— „Lukas!“, rief sie in die Tiefe der Wohnung hinein. „Komm her und erklär deiner Frau einmal, wer bei euch daheim das Sagen hat!“
Lukas kam aus dem Zimmer, stellte sich neben seine Mutter — Schulter an Schulter, als wären sie zum Appell angetreten. Anna bemerkte diese kleine Frontstellung und setzte innerlich ein Hakerl darunter.
— „Anna, mach mir keine Schande. Man bittet dich nur um Hilfe“, sagte er leise, aber mit Druck.
— „Mich bittet niemand. Man teilt mich ein. Eine Bitte ist es nur dann, wenn man auch Nein sagen darf. Hier dagegen hat man mir Putzzeug und Dienstplan hingestellt, als wäre ich auf einer Zuteilungsliste.“
— „Hört euch die an!“, fuhr Theresa auf. „So viel Hochmut! Und wer hat dich überhaupt in diese Familie aufgenommen? Wer hat dich ausgehalten?“
— „Ausgehalten habt ihr mich? Ich bin gerührt. Wirklich schade, dass es dafür keine Medaille gegeben hat“, erwiderte Anna ruhig. „Nur habe ich niemanden hier auch nur einen Tag lang ‚ausgehalten‘. Ich habe mich anständig verhalten, respektvoll, menschlich. Und genau das habe ich mir zurückerwartet. Offenbar war das eine zu kostspielige Bestellung.“
— „Unverschämt bist du!“, kreischte Katharina beinahe.
— „Nein. Direkt. Unverschämt ist es, mit Wischmopps in eine fremde Wohnung einzufallen. Direktheit ist, wenn man das auch beim Namen nennt.“
Theresa stellte die Sackerl auf den Boden, als würden sie von nun an für immer dort bleiben. Dann sagte sie jenen Satz, nach dem sich im Raum etwas verschob:
— „Gut. Über das Putzen reden wir später. Es gibt etwas Wichtigeres. Katharina hat keinen Platz zum Wohnen. Deine Garçonnière vom Opa machst du bis Monatsende frei.“
Anna schwieg drei Sekunden lang. Genau so lange, bis das Gehörte in ihrem Kopf seinen Platz gefunden hatte.
— „Meine?“
— „Die steht bei dir doch leer!“, mischte sich Katharina sofort ein. „Warum soll guter Wohnraum ungenützt bleiben? Übrigens, ein paar Sachen habe ich schon hingebracht. Lukas hat mir die Schlüssel gegeben.“
— „Lukas hat dir die Schlüssel zu meiner Wohnung gegeben“, wiederholte Anna tonlos.
— „Jetzt tu doch nicht so, als ginge es um einen Palast!“, platzte Lukas heraus. „Es ist Familie! Katharina ist in einer schwierigen Lage, sie hat sonst nirgends hin!“
— „Nirgends hin zu können ist das eine. Sich fremdes Eigentum zu nehmen, ist etwas anderes. Und weißt du, was mich an der ganzen Geschichte am meisten verblüfft? Nicht einmal die Frechheit. Sondern das Tempo.“
Am nächsten Vormittag kam Lena vorbei, Lukas’ Schwester. Sie erschien ohne Sackerl, ohne Wischmopp, setzte sich auf die Sofakante und legte ihr Handy auf den Couchtisch.
— „Anna, ich habe lange überlegt, ob ich dir das sagen soll oder nicht. Am Ende habe ich beschlossen: Ich sage es. Weil Schweigen bei so etwas schon Mitmachen ist“, begann sie.
— „Ich höre.“
— „Vor drei Wochen waren sie bei der Oma Elisabeth beisammen. Elisabeth, Mama, Katharina und Lukas. Sie haben über deine Garçonnière gesprochen. Mich haben sie als Statistin dabeihaben wollen und gar nicht gemerkt, dass ich mitschneide. Ich habe alles aufgenommen.“
Anna nahm das Handy vorsichtig in die Hand, so behutsam, wie man etwas anfasst, das im nächsten Augenblick die Kräfteverhältnisse verändern kann.
— „Warum hast du das getan, Lena?“
— „Weil es mir reicht. Seit achtundzwanzig Jahren schaue ich in dieser Familie zu, wie man auf jene losgeht, die nicht schreien. Du schreist nicht. Also haben sie dich ausgesucht.“
— „Danke. Ehrlich, danke. Aber ist dir klar, was dir deswegen blühen wird?“
— „Ja. Sie werden mich zur Verräterin erklären und ausstreichen. Sollen sie. Verräter ist nicht der, der die Wahrheit ausspricht. Verräter ist der, der sie fabriziert.“
Anna drückte auf Wiedergabe. Aus dem Lautsprecher kam Elisabeths Stimme, trocken und befehlsgewohnt:
„Lukas, das Wichtigste ist: Widersprich ihr nicht gleich. Zuerst lad ihr Arbeit auf. Sie soll putzen, laufen, müde werden. Ein müder Mensch unterschreibt alles.“
Dann Katharinas Stimme: „Und wenn sie sich querstellt?“
Darauf Theresa: „Wird sie nicht. Sie ist höflich. Höfliche Menschen geben immer nach, die haben innerlich eine Bremse.“
Und dann — Lukas, klar verständlich, beinahe heiter: „Bei mir funktioniert sie wie nach Noten. Wenn ich sage: ‚Es muss sein‘, dann macht sie es. Die Wohnung kriegen wir ihr schon herausgekratzt. Ich weiß, wo die Unterlagen liegen.“
Die Aufnahme lief noch weiter.
