brüllte Tobias, als hätte er den letzten Rest Beherrschung verloren.
Die unbequemen Tatsachen ließ er einfach an sich abprallen. Statt darauf einzugehen, stapfte er in der Küche hin und her und fuchtelte wild mit den Händen.
— Fünfzehn Jahre hab ich mit dir vergeudet, die besten Jahre meines Lebens! Meine Gesundheit hab ich mir in der Arbeit ruiniert! Und du bist bereit, wegen so einem Stück Grund alles hinzuschmeißen! Für deine eigenen Neffen ist dir das zu schade! Du herzlose Glucke!
Er spulte eine abgenutzte Floskel nach der anderen ab. Wieder einmal versuchte er, ihr Schuldgefühle einzureden. Genau so, wie er es schon unzählige Male davor gemacht hatte.
Früher wäre Katharina bei so etwas kleiner geworden. Sie hätte begonnen, sich zu rechtfertigen, hätte versucht, die Wogen zu glätten, hätte ihm bewiesen, dass sie kein schlechter Mensch war. Dass sie seine Familie sehr wohl mochte. Doch jetzt, als sie in sein hochrotes Gesicht schaute, spürte sie nur noch eine dumpfe, bleierne Müdigkeit. Ihr tat es beinahe körperlich weh, wie viel Kraft sie jahrelang darauf verschwendet hatte, diesen erwachsenen Buben zu bedienen.
Auf dem Tisch begann Tobias’ Handy zu vibrieren. Das Display leuchtete auf. Ein Name erschien: „Anna“.
Tobias verstummte abrupt. Hastig griff er nach dem Gerät, nahm den Anruf an und erwischte in der Eile unabsichtlich das Symbol für den Lautsprecher.
— Na, Brüderchen? — drang Annas muntere Stimme durch die ganze Küche. — Ich wart mir schon die Beine in den Bauch. Hast du mit deiner geredet? Wann können wir die Schlüssel holen? Ich hab’s den Buben nämlich schon versprochen, die packen bereits ihre Sachen. Und sag ihr gleich, sie soll den Kühlschrank dortlassen. Den alten brauchen wir nicht, bei ihr steht eh ein ordentlicher.
Tobias tippte fahrig auf dem Bildschirm herum und schaltete den Lautsprecher ab. Dann presste er das Handy ans Ohr.
— Anna, ich ruf dich zurück. Wir sind grad dabei, die Einzelheiten zu klären. Später, ja?
Er beendete das Gespräch, legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch und räusperte sich verlegen.
— Siehst du? Die Leute richten sich schon her. So kann man nicht mit der Familie umgehen, Katharina. Man muss doch menschlich bleiben.
Plötzlich zog er seinen vermeintlichen Trumpf.
— Wenn du das Haus nicht überschreibst, dann weiß ich überhaupt nicht mehr, wozu wir noch zusammenleben!
Triumphierend starrte er sie an. Er erwartete Angst. Er wartete darauf, dass Katharina beim Wort „Trennung“ zusammenzuckte, ihm um den Hals fiel und flehentlich zurückruderte.
Katharina stützte sich mit beiden Händen an der Kante der Arbeitsplatte ab und sah ihm ruhig in die Augen.
— Danke, Tobias, sagte sie sanft.
Er blinzelte. Sein ganzer anklagender Schwung fiel in sich zusammen, als wäre ihm plötzlich die Luft ausgegangen.
— Was? Wofür danke? fragte er misstrauisch.
— Dafür, dass du es jetzt ausgesprochen hast. Und dafür, dass du dieses Wochenendhaus verlangt hast.
Ihre Stimme blieb gleichmäßig. Kein Schreien, kein Zittern.
— Ich hab nämlich dauernd gezweifelt. Ich hab mir eingeredet, vielleicht übertreibe ich. Vielleicht hast du nur eine schwierige Phase. Stress in der Arbeit, Sorgen, was auch immer. Ich dachte, ich muss einfach noch ein bissl Geduld haben. Aber du hast mir gerade alles wunderbar verständlich vor Augen geführt.
— Wovon redest du da überhaupt?
Tobias’ Stimme hatte ihre frühere Sicherheit verloren. Etwas Schrilles, beinahe Hysterisches schwang darin mit.
— Davon, dass die Leibeigenschaft schon ziemlich lang abgeschafft ist. Und dass ich nicht länger vorhabe, dich zu bedienen, während du die Probleme deiner Schwester auf meine Kosten löst.
Katharina wandte sich ab und ging in den Vorraum.
Tobias trottete ihr nach. Schwer schlurften seine Patschen über den Laminatboden. Noch immer schien er nicht begreifen zu können, dass sein perfekter Plan gerade zerbröselte.
Katharina blieb beim Spiegel stehen und öffnete die kleine Kommode darunter.
