„Bleib nur sitzen, Anna“ sagte sie ruhig am langen Esstisch und ließ den Raum erstarren

Die Forderung war schamlos und zutiefst ungerecht.
Geschichten

Ich schaute zu Lukas hinüber.

Sein Gesicht hatte sich völlig verändert.

Zorn habe ich darin keinen gesehen.

Eher Erschöpfung.

Eine tiefe, schwere Erschöpfung.

„Katharina“, sagte ich ruhig, „Lukas ist ein erwachsener Mann.“

„Das weiß ich.“

„Warum redest du dann über ihn, als könnte er keine eigenen Entscheidungen treffen?“

„Weil er das konnte, bevor er dich kennengelernt hat.“

Nach diesem Satz lag für ein paar Sekunden absolute Stille über dem Tisch.

Dann lehnte sich Katharina zurück.

„Also machen wir es kurz. Nach diesem Abend gehörst du nicht mehr zu unserer Familie.“

Ich erstarrte.

Nicht, weil es mich so sehr verletzt hätte.

Sondern weil ich nicht fassen konnte, dass sie das tatsächlich vor zwölf Leuten aussprach.

Lukas’ Vater, Michael, hob den Blick.

„Kathi …“

„Misch dich nicht ein“, fuhr Katharina ihn an.

Meine Hand lag bereits an der Lehne meines Sessels.

Ich hatte beschlossen, aufzustehen, mich für das Essen zu bedanken und heimzugehen.

Ich wollte keine Szene.

Ich wollte nicht weinen.

Und ich wollte ganz sicher niemanden anbetteln, mich als Familienmitglied zu betrachten.

Doch bevor ich mich auch nur rühren konnte, scharrte neben mir ein Sessel über den Boden.

Lukas stand auf.

Nicht ich.

Er.

Er nahm sein Sakko von der Sessellehne.

„Gut“, sagte er.

Für einen winzigen Moment huschte etwas Zufriedenes über Katharinas Gesicht.

Sie glaubte wohl, Lukas würde mich hinausbegleiten.

Vielleicht dachte sie sogar, er käme danach wieder zurück.

„Lukas“, begann sie.

„Wenn Anna für dich nicht zur Familie gehört, dann gehöre ich auch nicht dazu.“

Katharinas Gesicht wurde hart.

„Red keinen Unsinn.“

„Ich rede keinen Unsinn.“

„Sie ist deine Frau. Ich bin deine Mutter.“

„Eben.“

Lukas ließ den Blick über die Runde am Tisch wandern.

„Und trotzdem ist sie hier offenbar die Einzige, von der du glaubst, du kannst sie ohne jede Konsequenz demütigen.“

„Ich demütige niemanden.“

Lukas lachte kurz auf.

Trocken.

Bitter.

„Du hast ihr gerade vor zwölf Menschen gesagt, dass sie nicht mehr Teil der Familie ist.“

„Dafür gibt es Gründe.“

„Die fünftausend Euro?“

Bei diesen Worten rissen mehrere am Tisch die Köpfe hoch.

Katharina wurde blass.

„Das geht hier niemanden etwas an.“

„Vorhin wolltest du doch auch vor allen reden.“

Theresa meldete sich leise.

„Welche fünftausend Euro?“

Katharina warf ihr sofort einen scharfen Blick zu.

„Darum geht es jetzt nicht.“

„Doch“, sagte Lukas. „Genau darum geht es.“

Ich berührte seinen Arm.

„Komm, wir gehen.“

Aber er schüttelte den Kopf.

Nicht aus Wut.

Da brach etwas aus ihm heraus, das viel älter war.

„Meine Mutter wollte von uns fünftausend Euro für die Renovierung des Hauses in Hallstatt“, sagte er. „Ich habe Nein gesagt. Ich. Nicht Anna.“

Theresa legte ihren Löffel ab.

„Mir hast du gesagt, Lukas und Anna geben nichts, weil Anna es nicht erlaubt.“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Doch, genau das hast du gesagt.“

Katharinas Augen blitzten.

„Theresa, halt dich da raus.“

„Ich bin schon längst mittendrin. Ich habe zweitausend Euro gegeben.“

Daraufhin drehte Michael langsam den Kopf zu Katharina.

„Zweitausend?“

Seine Stimme klang plötzlich anders.

„Du hast gesagt, Theresa hätte siebenhundertfünfzig Euro beigesteuert.“

Katharina schwieg.

In diesem Moment passierte etwas Merkwürdiges.

Die Richtung des Streits kippte.

Bis dahin hatten alle Blicke auf mir gelegen.

Jetzt sahen alle Katharina an.

„Warum hast du Papa erzählt, ich hätte nur siebenhundertfünfzig Euro gegeben?“, fragte Theresa.

„Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe.“

„Ich schon“, erwiderte Michael.

Seine Stimme war leise.

„Ich weiß es ganz genau.“

Katharina stand gereizt auf.

„Es ist lächerlich, dass ihr daraus jetzt ein Drama macht.“

„Wo ist das Geld?“, fragte Michael.

„Welches Geld?“

„Theresas zweitausend Euro.“

„Für die Renovierung.“

„Für welche Renovierung?“

Katharina antwortete nicht.

Michael lehnte sich zurück.

„Kathi, der Baumeister hat mir letzte Woche gesagt, dass von uns noch kein einziger Euro Anzahlung gekommen ist.“

Mein Magen zog sich zusammen.

Davon hatte auch ich nichts gewusst.

Katharina blickte in die Runde.

Ihre Sicherheit begann sichtbar zu bröckeln.

„Ich habe es noch nicht überwiesen.“

„Wo ist es dann?“

„Auf meinem Konto.“

„Dann zeig es her.“

„Michael, mach keinen Zirkus.“

„Du hast zwölf Menschen zusammengetrommelt, um aus Anna einen Zirkus zu machen.“

Niemand rührte sich.

Hedis Stube