— Wahrscheinlich zusätzliche eintausendfünfhundert bis zweitausend Euro, sagte ich.
— Sie werden ja nicht jeden Tag Hummer essen.
— Zwei Erwachsene und zwei Kinder. Achtundsiebzig Tage lang. Frühstück, Mittagessen, Abendessen, duschen, Wäsche waschen, Klimaanlage …
— Sie werden sicher auch selber etwas einkaufen.
— Haben sie das gesagt?
Stille.
— Haben sie dir das gesagt, Lukas?
— Nein.
— Dann frag sie bitte.
Am nächsten Morgen hat Lukas Tobias geschrieben.
Zehn Minuten später kam die Antwort.
„Klar kaufen wir auch hin und wieder etwas ein. Aber wir haben uns gedacht, wenn wir bei der Familie wohnen, können wir schon ordentlich sparen. Heuer ist es finanziell ein bissl eng bei uns.“
Ich habe die Nachricht zweimal gelesen.
— Siehst du? — sagte Lukas. — Sie kaufen auch etwas.
— Ich habe eine andere Stelle gelesen.
— Welche denn?
— „Ordentlich sparen.“
Lukas legte sein Handy weg.
— Fang jetzt nicht damit an.
Ich fing nicht an.
Ich wartete.
Drei Tage später erstellte Katharina eine WhatsApp-Gruppe mit dem Namen „Gemeinsamer Sommer ☀️“.
Drinnen waren Katharina, Tobias, Lukas, Theresa und ich.
Ihre erste Nachricht bestand aus einer Liste.
„Damit wir alles gut planen können! ❤️
Wir kommen am 12. Juni um 13:40 Uhr an.
Es wäre super, wenn Lukas uns vom Bahnhof abholen könnte.
Anna, könntest du den Kasten in deinem Arbeitszimmer ausräumen? Wir nehmen ziemlich viel Kleidung mit.
Die Kinder können bei Lena schlafen.
Wir bräuchten zwei Schlüsselsets.
Habt ihr Fahrräder für die Kinder?
Ach ja, und Tobias wird an ein paar Vormittagen arbeiten müssen, also braucht er eine gute Internetverbindung.“
Ich starrte nur auf das Display.
Darin stand keine einzige echte Frage.
Alles war bereits beschlossen.
Dann erschien auch schon die nächste Nachricht.
„Und kauft bitte nicht zu viel Essen ein, bevor wir da sind, weil Felix extrem heikel ist 😂 Ich schicke euch dann eine Liste.“
Eine Minute später war die Liste da.
Hafermilch.
Joghurt einer bestimmten Marke.
Zuckerfreie Frühstücksflocken.
Putenbrustschinken von einer ganz bestimmten Sorte.
Mineralwasser.
Fruchtsaft ohne Fruchtfleisch.
Vollkornbrot von einem bestimmten Bäcker.
Vanilleeis „ohne Stückchen“.
Dann noch:
„Tobias trinkt keinen normalen Kaffee, nur entkoffeinierte Kapseln.“
Ich holte tief Luft.
Lukas arbeitete.
Ich antwortete nicht.
Um fünf Uhr am Nachmittag kam die nächste Nachricht.
Von Theresa.
„Anna, Katharina fragt, ob du vielleicht auch die Hälfte vom Kasten in eurem Schlafzimmer frei machen könntest, weil im Arbeitszimmer sicher nicht alles Platz haben wird.“
In diesem Moment war für mich endgültig Schluss.
Ich klappte meinen Laptop auf.
Ich suchte nach Hotels und Ferienwohnungen in unserer Gegend.
Im Juni und Juli waren die Preise hoch.
Vor allem so nah am See.
Ein Appartement für vier Personen kostete pro Nacht zwischen 110 und 160 Euro.
Ich machte einen Screenshot.
Dann öffnete ich die Familiengruppe.
Ich tippte eine Nachricht.
Ich las sie noch einmal von Anfang bis Ende durch.
Dann drückte ich auf „Senden“.
„Hallo zusammen. Ich glaube, hier liegt ein massives Missverständnis vor. Lukas hat dem Besuch zugestimmt, weil er davon ausgegangen ist, dass es um ein paar Tage geht. Inzwischen wissen wir aber, dass von 78 Tagen die Rede ist. Das würde bedeuten, dass ich mein Arbeitszimmer in ein Schlafzimmer verwandeln müsste, Lena ihr Zimmer teilen müsste, wir unser Auto hergeben müssten, unsere Arbeit anders organisieren müssten und wir fast drei Monate lang zu sechst in einem Haushalt leben würden.
Darum möchte ich ganz klar sagen: Für den ganzen Sommer können wir euch nicht bei uns unterbringen.
Wir freuen uns, euch zu sehen, und selbstverständlich könnt ihr vom 12. bis zum 16. Juni bei uns bleiben.
Für den restlichen Urlaub müsst ihr euch aber bitte eine eigene Unterkunft buchen.
Ich schicke euch ein paar Möglichkeiten in der Nähe.“
Ganz genau siebzehn Sekunden vergingen.
Katharina schrieb.
Dann hörte sie wieder auf.
Tobias schrieb.
Auch er brach ab.
Theresa rief Lukas an.
Ich hörte, wie sein Handy im Arbeitszimmer vibrierte.
