„Nimm sofort die Finger vom Handy! Das ist mein Geld, hast du verstanden?!“ — schrie ich, als mein Mann gerade eine hübsche Summe an seine Mutter überweisen wollte

Schamlose Gier zerreißt unser mühsam aufgebautes Vertrauen.
Geschichten

Er hatte also beschlossen, ihr ganzes Erspartes herzugeben? Ohne ein Wort mit ihr zu reden, ohne ihre Zustimmung, ohne auch nur zu fragen?

»Nimm sofort die Finger von meinem Handy!«, fuhr Anna ihn an und riss Lukas das Gerät mit einer abrupten Bewegung aus der Hand. »Das ist mein Geld, hast du das verstanden?«

Ihr Gesicht brannte vor Wut. Ihre Finger zitterten, während sie hastig auf dem Bildschirm herumtippte und die Überweisung abbrach. Zum Glück war der Vorgang noch nicht abgeschlossen gewesen; zur Bestätigung hätte erst noch ein SMS-Code eingegeben werden müssen.

»Anna, was machst du da?«, fragte Lukas völlig überrumpelt.

»Ich schütze mein Geld vor Dieben«, gab sie scharf zurück.

»Vor welchen Dieben? Das ist doch für die Familie!«, versuchte er sich zu rechtfertigen.

Für einen Moment lag eine schwere, beinahe erstickende Stille im Zimmer. Lukas saß auf dem Bett, die Hände hilflos ausgebreitet, als könnte er beim besten Willen nicht begreifen, worin das Problem lag. Sein Gesichtsausdruck schwankte zwischen Kränkung und ehrlicher Ratlosigkeit.

»Für welche Familie?«, fragte Anna kühl. »Für deine Schwester, die nicht imstande ist, mit ihrem Geld auszukommen?«

»Aber sie gehört doch zur Familie«, murmelte Lukas. »Katharina ist unsere Verwandte.«

»Katharina ist deine Verwandte. Dieses Geld gehört mir. Vier Jahre lang habe ich jeden Monat fünfzig Euro zur Seite gelegt.«

»Wir leben aber zusammen!«, widersprach er.

»Und was soll das heißen? Gibt dir das das Recht, über meine Rücklagen zu verfügen?«

Anna hatte keine Lust mehr, ihm noch länger etwas zu erklären. Auf einmal war ihr klar geworden, dass Lukas den Unterschied zwischen gemeinsamem Haushaltsgeld und persönlichem Ersparten offenbar gar nicht begriff. Für ihn schien alles, was in dieser Wohnung existierte, automatisch Familienbesitz zu sein, über den dann jene bestimmten, die sich für wichtiger hielten.

»Anna, bitte versteh doch, Katharina steckt wirklich in Schwierigkeiten«, versuchte Lukas, die Situation zu entschärfen.

»Und glaubst du, mir ist alles leichtgefallen? Vier Jahre lang habe ich auf alles Mögliche verzichtet.«

»Na ja, auf alles nun auch wieder nicht …«

»Doch. Auf alles, was nicht unbedingt notwendig war. Ich habe mir keine neuen Sachen gekauft, ich bin nicht mit Freundinnen auf einen Kaffee gegangen, ich habe keinen Urlaub gemacht. Genau dafür habe ich gespart.«

Lukas senkte schuldbewusst den Blick. Er sah aus wie jemand, den man beim Stehlen erwischt hatte. Was der Sache im Grunde ziemlich nahekam.

»Mama hat gesagt, sie kennt den PIN«, brachte er leise hervor. »Ich dachte, wenn sie den Code weiß, dann kann man vielleicht …«

»Was kann man? Mein Geld nehmen?«

»Nicht nehmen! Nur ausborgen. Für meine Schwester.«

»Ausborgen?«, Anna lachte trocken auf. »Und wann hättet ihr vorgehabt, es zurückzuzahlen? Katharina hat doch selbst keinen Cent übrig.«

»Na ja, irgendwie halt …«

»Irgendwie«, wiederholte Anna spöttisch. »Lukas, wolltest du dann vier Jahre lang die Schulden deiner Schwester abstottern?«

Er schwieg. Damit war alles gesagt. Niemand hatte ernsthaft geplant, ihr Geld jemals zurückzugeben. Theresa hatte offenbar darauf gesetzt, dass ihr Sohn die Summe einfach stillschweigend an Katharina weiterschiebt und Anna sich am Ende schon damit abfinden würde.

»Wo ist deine Mutter?«, fragte Anna.

