Da schoss Katharina plötzlich durch den Kopf, wie Anna im vergangenen Sommer einmal bei ihr im Wochenendhaus gewesen ist. Ein einziges Mal, mehr nicht.
Ihre Schwägerin ist damals über die sauber gekehrten Wege spaziert, als würde sie ein fremdes Anwesen begutachten. Immer wieder hat sie angewidert die Nase gerümpft, hat die Farbe der Vorhänge auf der Veranda bemängelt und nicht ein einziges Mal auch nur angedeutet, dass sie ihr eigenes Geschirr abwaschen könnte. Dafür hat sie lautstark gejammert, weil das Internet nur hinten beim Zaun ordentlich Empfang gehabt hat. Eine typische feine Stadtmadam eben. Anna war überzeugt, dass ihr allein wegen ihrer bloßen Existenz alle etwas schuldig seien. Ihren Mann hatte sie selbst vor die Tür gesetzt, die Alimente kamen pünktlich, und trotzdem spielte sie bei jeder Gelegenheit die arme, bemitleidenswerte Frau.
Und ausgerechnet dieser Person sollte Katharina ihr Haus überlassen?
— Du hast es ihr also versprochen, wiederholte Katharina langsam.
Sie zwang sich, ruhig zu klingen. Ohne Geschrei. Ohne Szene.
— Ja, freilich. Was ist denn schon dabei?
Tobias zuckte nur mit den Schultern. In seiner Haltung lag diese steinerne Selbstgewissheit, die sie inzwischen so gut kannte.
— Du bist ja keine Geizige. Den Sommer kannst du auch in der Stadt verbringen. Davon wirst du schon nicht eingehen. Wir haben eh eine Klimaanlage. Und das Haus überschreiben wir ihr mit einer Schenkung. Dann ersparen wir uns die Steuern. Für Anna ist das einfach sicherer. Damit sie niemand hinauswerfen kann, falls du plötzlich wieder deine Launen kriegst.
Katharina blieb für einen Moment tatsächlich die Luft weg. So unverfroren, so blank und unverschämt war dieser Vorschlag, dass sie zuerst gar keine Worte fand.
Sie sah den Mann an, mit dem sie fünfzehn Jahre ihres Lebens geteilt hatte. Und auf einmal kam er ihr fremd vor. Oder nein, nicht fremd. Im Gegenteil: Sie erkannte ihn endlich. Nur sah sie ihn zum ersten Mal ohne jede Beschönigung. Tobias glaubte wirklich, im Recht zu sein. Er war tatsächlich überzeugt, über ihr Eigentum verfügen zu dürfen. Für ihn waren seine Verwandten unantastbar. Ihr Einsatz, ihr Geld, ihre Wünsche dagegen waren offenbar nur weibische Nebensächlichkeiten, die man ohne Weiteres beiseiteschieben konnte.
— Und was wird dann aus deinen Grillereien am Wochenende? fragte sie spitz. — Wo willst du mit deinen Spezln dein Bier trinken? Anna wird euch dort schneller antreten lassen, als dir lieb ist.
— Darum brauchst du dir keine Sorgen zu machen! Tobias winkte beinahe fröhlich ab. — Anna und ich haben das schon besprochen. Ich komme am Wochenende zu ihnen raus. Sauna, Fleisch, alles, wie es sich gehört. Für ihren Bruder deckt sie schon einen ordentlichen Tisch. Nicht so wie gewisse andere Leute.
Dabei ließ er seinen Blick bedeutungsvoll zur leeren Pfanne wandern.
— Großartig. Wirklich großartig, wie fein du dir das alles zurechtgelegt hast.
Katharina schüttelte den Kopf.
— Fremdes Eigentum zu verschleudern, dafür braucht man offenbar nicht viel Verstand. Nur eines hast du übersehen, lieber Tobias.
— Was soll ich denn übersehen haben? knurrte er.
Er trat einen Schritt näher. Sein Gesicht verfärbte sich langsam dunkelrot.
— Das Wochenendhaus gehört mir. Laut Grundbuch. Nach allem, was recht ist. Und auch moralisch. Das Geld aus dem Verkauf der Wohnung meiner Großmutter ist auf meinem Konto gelegen. Deine Schwester hat mit diesem Haus rein gar nichts zu tun. Und du übrigens genauso wenig.
Tobias lief noch röter an. An seinem Hals traten die Adern hervor.
— Aha, so redest du also jetzt! fuhr er sie an. — Wenn es darum geht, Geld in den Haushalt zu bringen, dann ist alles gemeinsames Budget! Aber wenn man der Familie helfen soll, dann heißt es plötzlich: geht mich nichts an?
— Welches Geld bringst du denn bitte in den Haushalt? zog Katharina höhnisch nach.
Jetzt konnte sie sich nicht mehr bremsen.
— Dein Gehalt? Das gerade einmal für den Sprit deiner eigenen Kraxn und für deine Zigaretten reicht? Die Betriebskosten zahlen wir seit drei Jahren von meiner Karte. Und die Einkäufe erledige ich von meinen Prämien.
— Du bist eine durch und durch egoistische Person.
