— Dann kennen wir die Antwort eh schon.
An diesem Abend haben wir das Thema kaum noch angerührt.
Ich war überzeugt, Lukas würde eine Nacht darüber schlafen und am nächsten Tag vernünftiger auf die Sache schauen.
Das ist nicht passiert.
Zwei Tage später ist Theresa zum Abendessen vorbeigekommen.
Sie hatte ihre Suppe kaum ausgelöffelt, da hat sie schon gelächelt.
— Katharina ist ganz aus dem Häuschen. Die Kinder reden seit Jahren davon, einmal einen Sommer in der Nähe vom Meer zu verbringen.
Ich legte den Löffel zur Seite.
— Schön für sie.
— Für euch wird das auch gut sein, wenn mehr Leben im Haus ist. Lena hat dann Gesellschaft.
— Lena ist im Juli im Tagescamp angemeldet.
Theresa machte eine wegwerfende Handbewegung.
— Dann meldet ihr sie halt wieder ab.
Ich sah sie an.
— Nein.
— Wozu sollt ihr für ein Camp zahlen, wenn ihre Cousins ohnehin da sind?
— Weil sie bereits angemeldet ist und sehr gern hingeht.
— Reine Geldverschwendung.
Lukas betrachtete seinen Teller plötzlich mit auffallender Hingabe.
Dann setzte Theresa noch nach:
— Ach ja, Katharina wollte außerdem wissen, ob sie euer Auto für ein paar Tage nehmen könnten.
Diesmal hob sogar Lukas abrupt den Kopf.
— Unser Auto?
— Na sicher. Tobias möchte mit den Kindern Ausflüge machen. Sie wollen aber nicht siebenhundert Kilometer mit dem Auto herfahren, deshalb kommen sie mit dem Zug.
— Wir haben zwei Autos, weil wir beide eines brauchen — sagte ich.
— Du arbeitest doch von daheim.
— Vier Tage. Am fünften fahre ich ins Büro.
— An dem Tag kann dich Lukas ja mitnehmen.
Ich lehnte mich langsam im Sessel zurück.
Es war wirklich beeindruckend.
In weniger als fünf Minuten hatte Theresa den Sommer meiner Tochter, mein Arbeitszimmer, meinen Dienstplan und die Nutzung meines Autos neu eingeteilt.
— Gibt es sonst noch etwas? — fragte ich.
Theresa merkte den Spott in meiner Stimme nicht.
— Katharina hat auch gefragt, ob ihr einen Sonnenschirm für den Strand habt.
— Haben wir.
— Wunderbar.
— Theresa — sagte ich ruhig —, haben Sie ihnen gesagt, dass sie unser Auto verwenden dürfen?
— Ich habe nur gemeint, dass es wahrscheinlich kein Problem sein wird.
— Doch. Es wird eines sein.
Ihr Lächeln verschwand.
— Anna, jetzt sei doch nicht so ungastlich.
— Gastfreundschaft ist, wenn ich Gästen ein Abendessen koche. Wenn ich für achtundsiebzig Tage mein Arbeitszimmer, mein Auto und mein Zuhause hergebe, ist das etwas ganz anderes.
— In unserer Familie hat man einander immer geholfen.
— Dann könnten sie vielleicht bei Ihnen wohnen.
Theresa lachte leise auf.
— Wir haben nur zwei Schlafzimmer.
— Wir auch, sobald wir aufhören, so zu tun, als wäre mein Arbeitsplatz ein Gästezimmer in einem Hotel.
Endlich mischte Lukas sich ein.
— Gut. Es reicht. Anna und ich besprechen das später unter vier Augen.
Theresa schüttelte den Kopf.
— Ich verstehe wirklich nicht, was es da noch zu besprechen gibt. Tobias hat seinen Urlaub schon eingereicht. Katharina hat alles organisiert. Die Kinder freuen sich riesig.
— Vielleicht hätten sie darüber nachdenken sollen, bevor sie ihren Urlaub in einem Haus planen, das ihnen nicht gehört — erwiderte ich.
Zwanzig Minuten später war das Abendessen vorbei.
Als Theresa gegangen war, machte Lukas die Tür zu und sah mich an.
— Du hättest ein bisschen diplomatischer sein können.
— Diplomatischer?
— Mama wollte doch nur helfen.
— Deine Mutter hat vier Leuten unser Haus, mein Arbeitszimmer und unser Auto angeboten, ohne uns vorher zu fragen.
— Das Auto hat sie nicht angeboten.
— Sie hat gesagt, sie können es wahrscheinlich benutzen.
— Gut. Das war tatsächlich nicht in Ordnung.
— Nur das?
Lukas schwieg.
Ich ging zur Kommode, zog ein Notizheft heraus und schlug es auf.
— Rechnen wir.
— Anna, bitte.
— Nein. Ich möchte begreifen, was „nur ein Sommer“ ganz konkret bedeutet.
Grob überschlug ich, um wie viel unsere Ausgaben für Lebensmittel, Wasser, Strom und den ganzen übrigen Haushalt steigen würden.
Mir ging es nicht um eine exakte Summe bis auf den letzten Euro.
Ich wollte nur, dass auch Lukas endlich sah, dass vier Menschen für beinahe drei Monate kein Wochenendbesuch sind.
Ich sah auf die Zahlen vor mir und sagte schließlich, wie hoch der zusätzliche Betrag ungefähr ausfallen würde.
