„Überschreib das Wochenendhaus auf meine Anna. Verdient hast du es sowieso nicht!“ sagte Tobias und ließ die Worte wie ein Urteil fallen, während Katharina wie angewurzelt am Abwasch stand

Diese unerhörte Forderung ist zutiefst ungerecht.
Geschichten

— Überschreib das Wochenendhaus auf meine Anna. Verdient hast du es sowieso nicht!

Tobias schob den leeren Teller von sich weg, tupfte sich mit einer Papierserviette den Mund ab und sah seine Frau an, als hätte er soeben ein Urteil verkündet.

Katharina stand wie angewurzelt beim Abwasch. Aus dem Wasserhahn prasselte das Wasser laut in die fettige Pfanne, Spritzer landeten auf ihrer Schürze. Langsam drehte sie den Hahn zu. Für einen Moment glaubte sie, sich verhört zu haben. Oder Tobias hätte nach dem üppigen Abendessen einen besonders misslungenen Scherz gemacht.

— Sag das noch einmal, bat sie leise.

Sie drehte sich nicht einmal um. In ihr stieg nicht die gewohnte Wut auf, sondern nur ein zähes, dumpfes Staunen.

— Was soll ich da groß wiederholen?

Tobias hob die Hände, als wäre die Sache doch völlig klar, und lehnte sich schwer gegen die Rückenlehne der Eckbank.

— Ich sage, das Haus gehört auf Anna umgeschrieben. Sie braucht es dringender. Sie hat den Wohnkredit am Hals und drei Buben daheim. Die müssen raus an die frische Luft. Und du ruinierst dort eh nur die Beete und machst dir den Rücken kaputt.

Katharina hielt die Finger kurz unter den Wasserstrahl, schüttelte die Tropfen ab und wandte sich schließlich zu ihm um.

Das Wochenendhaus hatte sie vor drei Jahren gekauft. Lange hatte sie dafür gespart und auf vieles verzichtet. Zuerst war die winzige alte Wohnung ihrer Großmutter am Stadtrand verkauft worden. Dann hatte sie alles dazugelegt, was sie seit Studienzeiten beiseitegebracht hatte: kein Urlaub, keine neuen Stiefel, immer wieder ein Nein zu sich selbst. Das Grundstück war ein Glücksgriff gewesen, mit einem soliden Holzhaus darauf. Heruntergekommen zwar, aber mit Substanz.

Tobias hatte damals keinen Finger gerührt. Er hatte nur gemeint, diese ganze Gartenglückseligkeit könne ihm gestohlen bleiben. Er sei ein Stadtmensch, und in der Erde herumzuklauben sei etwas für Pensionisten.

Zur Baustelle ist er nie mitgefahren. Den Zaun hat er nicht repariert, Bretter hat er keine geschleppt, und in all den drei Jahren hat er nicht ein einziges Mal einen Hammer in die Hand genommen. Zum Grillen hingegen ist er zuverlässig aufgetaucht. Natürlich erst dann, wenn alles fertig hergerichtet war. Und an den Wochenenden hat er auch noch seine Freunde mitgebracht.

Und jetzt sollte ausgerechnet sie es nicht verdient haben.

Katharina lehnte sich mit dem Rücken an die Küchenzeile und verschränkte die noch feuchten Hände.

— Na servas, das wird ja immer besser, sagte sie gedehnt.

Sie betrachtete ihren Mann und konnte kaum fassen, wie ruhig er dabei blieb.

— Also ich habe es gekauft. Ich habe mein Geld hineingesteckt. Ich habe dort alles hergerichtet. Und jetzt soll deine Schwester es nötiger haben? Mit welcher Begründung bitte?

— Weil wir eine Familie sind! fuhr Tobias sie an.

Schwerfällig erhob er sich vom Esstisch, als hätte man ihn in seinen edelsten Gefühlen verletzt.

— Anna erstickt in ihrer Zweizimmerwohnung! setzte er nach, jedes Wort betont. — Die Buben sind bleich wie die Schwammerln. Den ganzen Tag picken sie an ihren Handys. Einen Kuraufenthalt kann sie sich nie im Leben leisten, das kostet ein Vermögen. Sie stemmt alles allein. Und bei uns steht ein ganzes Haus leer!

— Es steht nicht leer.

Katharina schob das Glas mit dem angebrochenen Letscho näher an die Tischkante.

— Ich verbringe dort den ganzen Sommer. Das ist mein Rückzugsort. Nach der Arbeit fahre ich hin, nur um endlich Stille zu haben. Und jedes Wochenende bin ich dort.

— Ach, geh bitte! Tobias machte eine wegwerfende Handbewegung.

Er kam um den Tisch herum und stellte sich direkt vor sie.

— Was für ein Rückzugsort soll das sein? Du hockst dort allein herum und wirst schon ganz wunderlich. Ein bisserl Platz machen für die Verwandtschaft könntest du schon. Ich habe es Anna bereits versprochen. Ich habe ihr gesagt, dass sie im Mai einziehen können.

Katharina blieb die Luft weg.

Hedis Stube