„Nur ein paar Kleinigkeiten,“ sagte Lukas und schob ihr die Mappe mit dem vorformulierten Ehevertrag über den Tisch

Diese rücksichtslosen Formalitäten sind zutiefst verlogen.
Geschichten

Den Kugelschreiber hat er neben die Mappe gelegt, noch bevor ich mich überhaupt an den Tisch gesetzt habe. Ein blauer, mit goldenem Ring, eindeutig nicht unserer — so etwas lag bei uns daheim nie herum.

— Nur ein paar Kleinigkeiten, — sagte Lukas und schob mir die Mappe über die Tischplatte zu. — Reine Formsache. Mama hat einen Juristen gefunden, alles ordentlich gemacht.

Valentina saß beim Fenster auf dem Sofa und wischte auf ihrem Handy herum. Zum Tisch schaute sie nicht. Ehrlich gesagt: viel zu demonstrativ nicht.

Ich klappte die Mappe auf. Es roch nach frischem Ausdruck und nach den neuen Plastikhüllen. Acht Seiten, kleine Schrift, eineinhalb Zeilen Abstand.

— Acht Seiten Formsache, — sagte ich.

— Na ja, Juristen halt, — Lukas grinste. — Die blähen alles gern auf. Lies dich da nicht hinein, das ist Standard. Wohnung, Auto — damit im Fall der Fälle alles fair bleibt.

Er schenkte sich Tee ein. Mir nicht, obwohl der Wasserkocher näher bei ihm stand.

— Die Hochzeit ist in drei Wochen, Anna, — fügte er sanfter hinzu. — Lass uns bitte nicht wegen ein paar Zetteln Zeit verschwenden. Du magst diesen langweiligen Papierkram doch sowieso nicht.

Genau in diesem Moment habe ich begonnen, langsam zu lesen.

Nicht, weil ich beleidigt gewesen bin. Ich lese jeden Tag langweilige Unterlagen. Acht Jahre in einem Verlag, die letzten vier davon mit Verträgen und rechtlicher Prüfung. Pro Woche gehen mir zehn solche Dokumente durch die Hände: Autorenverträge, Lizenzen, Vereinbarungen aller Art. Ich weiß, wo man in Verträgen das Entscheidende versteckt. Immer in der Mitte. Dort, wo die Augen müde werden.

Lukas hatte das vergessen. Oder es war ihm nie wichtig gewesen. Einmal hatte er gefragt, was ich eigentlich arbeite. Ich sagte: „Ich überarbeite Texte im Verlag.“ Er nickte nur und meinte: „Ah, Beistriche.“ Seitdem war meine Arbeit für ihn genau das geblieben: Beistriche.

Punkt 1. Die Wohnung in der Mariahilfer Straße — sein voreheliches Eigentum, im Fall einer Scheidung bleibt sie bei ihm. Verständlich. Er hatte sie vor mir gekauft.

Punkt 2. Das Auto — ebenfalls seines. Auch schon vor unserer Beziehung.

Bei Punkt 3 bin ich stehen geblieben.

— Liest du noch immer? — Lukas blickte in sein Häferl und rührte mit dem Löffel um. — Das dauert aber. Da steht wirklich nichts Besonderes drin.

— Mhm, — sagte ich.

Punkt 3 trug die Überschrift „Regelung der gemeinsamen Haushaltsführung“. Klang sauber. Darin stand, dass während der Ehe die Führung des Haushalts, das Putzen, das Kochen und die Organisation des häuslichen Alltags der Ehefrau obliegen. Außerdem hieß es, „die Erfüllung dieser Pflichten durch die Ehefrau begründet keine vermögensrechtlichen Ansprüche und ist bei einer Aufteilung nicht in Geld zu bewerten“.

Ich las den Absatz zweimal. Nicht, weil ich ihn beim ersten Mal nicht verstanden hätte. Ich hatte ihn sofort verstanden. Ich las ihn noch einmal, um sicherzugehen, dass das wirklich dort stand und ich es mir nicht nur eingebildet hatte.

— Lukas, — ich hob den Blick. — Hast du Punkt drei gelesen?

— Welchen dritten? — Er sah nicht einmal vom Handy auf. — Den mit dem Haushalt? Das ist doch nur, damit klar ist, wer daheim wofür zuständig ist. Mama sagt, so etwas sollte man gleich festhalten, dann streitet man später nicht herum.

Auf dem Sofa bewegte Valentina den Finger über ihr Display. Kein Laut.

— Wer wofür zuständig ist, — wiederholte ich. — Und wofür bist du laut diesem Punkt zuständig?

— Na, fürs Geld, — jetzt schaute er mich endlich an. — Ist doch logisch. Ich verdiene, du kümmerst dich ums Zuhause. Ganz klassisch.

Ich senkte den Blick wieder auf die Mappe. Punkt 4. Punkt 5. Jetzt las ich schneller, weil ich begriffen hatte, wonach ich suchen musste.

Punkt 6 hat sich mir nach einem einzigen Lesen wortwörtlich eingebrannt; schon seine ersten Zeilen machten klar, wohin das alles führen sollte.

Hedis Stube