Als Theresa vorschlug, das freie Zimmer während einer Renovierung ihrer Schwester zu überlassen, meinte Florian sofort, innerhalb der Familie müsse man einander eben unter die Arme greifen.
— Die Wohnung gehört weder dir noch mir, erinnerte ihn Katharina. — Wir können hier nicht einfach jemanden einquartieren.
— Deine Eltern nutzen dieses Zimmer doch ohnehin nicht.
— Dadurch wird es aber nicht zum Eigentum deiner Mutter.
— Ich habe nur angeboten, jemandem zu helfen.
— Nein. Du hast fremden Wohnraum angeboten.
Daraufhin liess Theresa den Plan fallen. Nicht, weil sie eingesehen hätte, dass sie im Unrecht war, sondern weil ihre Schwester inzwischen eine andere Möglichkeit gefunden hatte.
Ein paar Monate später kam Theresa wieder auf das freie Zimmer zu sprechen.
Diesmal war sie überzeugt, Lukas könne dort vorübergehend wohnen. Ihr jüngerer Sohn lebte mit Anna in einer Mietwohnung und wollte auf eine eigene Wohnung sparen.
— Wozu sollen die zwei ihr Geld einem Fremden in den Rachen werfen? überlegte Theresa laut. — Sie sollen bei euch einziehen und alles, was sie sich ersparen, beiseitelegen.
— Darüber haben wir schon gesprochen, sagte Katharina. — Ob hier jemand wohnen darf, entscheiden ausschliesslich meine Eltern.
— Die würden es nicht einmal merken.
Katharina legte das Handy zur Seite.
— Nach diesem Satz gibt es nichts mehr zu besprechen.
Florian nahm erneut die bequeme Mittelposition ein.
— Kathi, Mama denkt doch nur laut nach.
— Sie denkt laut darüber nach, wie man über die Wohnung von Menschen verfügt, die sie nicht einmal gefragt hat.
— Noch steht niemand mit gepackten Koffern vor der Tür.
Jetzt standen sie dort.
Theresa sass am Küchentisch und schenkte gewöhnlichen schwarzen Tee ein. Lukas hatte sich neben sie gesetzt, während Anna bei der Tür stehen geblieben war, als traute sie sich nicht, Platz zu nehmen.
Florian holte Kekse aus dem Kasten und legte die Packung auf den Tisch.
— Bitte ohne Streit, sagte er.
— Streit gibt es bis jetzt keinen, erwiderte Katharina. — Es gibt vier Personen, von denen drei beschlossen haben, in die Wohnung meiner Eltern einzuziehen, ohne die Eigentümer um Erlaubnis zu fragen.
— Ich bin nicht zum Wohnen hergekommen, empörte sich Theresa. — Ich habe den Jungen nur beim Übersiedeln geholfen.
— Und wem gehört der erste Koffer? fragte Katharina.
Für einen Augenblick schwieg ihre Schwiegermutter.
— Da sind ein paar Sachen für die Küche drin. Und Bettwäsche.
— Also haben Sie ebenfalls entschieden, einen Teil Ihrer Dinge hierzulassen.
— Damit Anna etwas hat, womit sie zurechtkommt.
Anna wurde rot und umklammerte den Henkel ihrer Tasche.
— Wir haben alles, was wir brauchen. Theresa hat gesagt, die Wohnung sei gross und das Zimmer stehe leer. Wir haben nicht gewusst, dass Sie dagegen sind.
— Ich bin nicht einfach dagegen. Ich habe gar kein Recht, Ihnen zu erlauben, hier zu wohnen, solange die Eigentümer nicht zugestimmt haben.
Lukas zog die Stirn kraus.
— Florian, du hast doch gesagt, du regelst das.
Katharina sah ihren Mann an.
— Du hast ihnen das Zimmer also tatsächlich zugesagt?
Florian rieb sich mit der Hand über das Kinn.
— Lukas und ich haben darüber geredet. Ich habe gesagt, ich glaube, es wird keine Schwierigkeiten geben.
— Und worauf hast du diese Einschätzung gestützt?
— Weil wir schon seit Jahren hier wohnen.
— Mit Erlaubnis der Eigentümer hier zu leben und über deren Immobilie zu verfügen, ist nicht dasselbe.
Theresa legte den Löffel neben ihr Häferl.
— Michael und Elisabeth kommen doch sowieso nicht zurück. Warum soll das Zimmer unbenutzt bleiben?
— Das entscheiden sie.
— Du bist ihre Tochter.
— Eben deshalb werde ich nicht hinter ihrem Rücken über ihr Eigentum bestimmen.
Theresa fuhr gereizt mit den Fingern über die Tischplatte.
— Dann ruf sie halt an und frag. Ich kann mir nicht vorstellen, dass normale Leute ein junges Paar auf die Strasse setzen.
Katharina nahm ruhig ihr Handy.
— Gute Idee.
Florian wurde sofort aufmerksam.
— Vielleicht sollten wir das zuerst unter uns besprechen?
— Ihr habt ja bereits alles ohne mich besprochen.
Sie wählte die Nummer ihres Vaters. Michael hob beinahe sofort ab.
— Papa, seid ihr mit Mama daheim?
— Gerade erst heimgekommen. Was ist passiert?
— Bei uns sind Theresa, Lukas und seine Freundin. Sie sind mit Koffern gekommen. Florian hat ihnen erlaubt, ein paar Monate in der Wohnung zu bleiben.
Am anderen Ende der Leitung entstand eine kurze Stille.
— Wir haben so eine Erlaubnis nicht gegeben.
— Ich weiss.
— Sind sie jetzt in der Wohnung?
— Ja.
