„Nur ein paar Kleinigkeiten,“ sagte Lukas und schob ihr die Mappe mit dem vorformulierten Ehevertrag über den Tisch

Diese rücksichtslosen Formalitäten sind zutiefst verlogen.
Geschichten

„Für den Zeitraum bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres des Kindes übernimmt die Ehefrau die überwiegende Betreuung. Für diese Zeit verzichtet sie auf Ansprüche wegen entgangenen Einkommens sowie verlorener beruflicher Möglichkeiten.“

Ich schlug die Mappe zu und legte meine Hand flach darauf.

— Lukas.

— Hm?

— Hier steht, dass ich, falls wir ein Kind bekommen, drei Jahre daheimbleibe. Und wenn ich dadurch meinen Job verliere oder mir Berufsjahre fehlen, ist das allein mein Problem. Richtig?

Er seufzte. Genau so seufzt jemand, der einem begriffsstutzigen Menschen etwas Selbstverständliches erklären muss.

— Anna. Wie soll es denn sonst gehen? Du gehst ja sowieso in Karenz. Das machen alle. Das hab nicht ich erfunden, so läuft das Leben halt. Der Jurist hat gemeint, man schreibt es besser hinein, damit es später keine Überraschungen gibt.

— Und wessen Jurist ist das?

Eine Pause. Nur kurz, aber ich hab sie gehört.

— Ein Bekannter von Mama, — sagte Lukas. — Wieso?

Valentina legte endlich ihr Handy weg. Sie faltete die Hände im Schoß und sah mich an: ruhig, freundlich, mit diesem Blick, den Erwachsene einem Mädchen schenken, das viel zu lange an einer einfachen Aufgabe herumdoktert.

— Annalein, — sagte sie. — Steiger dich da nicht hinein. Das richtet sich doch nicht gegen dich. Es soll nur alles sauber geregelt sein, ehrlich, familiär. Bei uns war das immer so: Der Mann sorgt fürs Geld, die Frau hält das Zuhause zusammen. Ich hab Lukas allein großgezogen, ich weiß, wovon ich rede.

— Haben Sie diesen Vertrag vorher gesehen? Vor heute?

Sie lächelte kaum merklich.

— Ich hab beim Aufsetzen geholfen. Allein wärst du aus diesen Paragrafen ja nie gescheit geworden. Du bist bei uns doch eher die mit den Beistrichen.

Da war es. Die mit den Beistrichen.

Ich saß da, die Hand immer noch auf der geschlossenen Mappe. Lukas trank seinen Tee aus, stand auf und stellte das Häferl in die Abwasch — nicht abgespült, nur hineingestellt. Dann drehte er sich zu mir um.

— Also, unterschreiben wir? Der Stift liegt eh dort. Ich hab um sieben einen Termin, machen wir’s bitte nicht unnötig lang.

Ich hatte erwartet, dass Wut in mir hochsteigt. Tat sie aber nicht. Es fühlte sich vielmehr an, als hätte mir jemand ein Manuskript gebracht, außen mit dem Titel eines harmlosen Buches, innen aber mit einem völlig anderen Inhalt. Und der Autor stand daneben und wartete darauf, dass ich den Druck freigab, weil ich angeblich zu faul zum Lesen war.

Ich schlug die Mappe wieder auf. Ganz hinten.

— Lukas, hast du den Vertrag überhaupt selbst gelesen? Wirklich von Anfang bis Ende?

— Ich sag doch, das ist Standard.

— Das war keine Antwort.

Er schwieg einen Moment.

— Ich hab ihn überflogen. Das Wesentliche. Mama und der Jurist haben alles geprüft, warum soll ich mich da in jede Zeile hineinsteigern?

— Also hast du ihn nicht gelesen.

— Anna, was fährst du denn jetzt so auf? — Er setzte sich wieder, diesmal mit einem anderen Gesicht. — Ich hab gedacht, du unterschreibst, und fertig. Du bist doch sonst immer… na ja, du streitest nicht gern. Genau das mag ich ja an dir. Mit dir ist es ruhig.

— Ruhig, — sagte ich.

Ruhig. Also bequem. Er versuchte nicht einmal, es zu verbergen. Er war überzeugt gewesen, er legt mir acht Seiten hin, ich blättere der Form halber durch, sehe irgendwo die Wörter „Wohnung“ und „Auto“, finde alles fair und setze mit dem blauen Stift mit Goldrand meine Unterschrift darunter. Weil ich die mit den Beistrichen bin. Weil es mit mir ruhig ist. Weil ich langweilige Papiere nicht mag.

Seit vier Jahren lese ich genau solche Papiere, damit Menschen nicht aus Versehen etwas unterschreiben, das sie nie unterschreiben dürften. Und er legte mir so eines direkt vor die Nase und rechnete damit, dass ich genau so ein Fall bin.

— Frau Valentina, — sagte ich. — Darf ich Sie etwas fragen? In Punkt sechs, dort, wo steht, dass ich keinen Anspruch auf entgangenes Einkommen habe: Ist das Ihre Formulierung oder die des Juristen?

Hedis Stube