Aber das bedeutet nicht, dass du dich in unsere Finanzen einmischen darfst.“
Theresa erhob sich ruckartig.
„Ich hätte nie geglaubt, dass einmal der Tag kommt, an dem mir mein eigener Sohn das Geld vorhält, das er mir gibt.“
„Ich halte dir gar nichts vor.“
„Es klingt aber ganz genau danach.“
„Ich sage nur, dass du Katharina nie wieder beleidigst, weil sie ihr eigenes Geld ausgibt.“
Theresa griff nach ihrer Handtasche.
„Gut. Jetzt ist mir alles klar.“
Anna seufzte leise.
„Mama, niemand schmeißt dich hinaus.“
„Ich brauche niemanden, der mich hinauswirft.“
Sie ging zur Tür.
Kurz bevor sie hinaustrat, drehte sie sich noch einmal zu mir um.
„Ich hoffe, du bist jetzt zufrieden.“
Ich sah sie an.
„Noch zufriedener wäre ich, wenn du bei uns zu Mittag essen könntest, ohne nebenbei meine Rechnungen zu kontrollieren.“
Theresa öffnete die Tür und ging.
Sie knallte sie nicht einmal hinter sich zu.
Was bei Theresa beinahe schon als diplomatischer Erfolg gelten konnte.
Für ein paar Sekunden sagte niemand ein Wort.
Dann schaute Florian zu Markus hinüber.
„Ist noch etwas von der Mehlspeise übrig?“
Anna stieß ihm den Ellbogen in die Seite.
„Ist das jetzt dein Ernst?“
„Was denn? Der Streit wird auch nicht besser, wenn wir die Mehlspeise inzwischen austrocknen lassen.“
Da musste ich lachen.
Markus ebenfalls.
Am selben Abend allerdings, nachdem alle gegangen waren, haben Markus und ich wesentlich ernster miteinander geredet.
„Mich stört nicht, dass du deiner Mutter hilfst“, sagte ich. „Aber vierhundert bis fünfhundert Euro im Monat sind keine kleine Unterstützung mehr.“
Markus nickte.
„Ich weiß.“
„Und du hättest es mir sagen müssen.“
„Das weiß ich auch.“
Er schwieg einen Moment.
„Angefangen hat es mit einer Zahnarztrechnung. Dann ist die Autoversicherung gekommen. Danach hat sie gemeint, dass ihr am Monatsende nicht genug übrig bleibt. Und ich habe mir jedes Mal eingeredet, das sei jetzt wirklich das letzte Mal.“
„Und jetzt?“
Markus senkte den Blick auf den Tisch.
„Jetzt müssen wir, glaube ich, herausfinden, was da eigentlich wirklich los ist.“
Zwei Tage später rief er Theresa an.
Diesmal bot er ihr nicht einfach die nächste Überweisung an. Stattdessen schlug er vor, sich gemeinsam hinzusetzen, ihre Ausgaben durchzugehen und herauszufinden, weshalb sie Monat für Monat so viel zusätzliches Geld brauchte.
Zuerst wurde sie wütend.
Dann lehnte sie ab.
Danach sprach sie vier Tage lang kein Wort mit Markus.
Am Ende stimmte sie doch zu.
Und dabei kam etwas ans Licht, womit keiner von uns gerechnet hatte.
Theresa hungerte nicht.
Sie steckte auch nicht bis über beide Ohren in Schulden.
Sie gab schlicht deutlich mehr Geld aus, als sie bereit war zuzugeben.
Mehrmals in der Woche aß sie auswärts.
Für zwei Dienste zahlte sie regelmäßig, obwohl sie sie kaum nutzte.
Sie kaufte ständig neue Kleidung.
Und sie borgte einer Freundin immer wieder Geld, das diese nur selten zurückgab.
Markus hörte nicht völlig auf, seiner Mutter zu helfen.
Aber er zog eine klare Grenze.
Und Theresa musste zum ersten Mal in ihrem Leben ihr Geld so einteilen, dass sie nicht automatisch davon ausgehen konnte, ihr Sohn werde am Monatsende schon jedes Loch in ihrem Budget stopfen.
Fast zwei Wochen vergingen, bis sie wieder bei uns auftauchte.
An einem Sonntag stand sie mit einer Mehlspeise in der Hand vor unserer Tür.
Sie setzte sich zu uns an den Tisch.
Wir aßen.
Wir plauderten.
Und fast eine ganze Stunde lang stritten wir nicht.
Dann blieb Theresas Blick an meiner Bluse hängen.
Sie war neu. Ich merkte genau, wie sie mich musterte.
Ich holte tief Luft.
Sie öffnete den Mund. Auch Markus sah sie an.
Anna hörte auf zu essen. Wir alle wussten ganz genau, was Theresa fragen wollte.
Einige Sekunden lang sagte sie nichts.
Dann lächelte sie schließlich.
„Die steht dir wirklich gut.“
Überrascht sah ich sie an.
„Danke.“
Und wir aßen weiter.
Eine Entschuldigung war das nicht.
Aber bei Theresa war selbst das schon ein Anfang.
Denn manchmal liegt das eigentliche Problem gar nicht darin, wer mehr Geld ausgibt.
Es beginnt dort, wo jemand fremdes Geld genauer zählt als das eigene.
