„Bin ich nicht brav? Alles ist verteilt, jetzt kann sich keiner mehr drücken!“ schrieb Claudia siegesgewiss in den Familienchat, während Anna entsetzt auf das Schlafplatz-Arrangement starrte

Diese unverschämten Erwartungen sind zutiefst verletzend.
Geschichten

Der Urlaub hätte am 29. Dezember begonnen. In meinem Kopf war er längst verplant: drei Tage schlafen, lesen und kein Wort reden müssen. Stattdessen sollte ich plötzlich Menschen bewirten, von denen ich die Hälfte seit unserer Hochzeit genau einmal gesehen hatte.

„Ich richte dieses Fest nicht aus“, sagte ich zu Lukas.

„Ich helfe dir eh.“

„Du stehst zwei Stunden beim Fleisch. Und wer macht den ganzen Rest?“

„Dann bestellen wir halt Essen.“

„Für neunzehn Leute? Passt. Dann bestell gleich Bettwäsche, Reinigung, Geschirr, Kinderbetreuung und den Hundeservice mit.“

Er war beleidigt wegen meines Tons. Ich war beleidigt, weil er den Inhalt wieder einmal geflissentlich überhört hatte.

In der Arbeit hat eine Kollegin beim Mittagessen gesehen, wie ich auf einer Reiseseite herumgeklickt habe.

„Fahr weg“, sagte sie nur. „Den Rest klärst später.“

Eigentlich wollte ich nicht flüchten. Zuerst habe ich überlegt, mir einfach ein Zimmer in einem Hotel in unserer Stadt zu nehmen und mich aus allem herauszuhalten. Aber das fühlte sich an wie eine Strafe, für die ich auch noch zahlen sollte, während ich vierzig Minuten von meinem eigenen Zuhause entfernt saß. Dann entdeckte ich die letzte freie Verbindung zum Wörthersee am 29. Dezember und ein kleines Hotel direkt am Wasser. Zum Baden war es im Winter natürlich zu kalt, aber man konnte spazieren gehen, den Kopf frei bekommen – und niemand verbot einem, das Handy auszuschalten.

Ich buchte Hin- und Rückfahrt für fünf Tage.

Lukas erzählte ich es am Abend.

„Das ist jetzt ein Schmäh, oder?“

„Nein. Wenn du meinst, dass man die Einladung nicht mehr zurücknehmen kann, dann feiert. Aber meine Teilnahme hat niemand mit mir abgesprochen.“

„Du lässt mich allein mit meiner ganzen Verwandtschaft?“

„Es ist deine Verwandtschaft, deine Mutter hat sie eingeladen, und du hast dich geweigert, Nein zu sagen. Warum bist dann du allein, aber arbeiten soll ich?“

Er ging in der Küche auf und ab und zählte die drohenden Folgen auf: Seine Mutter wäre gekränkt, die Verwandten würden reden, irgendwer habe schon Lebensmittel besorgt, die Kinder freuten sich auf das Haus im Grünen. Ich hörte zu und merkte dabei, dass in keiner einzigen dieser Folgen vorkam, wie es mir ging. Meine Abwesenheit machte ihm nur deshalb Sorgen, weil dadurch ein freier Platz im Dienstplan entstand.

Am nächsten Tag stand Claudia ohne Vorwarnung vor der Tür. Sie brachte fünf Packungen Einwegboxen und eine Rolle Alufolie mit.

„Lukas hat gesagt, du willst jetzt ein bissl trotzig sein.“

„Ich habe beschlossen, auf Urlaub zu fahren.“

„Zu Silvester gehört eine Frau zu ihrem Mann.“

„Ein Mann sollte auch absprechen, wen er in ein gemeinsames Schlafzimmer einquartiert.“

„Theresa ist nach der Operation, die kann nicht auf dem Sofa schlafen.“

„Dann braucht sie ein bequemes Zimmer oder ihr eigenes Bett. Mein Schlafzimmer hat keine heilende Wirkung.“

Meine Schwiegermutter erklärte mir daraufhin, das Haus gehöre zur Hälfte Lukas, also dürfe er auch Gäste einladen. Ich stimmte ihr zu. Dann sagte ich, dass meine Hälfte in Graz umsteige. Sie brauchte einen Moment, bis sie begriff, dass das keine leere Drohung war.

Die nächsten Tage wurden zu einem Wettkampf im Druckmachen. Die Verwandten riefen einzeln an. Hannah erklärte mir, die Kinder würden furchtbar enttäuscht sein. Stefan bat mich, „den Mann nicht vor allen deppert dastehen zu lassen“. Tante Theresa erzählte, sie habe in ihrer Jugend dreißig Leute in einer Zweizimmerwohnung empfangen, und niemand habe gejammert. Ich antwortete jedes Mal mit demselben Satz: „Das Fest fällt nicht aus, nur ich werde nicht dabei sein.“

Von Lukas kam in diesen Tagen vor allem Schweigen.

Hedis Stube