist du dann noch immer bei uns?
Katharina brachte zunächst kein ordentliches Wort heraus. Sie verhaspelte sich, brach ab, begann von Neuem, bis schließlich doch herauskam, was wirklich passiert war.
Ja, sie hatte eine Wohnung angemietet.
Nur eben nicht, damit sie selbst dort einzog.
Sie hatte die Wohnung um mehr Geld an jemand anderen weitervermietet.
Und währenddessen hatten sie und ihre Tochter weiterhin gratis bei Anna gewohnt.
In Lukas’ Gesicht kippte etwas. Der Ausdruck, der eben noch verwirrt gewesen war, wurde hart.
— Du machst mit dieser Wohnung Geld, während Anna hier für euren Strom, euer Wasser und euer Essen aufkommt?
— Ich muss mir etwas auf die Seite legen!
— Das müssen wir alle! — gab Anna zurück.
Frau Elisabeth schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
— So redest du nicht mit meiner Tochter!
Anna sah sie ruhig an.
Und zum ersten Mal spürte sie dabei keine Angst. Auch keine Schuld. Nur eine klare, kalte Gewissheit.
— Packen Sie Ihre Sachen.
— Was soll das heißen?
— Katharina und Leonie ziehen heute aus.
— Du kannst sie doch nicht einfach vor die Tür setzen!
— Doch. Genau das kann ich.
— Lukas!
Alle drehten sich zu ihm um.
Sieben Jahre lang hatte Anna zugesehen, wie ihr Mann jedem Streit mit seiner Mutter ausgewichen war. Immer hatte er nachgegeben. Immer hatte er sie gebeten, noch ein bisschen geduldig zu sein.
Und immer war derselbe Satz gekommen:
„Lass es. Du weißt ja, wie sie ist.“
Diesmal aber sah Lukas nicht zu seiner Mutter, sondern zu seiner Schwester.
— Ist das mit der Wohnung wahr?
Katharina verschränkte die Arme vor der Brust.
— Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig.
Lukas atmete tief ein.
— Dann hol deine Sachen.
Seine Mutter starrte ihn an, als hätte er sie geschlagen.
— Was hast du da gerade gesagt?
— Dass sie gehen muss.
— Deine Frau verdreht dir den Kopf!
— Nein, Mama. Meine Frau zahlt seit Monaten dafür, dass meine Schwester hier ohne einen Cent beizutragen wohnt, während sie heimlich an einer anderen Wohnung verdient.
Katharina begann zu weinen.
Leonie schrie, sie seien alle furchtbare Menschen.
Elisabeth drohte, nie wieder ein Wort mit ihrem Sohn zu wechseln.
Anna aber stieg auf keine Diskussion mehr ein.
Sie ging nach oben.
Eine Stunde später standen die Koffer im Vorzimmer.
Katharina bestellte ein Taxi.
Leonie stapfte hinter ihr hinaus, ohne sich umzudrehen.
Genau in diesem Moment versuchte Elisabeth erneut, mit einem Karton im Arm ins Haus zu kommen.
Anna trat ihr entgegen und blieb in der Tür stehen.
— Und Sie ziehen hier auch nicht ein.
— Du setzt mich ebenfalls hinaus?
— Nein. Damit ich Sie hinaussetzen könnte, hätte ich Sie zuerst hereinlassen müssen.
— Lukas, sag doch etwas!
Er stand hinter Anna.
— Mama, Anna hat recht.
Elisabeth musterte ihren Sohn, als erkenne sie ihn nicht wieder.
— Du wählst sie statt deiner eigenen Familie?
Lukas brauchte ein paar Sekunden, bis er antwortete.
— Sie ist meine Familie.
Anna sah ihn überrascht an.
Elisabeth stellte den Karton mit einem wütenden Ruck auf den Boden.
— Das wirst du noch bereuen.
Anna griff nach der Tür.
— Vielleicht. Aber noch viel mehr würde ich bereuen, wenn ich weiter zuließe, dass Sie über mein Leben bestimmen.
Dann sagte sie endlich die Worte, die seit Monaten in ihr festgesteckt hatten:
— Ich habe dieses Haus allein gekauft. Und wir werden hier wohnen. Ohne deine Mutter, ohne deine Schwester und ohne deine Nichte.
Sie schloss die Tür.
Diesmal versuchte Lukas nicht, sie aufzuhalten.
Noch ein paar Minuten lang drangen von draußen Stimmen herein.
Dann wurde es still.
Anna lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür.
Sie fühlte sich nicht wie eine Siegerin. Sie war einfach nur erschöpft.
