Meine Schwiegermutter hat das an diesem Sonntag zu Mittag so ruhig ausgesprochen, dass ich im ersten Moment geglaubt habe, ich hätte mich verhört.
Wir sind in unserer Küche gestanden: ich in einem fleckigen Leiberl, in der einen Hand den Kochlöffel, mit der anderen die offene Tür vom Geschirrspüler, während im Rohr der Erdäpfelauflauf schon knapp davor war, anzubrennen. Mein Mann Lukas ist im Wohnzimmer auf der Couch gelegen, barfuß, das Handy auf der Brust, und hat zu mir hinausgerufen:
„Anna, bringst du mir einen Kaffee? Und wenn du eh schon kommst, vielleicht auch ein Stück Kuchen.“
Elisabeth, seine Mutter, ist beim Fenster gestanden und hat mich angeschaut.
Dann ihren Sohn.

Schließlich hat sie den Teller, den sie gerade abgetrocknet hatte, langsam hingelegt.
„Lukas, du hast Beine.“
Mein Mann hat aufgelacht.
„Mama, fang du jetzt bitte nicht auch noch an.“
In Elisabeths Gesicht hat sich kein Muskel bewegt.
„Ich fang gar nichts an. Ich schau nur seit zwanzig Minuten zu, wie deine Frau gleichzeitig kocht, wäscht, Wäsche aufhängt, den Tisch deckt und nebenbei auch noch deine Jacke wegräumt. Und du benimmst dich, als wärst du in einem Wellnesshotel.“
„Ich bin müde.“
„Anna arbeitet auch.“
Da hat Lukas sich tatsächlich aufgesetzt.
„Bist du ernsthaft deswegen hergekommen?“
In seiner Stimme lag etwas Beleidigtes, fast Kindisches. Ganz automatisch wollte ich dazwischengehen, so wie immer.
Dass sie es gut sein lassen sollen.
Dass es nicht so schlimm ist.
Dass ich es schon mache.
Aber Elisabeth ist mir zuvorgekommen.
„Schatz, verwechsel deine Frau nicht mit einer Bedienerin. Wenn du wie ein Pascha versorgt werden willst, dann sorg auch für die passenden Voraussetzungen.“
Lukas’ Gesicht ist hart geworden.
„Wie bitte?“
„Du hast mich schon richtig verstanden.“
Auf einmal war im Wohnzimmer nur noch das leise Gerede aus dem Fernseher zu hören. Irgendein Handballspiel ist gelaufen, aber niemand von uns hat hingeschaut.
Damals habe ich noch keine Ahnung gehabt, dass dieser eine Satz innerhalb von drei Wochen Dinge aus unserer Ehe an die Oberfläche holen würde, über die ich bis dahin sogar mich selbst belogen hatte.
Lukas und ich kannten einander seit acht Jahren, seit fünf Jahren waren wir verheiratet. Wir wohnten in Wels, in einer fünfundsechzig Quadratmeter großen Wohnung, die wir zum Teil mit Kredit finanziert hatten. Ich arbeitete als Buchhalterin bei einer Logistikfirma, zwei Tage in der Woche im Homeoffice. Lukas war Projektleiter in der IT und ja, er hatte wirklich viel zu tun.
Nur war aus diesem „Ich arbeite so viel“ irgendwann im Jahr davor unbemerkt eine Erklärung für alles geworden.
Dafür, dass er nicht einkaufen ging.
Dafür, dass er kein Geschirr wegräumte.
Dafür, dass er den Müll nicht hinunterbrachte.
Dafür, dass seine Schmutzwäsche am Badezimmerboden liegen blieb.
Dafür, dass ich ihn an den Geburtstag seines Vaters erinnern musste, ihm einen Zahnarzttermin ausmachte, für seine Mutter Blumen zum Namenstag bestellte und sogar für seine eigene Schwester ein Weihnachtsgeschenk in seinem Namen besorgte.
Lange habe ich mir eingeredet, es sei nur eine schwierige Phase.
Dann ist es zur Gewohnheit geworden.
An diesem Tag ist Elisabeth nach dem Mittagessen nicht mehr lange geblieben. Bevor sie gegangen ist, hat sie mich im Vorzimmer kurz zur Seite genommen.
„Bist du mir böse?“, hat sie gefragt.
„Warum sollte ich?“
„Weil ich mich eingemischt habe.“
Ich habe auf meine Schuhe hinuntergeschaut.
„Du hast nichts gesagt, was nicht stimmt.“
Elisabeth hat tief ausgeatmet.
„Dann ist es schlimmer, als ich gedacht habe.“
„Wie meinst du das?“
Sie hat nur meine Hand gedrückt.
„Das wirst du noch verstehen.“
Lukas hat an diesem Abend kaum ein Wort mit mir geredet. Gegen elf, als wir schon im Bett gelegen sind, hat er plötzlich gesagt:
„Das hätte Mama nicht machen müssen.“
„Was genau?“
„Mich vor dir so bloßstellen.“
Ich habe mich zu ihm umgedreht.
„Glaubst du wirklich, das war das Problem?“
„Was denn sonst?“
„Vielleicht, dass sie recht gehabt hat.“
Er hat sich aufgerichtet.
„Jetzt du auch noch?“
„Lukas, ich bin um sechs aufgestanden. Ich war am Markt, habe gekocht, zwei Maschinen Wäsche gemacht, das Bad geputzt und dazwischen auch noch drei Stunden gearbeitet, weil ich bis Montag etwas abgeben muss.“