— Wir sind in ungefähr einer halben Stunde bei euch.
Das Gespräch dauerte tatsächlich weniger als eine Minute.
Katharina legte das Handy auf den Tisch.
— Meine Eltern kommen gleich.
Theresa lehnte sich an die Stuhllehne zurück.
— Ausgezeichnet. Dann reden wir endlich mit erwachsenen Menschen.
— Mama, vielleicht hättest du nicht gleich alle hierherbringen sollen, sagte Lukas leise.
— Du hast keinen Platz zum Wohnen und entschuldigst dich auch noch.
— Wir haben sehr wohl einen Platz zum Wohnen, widersprach Anna. — Wir mieten eine Wohnung. Sie haben nur gesagt, hier könnten wir sparen.
Theresa warf ihr einen verärgerten Blick zu.
— Dann sei jetzt lieber still. Ohne mich würdet ihr noch jahrelang zusammensparen.
Zum ersten Mal sah Katharina, wie Lukas unzufrieden das Gesicht verzog. Bis dahin hatte er seiner Mutter kaum widersprochen.
— Red nicht so mit Anna.
— Ich bemühe mich doch nur für euch!
— Uns hat niemand eingeladen. Du hast behauptet, es sei alles geklärt.
— Florian hat alles bestätigt.
Wieder richteten sich alle Blicke auf ihn.
Florian straffte die Schultern.
— Ich habe nichts endgültig bestätigt.
Lukas lachte kurz, aber ohne jede Freude.
— Du hast gesagt: „Kommt am Samstag, Kathi wird ein bisserl raunzen und sich dann schon beruhigen.“
Katharina drehte langsam den Kopf zu ihrem Mann. Ihr Gesicht wurde ganz unbewegt, nur ihre Finger schlossen sich fester um das Handy.
— So hast du dir unser Gespräch also vorgestellt?
— Das war unglücklich formuliert.
— Du hast von Anfang an gewusst, dass ich nicht einverstanden sein werde. Deshalb wolltest du mich vor vollendete Tatsachen stellen.
— Ich wollte meinem Bruder helfen.
— Mit einer fremden Wohnung.
Florian öffnete den Mund, fand aber keine passende Erklärung.
Theresa stand auf.
— Jetzt reicht es mit dieser Wortklauberei. Zeig Anna lieber, wo sie ihre Sachen unterbringen kann. Deine Eltern kommen, wir reden, und dann ist alles erledigt.
— Die Koffer bleiben im Vorzimmer, sagte Katharina.
— Dort stehen sie im Weg.
— Nicht mehr lange.
Theresa ging an ihr vorbei zum freien Zimmer. Katharina folgte ihr.
Der Raum lag am Ende des Ganges. Darin standen ein Schreibtisch, ein Bücherkasten, ein Sofa und eine schmale Kommode. Katharina arbeitete dort an mehreren Tagen in der Woche, bewahrte Unterlagen auf und erledigte organisatorische Dinge für daheim.
Theresa öffnete die Tür.
— Den Schreibtisch stellen wir ins Schlafzimmer. Die Kommode kann hinaus in den Gang. Lukas und Anna räumen ihre Kleidung in den Kasten, und eure Bücher müsst ihr eben in Schachteln packen.
— Hier wird nichts angerührt.
— Wie sollen die zwei denn zwischen deinen Papieren wohnen?
— Sie werden hier nicht wohnen.
— Wiederholst du das absichtlich dauernd?
Katharina stellte sich in den Türrahmen.
— Weil Sie beharrlich so tun, als würden Sie es nicht verstehen.
Theresa trat näher.
— Florian ist dein Mann. Also muss er auch ein Mitspracherecht haben.
— Er hat ein Mitspracherecht bei Dingen, die unser gemeinsames Leben betreffen. Er hat kein Recht, Zimmer in der Wohnung meiner Eltern zu verteilen.
— Du hast einen schwierigen Charakter.
— Dafür habe ich ein gutes Gedächtnis. Ich weiss noch, wem diese Immobilie gehört.
Da läutete es an der Tür.
Katharina ging öffnen.
Auf dem Gang standen ihre Eltern. Elisabeth hielt eine kleine Tasche in der Hand, Michael nahm gerade seine Sonnenbrille ab. Aufgeregt wirkten sie nicht, aber sie waren so rasch gekommen, dass ihr Vater nicht einmal sein Arbeitshemd gewechselt hatte.
— Kommt herein, sagte Katharina.
Michael sah die Koffer und nickte knapp, als hätte er damit die Worte seiner Tochter bestätigt bekommen.
— Sind alle da?
— Ja.
— Dann setzen wir uns ins Wohnzimmer.
Theresa kam mit selbstsicherer Miene aus dem Gang.
— Sehr gut, dass Sie gekommen sind. Die ganze Angelegenheit ist völlig unnötig aufgeblasen worden.
Elisabeth blickte auf die Koffer.
— Wie viele Personen sollen hier einziehen?
— Nur Lukas und Anna, antwortete Theresa. — Junge, ruhige Leute, den ganzen Tag in der Arbeit. Sie werden sie kaum bemerken.
— Wir wohnen hier überhaupt nicht, bemerkte Michael.
— Umso besser. Das Zimmer steht ja leer.
— Es steht nicht leer, sagte Katharina. — Ich arbeite dort.
— Ein Schreibtisch lässt sich auch woanders hinstellen, winkte Theresa ab. — Darum geht es doch gar nicht.
Alle gingen ins Wohnzimmer. Lukas und Anna setzten sich nebeneinander auf das Sofa. Florian blieb bei der Tür stehen. Katharina stellte sich ans Fenster neben ihre Mutter.
Theresa ergriff als Erste das Wort.
