„Nimm sofort die Finger vom Handy! Das ist mein Geld, hast du verstanden?!“ — schrie ich, als mein Mann gerade eine hübsche Summe an seine Mutter überweisen wollte

Schamlose Gier zerreißt unser mühsam aufgebautes Vertrauen.
Geschichten

Ständig kreisen meine Gedanken um meine Tochter«, klagte Theresa weiter. »Wie soll ich da ruhig bleiben? Mein Sohn hat ein ordentliches Leben, und seine Schwester muss sich durchschlagen!«

Von Tag zu Tag ist Lukas stiller und finsterer geworden. Anna hat deutlich gesehen, wie sehr ihn das schlechte Gewissen niedergedrückt hat. Theresa verstand es meisterhaft, an sein Mitgefühl zu appellieren, und schilderte in allen Einzelheiten, wie schwer Katharina es angeblich hatte.

»Mama, vielleicht könnte Katharina selbst irgendeinen Ausweg finden?«, versuchte Lukas vorsichtig einzuwenden.

»Was denn für einen Ausweg?«, fuhr Theresa empört auf. »Sie hat doch schon alles versucht! Ihre Freundinnen können ihr nichts borgen, bei denen schaut es auch nicht besser aus. Und die Bank gibt ihr keinen Kredit, weil ihr Einkommen zu niedrig ist.«

»Und das Sozialamt?«, warf Anna ein.

»Welches Sozialamt denn bitte?«, schnaubte die Schwiegermutter verächtlich. »Da füllt man monatelang irgendwelche Formulare aus, und am Ende kommt eh nichts dabei heraus!«

Es wurde immer klarer, dass Theresa ihren Entschluss längst gefasst hatte. In ihren Augen war es Lukas’ Pflicht, seiner Schwester zu helfen, und Einwände ließ sie nicht gelten.

Am fünfundzwanzigsten September kam es schließlich zu dem entscheidenden Gespräch. Beim Abendessen legte Theresa plötzlich den Löffel weg und sagte mit fester Stimme:

»Lukas, ich habe mit Katharina gesprochen. Sie braucht dreihundert Euro. Für die offenen Schulden und damit sie die erste Zeit überbrückt. Mehr verlangt sie gar nicht.«

Lukas verschluckte sich beinahe an der Suppe.

»Dreihundert? Mama, so viel haben wir nicht einfach übrig!«

»Wie, ihr habt es nicht?«, wunderte sich Theresa gekünstelt. »Und Anna spart nicht? Ich weiß sehr wohl, dass sie spart. Und das schon lang.«

Anna erstarrte mit dem Löffel in der Hand. Also wusste Theresa von dem Geld. Nur woher?

»Mama, das Geld ist für eine eigene Wohnung gedacht«, versuchte Lukas zu erklären.

»Für welche Wohnung denn?«, winkte Theresa ab. »Ihr lebt hier doch gut genug! Katharina hingegen sitzt mit ihrem Kind in der Not.«

»Wir sparen seit vier Jahren«, sagte Anna leise. »Das ist unsere Anzahlung.«

»Na und?«, fragte die Schwiegermutter und sah ihre Schwiegertochter gereizt an. »Dann spart ihr eben wieder. Seine Schwester braucht jetzt Hilfe.«

»Theresa, ich verstehe ja, dass es Katharina schwer hat, aber unsere Rücklagen …«

»Was heißt hier eure?«, fiel ihr Theresa scharf ins Wort. »Lukas verdient das Geld, Lukas ist der Mann im Haus. Oder verdienst du etwa mehr als dein Mann?«

Anna spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Also dachte ihre Schwiegermutter tatsächlich, dass Lukas allein bestimmen durfte, wohin das Familiengeld floss, nur weil er mehr verdiente.

»Dieses Geld habe ich von meinem eigenen Gehalt weggelegt«, sagte Anna klar und fest.

»Und weiter?«, gab Theresa nicht nach. »Du lebst in einer Familie. Wir essen gemeinsam, wir zahlen gemeinsam Strom, Heizung und alles andere.«

»Aber ich habe es beiseitegelegt. Jeden Monat fünfzig Euro.«

»Und wer hat dir diese Möglichkeit gegeben?«, fragte Theresa mit zusammengekniffenen Augen. »Wenn ihr allein wohnen würdet, wäre genau dieses Geld längst für Miete draufgegangen.«

Theresas Logik war hart wie Beton. Für sie stand fest: Wenn die Jungen keine eigene Wohnung bezahlen mussten, dann gehörte alles, was sie sich ersparten, der Familie. Und über dieses Geld hatte ihrer Meinung nach der Mann zu verfügen.