»Im Wohnzimmer. Sie schaut fern.«

»Hol sie her.«

»Warum?«

»Ich möchte mit der Frau reden, die ihrem Sohn beigebracht hat, fremdes Geld anzurühren.«

»Anna, bitte, mach jetzt keinen Skandal …«

»Lukas, hol deine Mutter. Sofort.«

Widerwillig erhob er sich und ging aus dem Schlafzimmer. Eine Minute später erschien Theresa in der Tür. Ihre Miene war zunächst zufrieden, fast erwartungsvoll; offensichtlich war sie davon ausgegangen, dass die Überweisung bereits erledigt war.

»Na? Habt ihr es schon überwiesen?«, fragte sie mit hörbarer Erleichterung.

»Nein«, antwortete Anna knapp.

Theresas Gesicht verfinsterte sich schlagartig.

»Wie, nein? Lukas hat es mir versprochen!«

»Lukas hat versucht, mein Geld zu stehlen. Ich habe ihn rechtzeitig gestoppt.«

»Was redest du da von Stehlen?«, empörte sich Theresa sofort. »Das ist Familiengeld!«

»Das sind meine persönlichen Ersparnisse. Und den PIN haben Sie sich heimlich gemerkt.«

Die Schwiegermutter blinzelte irritiert. Mit einem so direkten Vorwurf hatte sie offenbar nicht gerechnet.

»Ich habe ihn halt zufällig gesehen«, begann Theresa sich herauszureden.

»Zufällig merkt man sich keine fremden Zugangscodes«, schnitt Anna ihr das Wort ab. »Sie haben mich beobachtet. Ganz bewusst.«

»Und selbst wenn? In einer Familie darf es keine Geheimnisse geben!«

»Doch, die darf es sehr wohl geben. Vor allem, wenn es um persönliches Geld geht.«

Theresa wurde rot vor Ärger. Ihre Lippen pressten sich zu einer schmalen Linie zusammen.

»Du lässt also die Schwester deines Mannes im Stich, wenn sie in Not ist? Du hast wirklich kein Herz.«

»Ich lasse niemanden im Stich. Ich weigere mich nur, für die Verantwortungslosigkeit anderer zu zahlen.«

»Welche Verantwortungslosigkeit? Das Kind ist krank!«

»Katharina ist eine erwachsene Frau. Dann muss sie auch lernen, ihre Probleme selbst zu lösen.«

»Na großartig«, schnaubte Theresa verächtlich. »Geizig bist du. Mehr nicht.«

»Theresa, ich habe dieses Geld verdient. Und ich entscheide, wofür ich es ausgebe.«

»Ach ja? Und Lukas verdient nichts? Er erhält dich wohl nicht auch mit?«

»Lukas verdient für seine eigenen Bedürfnisse und für den Haushalt. Diese Rücklagen habe ich allein aufgebaut.«

Theresa öffnete den Mund, doch Anna ließ sie gar nicht erst weitersprechen.

»Das Gespräch ist beendet. Niemand greift mehr mein Geld an.«

Mit beleidigter Miene rauschte Theresa aus dem Zimmer. Lukas blieb unschlüssig bei der Tür stehen und trat von einem Fuß auf den anderen.

»Anna, Mama wird jetzt furchtbar böse sein«, sagte er kleinlaut.

»Dann soll sie böse sein. Das ist ihr Problem.«

»Und was ist mit Katharina?«

»Was soll mit ihr sein? Sie kann mehr arbeiten oder sich etwas Zusätzliches suchen.«

»Aber sie hat ein Kind!«

»Viele Menschen haben Kinder. Und viele schaffen es trotzdem, ohne die Ersparnisse ihrer Verwandten zu verplanen.«

Lukas fand darauf keine Antwort. Ihm war anzusehen, dass er begriffen hatte: Anna würde diesmal nicht nachgeben.

Den restlichen Abend wechselten sie kaum ein Wort miteinander. In der Wohnung hing eine frostige Stimmung. Theresa blieb demonstrativ in ihrem Zimmer und spielte die tief Gekränkte. Josef, der Schwiegervater, hielt sich aus dem Streit heraus und tat so, als ginge ihn das alles nichts an.

Anna lag später wach im Bett und starrte in die Dunkelheit. Ihr war endgültig klar geworden, dass man sie in dieser Familie nie wirklich als gleichberechtigten Menschen behandeln würde. Ihre Ersparnisse würden hier immer als gemeinsamer Topf betrachtet werden, über den andere nach Belieben verfügen durften.

Am nächsten Tag änderte Anna als Erstes das Passwort ihres Handys.

Hedis Stube