„Dieses Zimmer räumen wir heute noch frei.“ verkündete Theresa, während Katharina fassungslos im Vorzimmer steht

So eine rücksichtslose Überraschung fühlt sich ungerecht an.
Geschichten

— Dieses Zimmer räumen wir heute noch frei. Lukas und Anna stellen dort ihre Koffer hinein, und deinen Arbeitstisch können wir vorläufig in den Gang hinausstellen, — verkündete Theresa, während sie vor ihrem Sohn in die Wohnung trat.

Hinter ihr kam ein junger Mann ins Vorzimmer, in jeder Hand einen schweren Koffer. Gleich danach erschien eine junge Frau mit einer Reisetasche über der Schulter und einem großen Sackerl in der Hand. Sie lächelte Katharina entschuldigend an, als würde sie sehr wohl spüren, dass hier etwas Merkwürdiges vor sich ging, aber lieber abwarten, bis jemand die Lage erklärte.

Florian machte die Wohnungstür zu und sah seine Frau an.

— Bleibt’s nicht mitten im Weg stehen. Tragen wir zuerst einmal die Sachen hinein, — sagte er.

Katharina rührte sich nicht vom Fleck.

Es war ein heißer Augustvormittag. Die Fenster standen offen, von draußen drangen Motorengeräusche und die Stimmen von Kindern aus dem Hof herein. Noch vor ein paar Minuten hatte Katharina die Wohnung fertig putzen und danach einkaufen fahren wollen. Jetzt standen mitten im Vorzimmer fremde Koffer, und ihre Schwiegermutter entschied bereits über das Zimmer, in dem Katharina arbeitete.

— Erklärt mir bitte irgendwer, was hier gerade passiert? — fragte sie.

Theresa zog ihre Sandalen aus, stellte sie ordentlich an die Wand und ging weiter in die Küche.

— Nichts Besonderes. Lukas und Anna wohnen eine Zeit lang bei euch. Jungen Leuten muss man unter die Arme greifen.

Lukas stellte die Koffer auf den Boden.

— Mama hat gesagt, ihr habt nichts dagegen.

Katharina wandte den Blick zu ihrem Mann.

Florian hob leicht die Hände, als wollte er die Sache kleinreden.

— Ich wollte es dir heute Abend sagen.

— Gestern Abend?

— Heute.

— Nachdem sie schon da sind?

— Was macht das für einen Unterschied? Das sind keine Leute, die einfach von der Straße hereinschneien. Das ist mein Bruder.

Theresa öffnete inzwischen einen der Küchenkästen und nahm Häferln heraus. Sie wusste genau, wo das Geschirr stand, obwohl Katharina ihr nie erlaubt hatte, sich in der Wohnung wie daheim zu benehmen.

— Setzen wir uns zuerst in Ruhe hin, dann reden wir über alles, — sagte die Schwiegermutter. — Danach schauen wir, wohin mit den Sachen.

Katharina sah auf die Koffer hinunter. Einer davon war so groß, dass Lukas ihn auf vier Rollen hinter sich hergezogen hatte. Am Griff des zweiten hing ein Nackenkissen für Reisen. Diese Leute waren ganz sicher nicht nur fürs Wochenende gekommen.

— Wie lange habt ihr vor, hierzubleiben? — fragte sie ihren Schwager.

Lukas räusperte sich und schaute zu seiner Mutter.

— Drei Monate ungefähr. Vielleicht vier.

— Bis sie genug für die Anzahlung zusammengespart haben, — ergänzte Theresa. — Und falls es nötig ist, bleiben sie eben länger. Die Wohnung ist groß genug, ein freies Zimmer gibt es auch. Sie werden niemandem zur Last fallen.

Anna nahm die Tasche von der Schulter.

— Wir können uns natürlich an den Kosten beteiligen.

— Um Kosten geht es im Moment gar nicht, — erwiderte Katharina. — Ich höre zum ersten Mal, dass ihr hier wohnen wollt.

Die junge Frau runzelte die Stirn und blickte Lukas an.

— Du hast gesagt, das sei alles ausgemacht.

— Ich dachte, Florian hätte mit Katharina geredet, — murmelte er.

— Macht euch keine Sorgen, — mischte sich Theresa ein. — Katharina ist nur jemand, der gern vorher informiert wird. Sie gewöhnt sich jetzt an den Gedanken, und dann passt schon alles.

Ihre Worte klangen so selbstsicher, als wäre die Entscheidung längst getroffen und der eigentlichen Wohnungsinhaberin bliebe nur noch, sich damit abzufinden.

Dabei gehörte die Wohnung Theresa nicht.

Florian gehörte sie ebenso wenig.

Die Wohnung war Eigentum von Katharinas Eltern.

Michael und Elisabeth hatten sie vor vielen Jahren gekauft, als Katharina noch zur Schule gegangen war. Damals hatten sie zu dritt dort gewohnt. Später schloss die Tochter ihr Studium ab, fand eine Stelle als Technologin in einem kleinen Lebensmittelbetrieb und blieb zunächst bei ihren Eltern.

Drei Jahre danach bekam Michael das Angebot, in einer Nachbarstadt eine Werkstätte zu leiten. Die Fahrt dorthin dauerte nur rund eine halbe Stunde, aber täglich pendeln wollte er nicht. Also kauften die Eltern dort ein kleines Haus und zogen um.

Die Wohnung verkauften sie nicht.

— Wohn hier, solange du sie brauchst, — hatte ihr Vater damals gesagt. — Du zahlst die laufenden Ausgaben, hältst alles in Ordnung, und den Rest schauen wir später.

Das Eigentum blieb je zur Hälfte bei den Eltern. Katharina war in der Wohnung gemeldet und durfte sie mit deren Zustimmung nutzen. Sie hatte die Immobilie nie im rechtlichen Sinn als ihre eigene bezeichnet und Florian gegenüber auch nie etwas anderes behauptet.

