„Wenn du von daheim arbeitest, heißt das ja, dass du Zeit hast“ sagte meine Schwiegermutter Annemarie spöttisch und stellte mir das Kaffeehäferl auf den Tisch

Diese respektlose Zumutung ist zutiefst unerträglich.
Geschichten

— Mama …

Für einen kurzen Augenblick habe ich wirklich geglaubt, er würde sich auf meine Seite stellen.

Doch Annemarie ist ihm sofort ins Wort gefallen.

— Was denn? Katharina ist völlig am Ende. Sie hat irrsinnig viel um die Ohren.

Ein kleines Lächeln konnte ich mir nicht verkneifen.

— Katharina hat irrsinnig viel um die Ohren?

— Ja.

— Und deshalb soll ich meine eigene Arbeit liegen lassen?

— Jetzt übertreib nicht. Du bist ja daheim.

Schon wieder dieser Satz.

Du bist ja daheim.

Als würde mein Gehalt durch irgendeinen Zauber einfach so auf unserem Konto auftauchen.

Als hätte ich keine Kundinnen und Kunden.

Als wären die acht oder neun Stunden, die ich täglich vor dem Computer verbracht habe, nichts weiter als ein netter Zeitvertreib.

Lukas rieb sich mit der Hand über die Stirn.

— Anna, vielleicht könntest du nachher kurz zu ihr fahren, wenn du fertig bist …

Ich drehte den Kopf zu ihm.

— Womit fertig?

— Mit der Arbeit.

— Ich arbeite bis sechs.

— Dann eben danach.

Ich lachte leise auf.

Nicht, weil daran irgendetwas lustig gewesen wäre.

Sondern weil mir in genau diesem Moment etwas klar geworden ist.

Offenbar war nicht nur meine Schwiegermutter der Meinung, dass meine Zeit weniger wert war.

— Wunderbar — sagte ich.

Lukas wirkte sichtbar erleichtert.

Annemarie lächelte zufrieden.

— Ich hab gewusst, dass du zur Vernunft kommst.

— Ich bin noch nicht fertig.

Ihr Lächeln verschwand.

Ich klappte den Laptop zu, weil mein nächster Termin gleich beginnen sollte und ich dieses Gespräch so rasch wie möglich beenden wollte.

— Ich kann nach der Arbeit zu Katharina fahren. Unter einer Bedingung.

— Was für eine Bedingung? — fragte Lukas.

— Morgen fährst du zu meinem Bruder und putzt ihm das Bad, die Küche und die Fenster.

Lukas starrte mich an, als hätte ich plötzlich in einer völlig fremden Sprache zu reden begonnen.

— Was?

— Mein Bruder arbeitet auch sehr viel. Er würde sich sicher über deine Hilfe freuen.

— Anna, ich arbeite doch auch.

— Eben.

Es wurde still.

Annemarie hat als Erste wieder etwas gesagt.

— Das ist etwas ganz anderes.

— Warum?

— Weil Lukas außer Haus arbeiten geht.

Ich lehnte mich im Sessel zurück.

— Verstehe.

Erst da schien Annemarie zu begreifen, was sie gerade ausgesprochen hatte.

— So hab ich das nicht gemeint …

— Doch, Annemarie. Genau so hast du es gemeint.

Lukas hob beschwichtigend die Hände.

— Wir müssen daraus jetzt kein Drama machen.

— Mach ich auch nicht. Ich möchte nur etwas klarstellen, das ihr beide offenbar nicht versteht.

Ich sah zuerst meinen Mann an, dann seine Mutter.

— Von neun in der Früh bis sechs am Abend ist meine Wohnung gleichzeitig mein Arbeitsplatz. Nur weil mein Schreibtisch fünf Meter vom Kühlschrank entfernt steht, heißt das nicht, dass ich jederzeit verfügbar bin.

Annemarie stand auf.

— Früher haben Frauen gearbeitet, den Haushalt geführt und der Familie geholfen, ohne aus allem ein Theater zu machen.

— Dann schafft Katharina das ja sicher auch.

Meine Schwiegermutter verstummte.

— Oder gilt diese Regel nur für mich?

— Katharina hat zwei Kinder.

— Die heute bis vier in der Schule sind.

— Sie ist müde.

— Ich auch.

— Sie ist deine Schwägerin.

— Genau. Ich bin ihre Schwägerin, nicht ihre Putzfrau.

Annemaries Gesichtsausdruck veränderte sich.

— Also so musst du wirklich nicht mit mir reden.

— Und du musst nicht in mein Zuhause kommen und über meinen Nachmittag verfügen, ohne mich auch nur zu fragen.

Lukas mischte sich erneut ein.

— Anna …

— Nein, Lukas. Diesmal rede ich aus.

Ich stand auf.

Jahrelang hatte ich versucht, jedem Streit aus dem Weg zu gehen. Wenn Annemarie mich um zehn Uhr vormittags angerufen und gebeten hat, ihr Rezept aus der Apotheke zu holen, habe ich es gemacht.

Wenn sie jemanden gebraucht hat, der in ihrer Wohnung auf den Installateur wartet, habe ich meine Besprechungen verschoben.

Hedis Stube