„Lukas, du hast zwei gesunde Beine.“ sagte Elisabeth kalt am Fenster, während der Erdäpfelauflauf anzubrennen drohte

Dieses arrogante Verhalten ist zutiefst empörend.
Geschichten

– Papa ist halt immer so gewesen.

– Ja. Und du fangst gerade an, ihm ähnlich zu werden.

– Das ist jetzt aber übertrieben.

– Nein. Ist es nicht.

Elisabeth schlug die Mappe auf.

Darin lagen Rechnungen.

Alte Lohnzettel.

Kontoauszüge.

– Weißt du eigentlich, wie viel dein Vater verdient hat, als du klein warst?

– Keine Ahnung.

– Und weißt du, wie viel ich verdient habe?

Lukas zuckte mit den Schultern.

– Mama, worauf willst du hinaus?

– Darauf, dass ich zwanzig Jahre lang mehr heimgebracht habe als er.

Lukas lachte kurz auf.

– Du?

In Elisabeths Gesicht veränderte sich etwas.

– Siehst du? Genau deshalb habe ich das alles mitgenommen.

Dann erzählte sie, dass sie seit Ende der Neunziger in einem pharmazeutischen Großhandel gearbeitet hatte. Zuerst als administrative Leiterin, später als regionale Koordinatorin. Als Lukas noch ein Kind gewesen ist, ist sie oft in andere Bundesländer gefahren, hat Überstunden gemacht, und jahrelang ist der Wohnkredit vor allem von ihrem Gehalt bezahlt worden.

Nur daheim hat niemand je darüber gesprochen.

In der Familienerzählung war immer der Vater „der Ernährer“.

Und Elisabeth war „die Mutter, die alles zusammenhält“.

– Und weißt du, warum ich das zugelassen habe? – fragte sie.

Lukas sagte nichts.

– Weil es einfacher war. Wenn dein Vater gemeint hat, das sei Männersache und jenes Frauensache, habe ich nur abgewunken. Wozu streiten? Es ging schneller, das Essen selber zu kochen, als auszudiskutieren, wer kochen soll. Es ging schneller, den Abwasch zu machen, als mir sein Seufzen anzuhören.

Dann sah sie zu mir herüber.

– Letzten Sonntag habe ich Anna beobachtet. Und plötzlich habe ich mich selbst gesehen. Vor dreißig Jahren.

Lukas stand auf.

– Es reicht.

– Nein, mein Sohn. Diesmal nicht.

– Du kommst nicht hierher und erklärst mir, wie ich in meiner eigenen Wohnung zu leben habe.

– In eurer Wohnung – verbesserte Elisabeth ihn.

– Ist doch wurscht.

– Nein. Ist es nicht.

Lukas drehte sich zu mir.

– Hast du sie deswegen herbestellt?

– Ich habe nicht gewusst, worüber sie reden will.

Das war die Wahrheit.

Aber Lukas glaubte mir nicht.

Er riss seinen Pullover an sich und ging.

Die Tür fiel so heftig ins Schloss, dass der Bilderrahmen an der Wand wackelte.

Elisabeth blieb lange still.

– Vielleicht hätte ich das nicht sagen sollen.

– Doch – sagte ich. – Es hat gesagt werden müssen.

Lukas kam bis zum Abend nicht zurück.

Auch am nächsten Tag zu Mittag war er noch nicht da.

Er schrieb nur, dass er bei Tobias übernachten würde.

Es war das erste Mal in unserer Ehe, dass er nach einem Streit die Nacht woanders verbrachte.

Am Sonntagnachmittag kam er wieder heim.

Er sah erschöpft aus.

– Wir müssen reden.

Wir setzten uns ins Wohnzimmer.

– Ich war gestern bei Tobias und seiner Familie – begann er.

– Ich weiß.

– In der Früh bin ich aufgestanden, und Tobias hat Kaffee gemacht. Danach hat er hinter den Kindern hergeräumt, die Waschmaschine eingeschaltet und nebenbei Frühstück vorbereitet.

Ich schwieg.

– Ich habe ihn ausgelacht und gesagt, jetzt sei er endgültig ein Pantoffelheld.

Ich wurde ganz steif.

– Dann hat er mich gefragt, was ich daheim eigentlich mache.

Lukas senkte den Blick.

– Und mir ist nicht wirklich etwas eingefallen.

Im ersten Moment dachte ich, ab da würde alles leichter werden.

Dass jetzt eine Entschuldigung kommen müsste.

Die große Einsicht.

Die versöhnliche Szene, wie man sie sich heimlich ausmalt.

Aber das wirkliche Leben funktioniert nicht so.

Die ersten zwei Wochen waren furchtbar.

Lukas begann zwar mitzuhelfen, aber bei jeder Kleinigkeit hatte er eine Frage.

Mit welchem Programm wäscht man Handtücher?

Wo steht der Fensterreiniger?

Was soll er im Geschäft einkaufen?

Wie lange muss Reis kochen?

Nach drei Tagen platzte mir der Kragen.

– Ich bin nicht deine Bedienungsanleitung.

– Ich habe ja nur gefragt.

– Google.

Daraufhin war er beleidigt.

Ein paar Abende später stritten wir darüber, dass er „eh schon viel mehr“ mache und ich trotzdem nicht dankbarer sei.

– Lukas, erwartest du jetzt wirklich Lob, weil du unsere gemeinsame Wäsche aufgehängt hast?

– Du könntest es wenigstens bemerken.

– Ich mache das seit fünf Jahren. Wie oft hast du es bemerkt?

Darauf wusste er nichts zu sagen.

Der eigentliche Wandel begann schließlich gar nicht bei der Hausarbeit, sondern an einem Dienstagabend, als Lukas heimkam.

Hedis Stube