Bei diesem nächsten Mal hat Theresa Florian und mich schon im Vorhinein gebeten, die Rechnung fürs ganze Essen zu übernehmen. Katharina und Magdalena würden ihre Anteile danach eh überweisen, hieß es. Eine von ihnen hat das dann auch gemacht, die andere hat offenbar darauf vergessen. Nachrennen wollte ich dem Geld damals nicht.
Mit der Zeit ist daraus fast eine Selbstverständlichkeit geworden. Alle zwei, drei Monate haben wir uns irgendwo zum Essen getroffen, und beinahe jedes Mal ist die vorläufige Rechnung irgendwann bei mir gelandet. Manchmal ist später noch etwas überwiesen worden, manchmal hat Florian mir einen Teil aus seinem Geld zurückgegeben. Aber immer öfter ist es darauf hinausgelaufen, dass der größte Brocken bei mir hängen geblieben ist.
Ich habe ein bissl mehr verdient als mein Mann, und Restaurantbesuche haben uns finanziell nicht an den Rand gebracht. Darum habe ich dem lange keine besondere Bedeutung beigemessen. Florian hat dafür andere Ausgaben in unserer Familie übernommen. Für mich hat es sich angefühlt, als würde ich einfach Menschen einladen, die mir nahestehen und mit denen ich ja selbst am selben Tisch sitze.
Katharina hat einmal sogar lachend gemeint:
„Mit Anna essen zu gehen ist praktisch. Sie zieht die Karte immer am schnellsten heraus.“
Damals habe ich mitgelacht.
Jetzt ist mir dieser Satz plötzlich gar nicht mehr so lustig vorgekommen.
Florian ist gegen halb sieben weggefahren. Ich habe mir daheim ein Abendessen gemacht, eine Serie eingeschaltet und keinen Gedanken mehr an das Lokal verschwendet, bis das Foto mit einer Rechnung über 318,40 Euro angekommen ist.
Geld überwiesen habe ich nicht.
Ein paar Sekunden lang habe ich nur auf Florians Nachricht gestarrt. Zuerst war ich überzeugt, er habe das Bild einfach aus Gewohnheit geschickt und würde gleich selbst merken, wie seltsam das Ganze wirkt.
Doch gleich darauf kam noch eine Nachricht:
„Anna, schick mir bitte das Geld. Wir klären das dann später.“
Ich habe geantwortet:
„Florian, ihr habt heute beschlossen, ohne mich essen zu gehen. Dann zahlt bitte auch ohne mich. Wieso soll ich ein Treffen bezahlen, zu dem ich nicht einmal eingeladen war?“
Fast im selben Moment hat er angerufen.
„Meinst du das jetzt ernst?“, hat er gefragt. „Ich verstehe schon, dass du gekränkt bist, aber wir sitzen hier jetzt, und die Rechnung ist da.“
„Und was genau hindert euch daran, sie zu bezahlen?“
„Ich war nicht auf den ganzen Betrag eingestellt. Ich hab gedacht, du überweist mir das wie sonst auch, und daheim reden wir dann drüber.“
Genau dieses „wie sonst auch“ hat mich am meisten getroffen.
„Sonst bin ich wenigstens mit am Tisch gesessen. Heute habt ihr mich zur Außenstehenden erklärt, aber meine Bankkarte gehört plötzlich doch noch zur Familie.“
Florian hat schwer ausgeatmet und gesagt, er wolle vor den anderen keinen Streit anfangen. Ich habe nur erwidert, dass es gar nichts zu streiten gebe: Am Tisch sitzen sechs erwachsene Menschen, und jeder von ihnen kann sein eigenes Essen bezahlen.
Wir haben das Gespräch beendet, ohne laut zu werden.
Ein paar Minuten später hat Katharina geschrieben.
„Anna, warum machst du jetzt so ein Theater? Wir wollten doch nur einmal einen Abend in Ruhe zusammensitzen. Niemand wollte dich verletzen. Florian ist davon ausgegangen, dass du ihm das Geld überweist, so wie immer.“
Ich habe zurückgeschrieben, dass ich grundsätzlich nichts dagegen habe, wenn sie sich ohne mich treffen wollen.
