Den Bericht musste ich schließlich auch noch fertigbekommen.
– Ich habe dich nicht gebeten, das alles ausgerechnet heute zu erledigen.
Dieser Satz hat mich härter getroffen, als wenn er laut geworden wäre.
– Und wenn ich es nicht mache, Lukas, wer macht es dann?
Er zuckte nur mit den Schultern.
– Wird schon irgendwie gehen.
– Was heißt bitte „irgendwie“?
– Keine Ahnung, Anna. Ich hab keine Lust, am Abend eine Besprechung über Hausarbeit zu führen.
Damit drehte er sich von mir weg.
Am nächsten Morgen tat er so, als wäre nichts gewesen.
In den Tagen danach habe ich aber begonnen, genauer hinzuschauen.
Nicht auf ihn.
Auf mich.
Wie oft ich automatisch aufspringe, sobald er etwas braucht.
Wie oft ich ihm Dinge aus der Hand nehme, die er ohne Weiteres selber erledigen könnte.
Wie oft ich sage: „Schon gut, ich mach’s“, nur damit kein Streit entsteht.
Die Antwort darauf war unangenehm.
Viel zu oft.
Am Donnerstag kam Lukas erst gegen halb acht am Abend heim.
– Gibt’s was zu essen?
– Im Kühlschrank.
– Du hast es nicht warm gemacht?
Ich sah ihn an.
– Mikrowelle.
Er lächelte kurz, als hätte ich einen Schmäh gemacht.
– Bestrafst du mich jetzt?
– Nein. Ich arbeite.
Ich saß vor meinem Laptop. Und ich arbeitete tatsächlich.
Trotzdem blieb er neben mir stehen.
– Was ist eigentlich los mit dir in letzter Zeit?
– Nichts.
– Doch, sicher.
– Ich höre nur damit auf, alles für dich zu übernehmen.
Da lachte er schon gereizt auf.
– Hat dir das meine Mutter eingeredet?
– Nein. Sie hat nur laut ausgesprochen, was ich schon lange spüre.
An diesem Abend hat Lukas sein Essen selbst aufgewärmt.
Allerdings hat er dabei mit den Tellern derart herumgeklappert, als hätte er gerade einen moralischen Sieg errungen.
In der darauffolgenden Woche wurde die Stimmung immer eigenartiger.
Ich habe nicht „gestreikt“. Ich kochte für mich mit, wusch meine eigene Wäsche und hielt die Dinge in Ordnung, die ich benutzte. Aber ich hob Lukas’ Socken nicht mehr vom Boden auf. Ich stellte seinen Teller nicht in den Geschirrspüler. Und in der Früh richtete ich ihm kein Jausenbrot mehr her.
Nach drei Tagen waren alle seine sauberen Hemden aufgebraucht.
– Anna, ich hab kein einziges ordentliches Hemd mehr.
– Im Wäschekorb liegen fünf.
– Und?
– Die Waschmaschine steht noch immer dort, wo sie immer gestanden ist.
Er sah mich an, als hätte ich in einer fremden Sprache geredet.
Am Freitag rief Elisabeth an.
– Kann ich morgen vorbeikommen?
– Natürlich.
– Ist Lukas daheim?
– Vormittags schon.
– Gut.
Ihre Stimme klang ungewohnt bestimmt.
Am Samstag war sie Punkt zehn da. Diesmal brachte sie keinen Kuchen mit und auch keine Suppe, wie sonst. Unter dem Arm hatte sie eine dicke, graue Mappe.
Lukas saß am Küchentisch.
– Was ist das? – fragte er.
Elisabeth zog ihren Mantel aus.
– Wir müssen reden.
Ich dachte im ersten Moment sofort an irgendeine Familiensache.
Krankheit.
Geld.
Erbschaft.
Doch Elisabeth legte die Mappe direkt vor Lukas auf den Tisch.
– Erinnerst du dich, als dein Vater letzten November nach der Operation aus dem Spital heimgekommen ist?
Lukas nickte.
– Natürlich.
– Wer war sechs Wochen lang bei ihm?
– Du.
– Genau.
Lukas runzelte die Stirn.
– Und?
Elisabeth zog einen Sessel hervor.
– Sechs Wochen lang habe ich ihm beim Aufstehen geholfen, beim Waschen, ich habe ihm die Medikamente gegeben, gekocht, gewaschen und die Arzttermine organisiert. In der Nacht bin ich oft dreimal zu ihm aufgestanden.
– Mama, ich weiß. Aber was hat das jetzt damit zu tun?
– Damit, dass er, als es ihm wieder besser gegangen ist, eines Abends zu mir gesagt hat: „Elisabeth, es wäre schön, wenn du endlich wieder ordentlich putzen würdest. Die Wohnung ist schon ziemlich vernachlässigt.“
Es wurde still.
Ich schaute Elisabeth ins Gesicht.
In diesem Moment verstand ich, warum sie das alles so persönlich genommen hatte.
– Ich war damals einundsechzig – sagte sie weiter. – Nach vierzig Jahren Ehe. Und genau da ist mir klar geworden: Nicht nur er hatte sich daran gewöhnt, dass ich alles erledige. Ich habe ihn auch daran gewöhnt.
Lukas lehnte sich im Sessel zurück.