Kennengelernt hatten sie einander fünf Jahre zuvor auf der Geburtstagsfeier einer gemeinsamen Bekannten. Florian arbeitete als Monteur für Kühlanlagen, und auf Katharina wirkte er vom ersten Abend an ruhig und vernünftig.

Nach ein paar Monaten blieb er immer öfter bei ihr über Nacht. Dann sprachen sie über ein gemeinsames Leben, und Florian brachte seine Sachen zu ihr.

Katharina erklärte ihm damals gleich:

— Die Wohnung gehört meinen Eltern. Sie erlauben uns, hier zu wohnen, aber frei darüber verfügen können wir nicht.

— Natürlich, — antwortete Florian. — Ich erhebe sicher keinen Anspruch auf fremdes Eigentum.

Ein Jahr später heirateten sie. Katharinas Eltern hatten nichts dagegen, dass ihr Schwiegersohn in der Wohnung lebte. Michael übergab ihm sogar persönlich einen zweiten Schlüsselbund und bat nur um eines:

— Wenn ihr etwas Größeres verändern wollt oder jemanden zusätzlich hier einziehen lassen möchtet, ruft uns vorher an.

Florian nickte damals.

— Selbstverständlich.

In den ersten Jahren lebten die beiden ruhig. Florian tat nicht so, als wäre er der Eigentümer, stritt nicht mit den Eltern seiner Frau und versprach die Wohnung auch keinem seiner Verwandten.

Die Schwierigkeiten begannen mit Theresas Besuchen.

Anfangs kam die Schwiegermutter ungefähr einmal im Monat vorbei. Sie kündigte sich rechtzeitig an, brachte etwas für den Tisch mit und blieb nie besonders lang. Katharina begegnete ihr freundlich. Eng war das Verhältnis nicht, aber echte Gründe für Streit gab es zunächst auch nicht.

Nach und nach tauchte Theresa häufiger auf.

Zuerst rief sie noch aus dem Bus an.

— Ich bin gleich da. Mach mir auf.

Später hörte sie ganz auf, vorher Bescheid zu geben. Sie fuhr mit dem Lift hinauf, drückte auf die Klingel und wunderte sich aufrichtig, wenn Katharina nicht zu Hause war.

— Wo treibst du dich denn an einem freien Tag herum?

— Ich habe etwas zu erledigen.

— Das muss man sagen. Ich hätte umsonst herfahren können.

Katharina erinnerte sie jedes Mal daran, dass der Besuch nicht abgesprochen gewesen war. Theresa winkte nur ab und ging trotzdem in die Zimmer.

Mit der Zeit benahm sie sich, als gehöre die Wohnung zwar vielleicht nicht ihr, stünde aber zumindest unter ihrer Leitung.

Eines Tages kam Katharina vom Einkaufen zurück und stellte fest, dass die Küchenutensilien in andere Laden und Kästen umgeräumt worden waren. Theresa hatte entschieden, dass alles, was oft gebraucht wurde, näher beim Herd liegen müsse, während der Rest weiter hinten verstaut werden könne.

— Ich werde den ganzen Tag nach Dingen suchen, die vorher an ihrem gewohnten Platz waren, — sagte Katharina.

— Dafür wirst du danach merken, wie viel praktischer es so ist.

Katharina räumte alles wieder zurück.

Beim nächsten Besuch brachte Theresa eine Schachtel mit eigenem Geschirr mit. Darin lagen Teller mit abgeriebenem Muster, ein paar Häferln, eine große Platte und ein altes Metalltablett.

— Was soll das hier? — fragte Katharina.

— Ihr habt zu wenig Geschirr, wenn Gäste kommen.

— Für uns reicht es.

— Und wenn einmal zehn Leute zusammensitzen?

— Wir laden keine zehn Leute ein.

Theresa verstaute die mitgebrachten Sachen in einem freien Fach des Kastens.

Am Abend bat Katharina Florian, die Schachtel wieder zurückzubringen.

— Lass sie halt stehen, — meinte er. — Sie stört doch niemanden.

— Deine Mutter stellt ihre Sachen in die Wohnung meiner Eltern.

— Ein paar Teller sind noch keine Wohnungsübernahme.

— Heute sind es Teller. Morgen bringt sie die halbe Abstellkammer mit.

Florian grinste, nahm die Schachtel aber schließlich doch mit. Eine Woche später brachte Theresa eine neue. Diesmal waren Geschirrtücher, Vorratsdosen und eine große Vase darin.

Katharina packte die Dinge gar nicht erst aus.

— Nehmen Sie das bitte wieder mit.

— Du hast es dir ja noch nicht einmal angeschaut.

— Ich brauche nichts davon.

— Geschenke lehnt man nicht so unhöflich ab.

— Es ist kein Geschenk, wenn jemand ohne Rücksicht auf die Wünsche eines anderen etwas aussucht und dann verlangt, dass es in dessen Zuhause aufbewahrt wird.

Theresa sah ihren Sohn an.

— Florian, sag du ihr etwas.

— Kathi, Mama hat sich Mühe gegeben.

— Dann nimm alles mit in deine Werkstatt.

Damit war das Gespräch beendet. Florian brachte auch diese Schachtel zu seiner Mutter zurück, warf seiner Frau danach aber vor, unnötig scharf gewesen zu sein.

Für ihn war jeder einzelne Vorfall nur eine Kleinigkeit.

Wenn Theresa die Kästen öffnete, meinte er, sie suche eben ein bestimmtes Häferl.

Wenn sie die Ordnung in den Zimmern kritisierte, erklärte er, seine Mutter sei es halt anders gewohnt.

Hedis Stube