„Bleib nur sitzen, Anna“ sagte sie ruhig am langen Esstisch und ließ den Raum erstarren

Die Forderung war schamlos und zutiefst ungerecht.
Geschichten

Als Katharina diesen Satz gesagt hat, habe ich im ersten Moment geglaubt, ich hätte mich verhört.

Wir sind zu zwölft am langen Esstisch in ihrem Haus in Kufstein gesessen. Draußen vor den Fenstern war es längst finster geworden; im Glas spiegelten sich das Licht des Lusters und die Weingläser, die in Reihen auf dem Tisch standen. Wir feierten Katharinas Namenstag. Das Essen war beinahe vorbei, einige Gäste drehten schon die Dessertgabel zwischen den Fingern, andere baten um Kaffee.

Ich wollte gerade aufstehen, um die Teller in die Küche zu tragen.

Da legte Katharina ihre Serviette ab.

„Bleib nur sitzen, Anna“, sagte sie.

Ihre Stimme war viel zu ruhig.

Ich setzte mich wieder.

Mein Mann Lukas saß neben mir. Er griff nach seinem Glas, trank aber nicht.

„Ich möchte etwas klarstellen“, fuhr Katharina fort. „Weil es in einer Familie meiner Meinung nach Dinge gibt, die man nicht ewig unkommentiert lassen kann.“

Rund um den Tisch verstummten nach und nach alle Gespräche.

Lukas’ Onkel räusperte sich.

Seine Schwester Theresa starrte auf ihren Teller.

Und ich wusste in diesem Augenblick bereits, dass es um mich gehen würde.

In den drei Wochen davor hatte Katharina mich zweimal angerufen und gesagt, ich solle „über mein Verhalten nachdenken“. Was sie damit genau meinte, hatte sie nicht erklärt.

In Wahrheit wusste ich es sehr genau.

Wir hatten ihr kein Geld gegeben.

Mehr war nicht passiert.

Zwei Monate zuvor war Katharina mit der Idee gekommen, ihr Ferienhaus in Hallstatt renovieren zu lassen. Sie wollte eine neue Küche, eine neue Terrasse, eine Klimaanlage in beiden Schlafzimmern und ein elektrisches Tor.

Das Haus, sagte sie, würde „ohnehin irgendwann Lukas und Theresa gehören“.

Danach erklärte sie, es sei aus ihrer Sicht nur selbstverständlich, dass die Kinder sich an den Kosten beteiligten.

Theresa gab ihr zweitausend Euro.

Von uns verlangte sie fünftausend.

Nicht als Darlehen.

Nicht gegen einen Anteil am Eigentum.

Einfach so.

Lukas’ erste Reaktion war gewesen, dass wir daheim darüber reden sollten.

Zu Hause habe ich ihm dann gesagt, dass ich das für vollkommen verrückt hielt.

Nicht, weil wir kein Geld gehabt hätten.

Sondern weil wir gerade eine andere Wohnung suchten.

Seit acht Jahren lebten wir in einer achtundfünfzig Quadratmeter großen Wohnung im elften Wiener Bezirk. Wir hatten ein Schlafzimmer, Lukas’ Arbeitsecke stand im Wohnzimmer, und ich arbeitete drei Tage pro Woche am Küchentisch.

Ich war sechsunddreißig.

Lukas achtunddreißig.

Seit zwei Jahren versuchten wir, ein Kind zu bekommen.

Auch das wusste Katharina.

Sie wusste ebenso, dass der größte Teil unserer Ersparnisse für die Anzahlung einer größeren Wohnung gedacht war.

Trotzdem sprach sie über die fünftausend Euro, als ginge es um den Betrag für einen größeren Wochenendeinkauf.

Am Ende sagte Lukas ihr ab.

Nur hatte Katharina aus irgendeinem Grund beschlossen, dass das meine Entscheidung gewesen war.

„Ich habe nie etwas von dir verlangt“, sagte sie an diesem Abend am Tisch.

Dann sah sie mich direkt an.

„Aber ich hätte erwartet, dass du meinen Sohn nicht gegen seine eigene Familie aufbringst.“

Ich spürte, wie sich mein Rücken versteifte.

„Katharina, ich habe niemanden gegen irgendwen aufgebracht.“

„Natürlich nicht.“

Sie lächelte.

In diesem Lächeln lag nichts Freundliches.

„Fünfunddreißig Jahre lang war Lukas ein anderer Mensch.“

„Mama …“, sagte Lukas.

Katharina hob die Hand.

„Lass mich. Ich möchte das jetzt zu Ende sagen.“

Die Gäste saßen reglos da, als würden sie einer Aufführung im Theater zuschauen.

Ich hoffte noch immer, dass irgendjemand eingreifen würde.

Niemand tat es.

Katharina deutete auf mich.

„Seit diese Frau in unsere Familie gekommen ist, wird aus allem ein Problem. Weihnachten, Urlaub, Geld, Familienessen. Aus allem.“

„Diese Frau?“, fragte ich.

„Ja.“

In diesem Moment legte Lukas seine Gabel hin.

„Mama, es reicht.“

Katharina sprach weiter, ohne ihn auch nur anzuschauen.

„Acht Jahre lang habe ich versucht, dich zu akzeptieren, Anna. Wirklich, ich habe es versucht. Aber irgendwo gibt es Grenzen.“

„Welche Grenze soll ich überschritten haben?“

„Du hast mir meinen Sohn weggenommen.“

Am Ende des Tisches seufzte jemand leise.

Hedis Stube