»Lukas, bist du ein Mann oder nicht?«, setzte sie ihren Sohn weiter unter Druck. »Kannst du deiner eigenen Schwester wirklich nicht helfen?«

»Mama, ich denke darüber nach«, murmelte Lukas kraftlos.

»Was gibt es da nachzudenken?«, empörte sich Theresa. »Zum Nachdenken ist es zu spät. Katharina braucht das Geld bis morgen.«

Anna stand vom Tisch auf. Der Hunger war ihr endgültig vergangen. Sie verstand nur zu gut, was am nächsten Tag passieren sollte: Theresa würde ihren Sohn so lange bearbeiten, bis er das Geld an seine Schwester überwies.

In ihrem Zimmer holte Anna die kleine Schmuckschatulle hervor und zählte die Karten durch. Die Karte zum Sparkonto, die Gehaltskarte, die Karte für kleinere Ausgaben. Noch war alles an seinem Platz. Aber wie lange noch?

Etwa eine halbe Stunde später kam Lukas herein. Er wirkte verlegen, müde und zugleich schuldbewusst.

»Anna, meine Mutter hat gesagt, sie kennt den PIN von deinem Sparkonto«, begann er unsicher.

»Wie soll sie den kennen?«, fragte Anna erschrocken.

»Sie hat ihn einmal gesehen, als du Geld abgehoben hast.«

Anna riss die Augen auf. Theresa hatte sie also beobachtet, sich die Zahlen gemerkt und konnte nun im schlimmsten Fall jederzeit an das Geld herankommen.

»Lukas, das sind meine Ersparnisse«, sagte Anna bestimmt. »Ich lege dieses Geld seit vier Jahren zurück.«

»Ich weiß«, antwortete er leise. »Aber Mama hat nicht ganz unrecht. Katharina geht es wirklich schlecht.«

»Dann soll sie mehr arbeiten. Oder in eine kleinere Stadt ziehen, wo das Leben billiger ist.«

»Anna, wie soll sie denn wegziehen? Mit einem Kind und ohne Geld …«

»Lukas, wenn wir dieses Geld hergeben, fangen wir bei der Wohnung wieder bei null an. Noch einmal vier Jahre!«

»Nicht vier Jahre«, widersprach er matt. »Dann sparen wir eben gemeinsam. Das geht schneller.«

Anna sah ihren Mann an und begriff in diesem Moment, dass Lukas seine Entscheidung innerlich bereits getroffen hatte. Er wollte nur noch ihre Zustimmung, damit ihn sein Gewissen nicht quälte.

»Lukas, ich bin dagegen«, sagte sie hart. »Dieses Geld ist unsere Zukunft.«

»Und Katharina gehört nicht zu unserer Familie?«

»Katharina ist deine Schwester. Aber diese Rücklagen gehören mir.«

Darauf erwiderte er nichts mehr. Lukas legte sich schlafen, doch Anna bemerkte, dass er sich noch lange von einer Seite auf die andere drehte und keinen Schlaf fand.

Am nächsten Tag kam Anna zur gewohnten Zeit von der Arbeit heim. In der Wohnung war es ungewöhnlich still. Josef war noch nicht zurück, Theresa saß im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Lukas befand sich in ihrem Zimmer, das Handy in der Hand.

»Was machst du da?«, fragte Anna, während sie Mantel und Schuhe auszog.

»Nichts Besonderes«, antwortete er ausweichend.

Anna trat näher und warf einen Blick auf das Display. Auf dem Bildschirm leuchtete die Banking-App. Lukas hatte bereits ein Überweisungsformular geöffnet. Im Feld »Betrag« standen zweitausendvierhundert Euro. Annas gesamte Ersparnisse.

»An wen willst du überweisen?«, fragte sie mit eisiger Stimme.

»Mama meint, wir müssen meiner Schwester helfen«, murmelte Lukas. »Die Lage ist wirklich kritisch.«

Anna spürte, wie sich in ihr vor Zorn alles zusammenzog. Also hatte Lukas wirklich vor, ihr gesamtes Erspartes einfach wegzuschicken.

Hedis Stube