Sie griff hinein und nahm die Schlüssel seines Autos heraus. Genau jene, an denen der Anhänger baumelte, den sie ihm selbst zu Neujahr geschenkt hatte. Wortlos schleuderte sie sie ihm zu. Tobias fing sie nur aus einem Reflex heraus auf und hätte sie dabei beinahe fallen lassen.
— Pack deine Sachen, Tobias.
— Katharina, was soll denn der Blödsinn jetzt?
Verwirrt drehte er den Schlüsselbund zwischen den Fingern. Sein Blick sprang von dem Metall in seiner Hand zu ihrem Gesicht und wieder zurück.
— Welches Auto? Was soll ich packen? Es ist mitten in der Nacht! Ich fahr nirgends hin!
— Doch. Zu Anna, — sagte Katharina scharf. — Sie hat zwar nur eine Zweizimmerwohnung und drei Buben. Aber ihr seid ja Familie. Ihr haltet ja zusammen wie Pech und Schwefel. Da werdet ihr euch schon ein bissl zusammenrücken. Eine Klimaanlage gibt’s dort nicht, dafür ist sicher immer was los. Und dein geliebter Kühlschrank steht ja auch dort.
Sie zog vom obersten Fach des Kastens eine Sporttasche herunter und warf sie ihm vor die Füße.
— Jetzt steigerst du dich aber ordentlich hinein! — versuchte Tobias zurückzurudern.
In diesem Moment hatte er begriffen, dass seine Masche nicht aufgegangen war. Sein Tonfall kippte plötzlich ins Bittende.
— Ich hab’s doch nur vorgeschlagen! Wenn du nichts herschenken willst, gut, dann lassen wir sie halt einfach ein paar Monate hier wohnen… Wir haben uns jetzt gestritten, ja mei, kommt vor. Katharina, jetzt hör auf mit dem Theater!
— Schluss. Das Gespräch ist beendet, — schnitt sie ihm das Wort ab.
Sie hat nicht geschrien. Sie hat ihm keine alten Kränkungen mehr vorgehalten. Keine offenen Rechnungen. Nicht seine Bequemlichkeit, nicht seine ewige Trägheit. Auf einmal war ihr dieser Mensch einfach unerträglich fad geworden.
Vierzig Minuten später klickte das Schloss. Tobias war gegangen. Leise allerdings nicht. Er polterte, wetterte über die Ungerechtigkeit der Welt, fluchte über die angebliche Berechnung der Frauen und kündigte an, sie werde schon noch auf Knien angekrochen kommen. Dabei vergaß er nicht, aus der Küche genau jenes Glas halbleeres Letscho mitzunehmen.
Katharina drehte den Riegel vor. Dann lehnte sie sich mit dem Rücken gegen die kühle Metalltür. Hinter der Wand murmelte der Fernseher der Nachbarn. In der Wohnung breitete sich eine ungewohnte Stille aus. Niemand verlangte nach Tee. Niemand jammerte über Müdigkeit nach der Arbeit. Plötzlich wurde ihr ums Herz ganz leicht.
Bis zum Frühsommer hatte Katharina entlang des Zauns neue Kletterrosen gesetzt. Jedes Wochenende verbrachte sie nun in ihrem kleinen Haus draußen. Sie lauschte den Vögeln, roch die warme Erde und genoss es, sich vor niemandem mehr rechtfertigen zu müssen. Die Scheidung hatte sie bereits eingereicht; für Tobias gab es ohnehin nichts aufzuteilen.
Eines Tages kam die Nachbarin vom Nebengrundstück, Barbara, vorbei, um sich ein paar Paradeiserpflänzchen zu holen. Mitgebracht hatte sie frischen Tratsch. Sie erzählte, sie habe Tobias in Wien gesehen. Zerknittert habe er ausgeschaut, grantig und abgekämpft.
Angeblich hauste er noch immer bei seiner geliebten Schwester. Schlafen müsse er auf einem Klappsessel in der engen Küche. In die Zimmer ließen ihn Annas heranwachsende Neffen nicht hinein; dort hätten sie ihre eigenen Regeln. Zwei Frauen in einer Wohnung seien schon schwer genug, meinte Barbara. Aber ein erwachsener Bruder, der Bequemlichkeit gewohnt sei, in einer kleinen Wohnung mit drei Buben — das sei eine echte Katastrophe. Anna habe bereits gemeinsame Bekannte angerufen und lautstark geklagt, Tobias esse ihren Kindern alles weg und beteilige sich nicht einmal an den Betriebskosten. Sie verlange, Katharina solle ihn gefälligst wieder zurücknehmen.
Katharina goss die frisch gesetzten Blumen mit der Gießkanne. Dann hob sie das Gesicht der warmen Junisonne entgegen und lächelte. Die Rosen versprachen heuer besonders üppig zu blühen.
