Theresa spürte, wie ihr binnen weniger Augenblicke die Hitze ins Gesicht schoss. Nicht aus Scham, sondern vor blanker Wut. Alles war vorbereitet gewesen. Kein Zufall, kein Missverständnis. Sie hatten sich auf dieses Gespräch eingestellt und die Unterlagen offenbar mit aller Sorgfalt so zurechtgebogen, dass sie wie die Schuldige dastand.
Wie lange hatten sie an dieser Inszenierung gearbeitet? Tage? Wochen? Und vor allem: Warum gerade jetzt?
„Weiß Lukas davon?“, fragte sie leise. Sie meinte ihren Mann, auch wenn ihr die Antwort im Grunde schon im Magen lag wie ein Stein.
Claudia verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln.
„Was soll Lukas schon dazu sagen? Er hat längst gesehen, dass du der Aufgabe nicht gewachsen bist. Er hat dich halt geschont. Aber ein Betrieb ist ein Betrieb, Theresa. Da ist kein Platz für Sentimentalitäten.“
Hinter der Tür raschelte es kaum hörbar. Jemand aus dem Büro musste draußen stehen und lauschen. Theresa sah förmlich vor sich, wie am nächsten Tag die ganze Firma über ihre demütigende Entlassung tuscheln würde. Besonders die Leute aus der Planungs- und Controllingabteilung würden sich daran weiden. Dort hatte man ihr schon lange übelgenommen, dass sie bei Ausgaben keinen Millimeter nachgegeben hatte.
„Ich verlange eine unabhängige Prüfung“, brachte sie hervor und wollte aufstehen, doch ihre Beine fühlten sich plötzlich an, als gehörten sie nicht mehr zu ihr.
„Was?“, fuhr Claudia auf. „Hörst du dir eigentlich selber zu? Willst du mich absichtlich zur Weißglut treiben? Gratuliere, das ist dir gelungen.“ Sie deutete mit einem perfekt manikürten Finger zur Tür. „Dort ist der Ausgang. Verschwinde, du Versagerin! Eine Kündigung brauchst du nicht mehr zu schreiben, der Bescheid ist längst vorbereitet. Und zwar fristlos, wegen schwerer finanzieller Verfehlungen. Du kannst froh sein, dass wir dich nicht anzeigen. Nur wegen der Familie lassen wir es dabei bewenden!“
Barbara bemühte sich nicht einmal, ihr zufriedenes Lächeln zu verbergen. Hinter der Tür war ein gedämpftes Kichern zu hören.
Langsam erhob sich Theresa. In ihrem Kopf rauschte es, die Tränen drängten in ihre Augen, doch sie hatte nicht vor, den beiden auch noch den Triumph ihres Weinens zu schenken. Wortlos nahm sie ihre Tasche und ging zur Tür.
„Und komm ja nicht auf die Idee, irgendetwas aus dem Büro mitzunehmen!“, rief Claudia ihr hinterher. „Der Sicherheitsdienst wird ein Auge darauf haben. Obwohl, was solltest du schon mitnehmen? Du hast ja nicht einmal deine eigene Abteilung ordentlich führen können.“
Im Vorzimmer hatte sich bereits eine kleine Menschentraube gebildet. Rosi tat so, als würde sie konzentriert tippen, doch ihre Augen klebten gierig an Theresa.
Mit geradem Rücken und hoch erhobenem Kopf ging Theresa an allen vorbei.
Nichts ist vorbei, dachte sie. Ich werde herausfinden, was hier gespielt wird. Ich weiß noch nicht, wie. Aber ich werde es schaffen. Das werdet ihr schon sehen.
In ihrem Büro packte sie rasch ihre persönlichen Sachen in eine Kartonschachtel: das Foto mit Lukas, den kleinen Kaktus, den ihr die Kolleginnen zum Geburtstag geschenkt hatten, ihr Lieblingshäferl und ein paar Kleinigkeiten aus der Lade.
Zehn Minuten später lag auf dem Schreibtisch nur noch ihr Kalender, voll mit präzise ausgearbeiteten Plänen für die Entwicklung der Firma im nächsten Quartal. Jetzt war er wertlos für sie geworden.
In ihrer Tasche vibrierte erneut das Handy, hartnäckig und fordernd. Lukas.
Theresa drückte den Anruf weg und schaltete das Gerät aus. Im Moment war sie nicht fähig, mit irgendjemandem zu reden. Schon gar nicht mit ihm.
Nach Hause fuhr sie nicht. Sie stellte die Schachtel mit ihren Sachen in den Kofferraum und lenkte den Wagen in Richtung Innenstadt.
Graz versank in der Dämmerung eines feuchten Oktobertages. Feiner Nieselregen zog über die Straßen, die Lichter spiegelten sich auf dem Asphalt. An einer Ampel musste Theresa anhalten, weil sich vor ihr der abendliche Stau wie eine endlose Schlange durch die Stadt zog.
Sie holte das Handy wieder aus der Tasche, schaltete es ein und starrte fassungslos auf den Bildschirm. Dreiundzwanzig verpasste Anrufe von Lukas. Dazu fünf Nachrichten auf WhatsApp.
„Theresa, wo bist du? Ruf mich bitte sofort an!“
„Mama hat mir alles erklärt. Lass uns in Ruhe darüber reden.“
„Jetzt schmoll nicht, es geht doch nur um die Arbeit.“
„Vielleicht ist es eh besser so. Dann kümmerst du dich endlich einmal um dich und um daheim. Als Finanzchefin warst du ehrlich gesagt wirklich nicht besonders stark. Das musst du langsam einsehen.“
„Ich komme heute später. Warte nicht auf mich.“
Bei der letzten Nachricht verzog Theresa den Mund zu einem enttäuschten, bitteren Lächeln.
Also hatte ihr Mann seine Seite bereits gewählt. Wobei – wann war es je anders gewesen? In fünf Ehejahren hatte Lukas sich kein einziges Mal vor sie gestellt, wenn seine Mutter sie angegriffen hatte. Nicht einmal damals, als Claudia ganz offen auf die fehlenden Enkel angespielt und Theresa eine „unfruchtbare Kuckucksmutter“ genannt hatte. Lukas hatte nur beschämt weggeschaut.
Vor ihrem Lieblingskaffeehaus fand sie einen Parkplatz. Drinnen bestellte sie einen großen Latte und klappte ihr Notebook auf. Drei Jahre lang hatte sie parallel eine eigene Buchhaltung geführt und sämtliche wichtigen Unterlagen zusätzlich gesichert. Nicht, weil sie Claudia grundsätzlich misstraut hätte. Oder doch: Sie hatte vertraut, aber nie aufgehört zu prüfen. Ihre frühere Arbeit in einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft hatte sie gelehrt, immer eine zweite Absicherung zu haben.
Die Dateien lagen verschlüsselt in der Cloud, sauber nach Datum und Themen geordnet.
Mit kühler Genauigkeit begann Theresa, ihre eigenen Auswertungen mit jenen Unterlagen zu vergleichen, die Barbara ihr heute vorgelegt hatte. Die Abweichungen waren beträchtlich. Jemand hatte ganz offensichtlich Zahlen verändert, um ihre angebliche Unfähigkeit glaubhaft aussehen zu lassen.
Am deutlichsten sprangen ihr die Manipulationen im Bereich „Operative Aufwendungen“ ins Auge. Genau dort, wo sie erst vor Kurzem seltsame Zahlungen für Beratungsleistungen entdeckt hatte – Rechnungen einer Firma, die auf sie wie eine reine Briefkastenfirma gewirkt hatte.
