„Lukas, du hast Beine.“ sagte Elisabeth ruhig und legte den Teller langsam hin

Dieses arrogante, selbstsüchtige Verhalten war beschämend.
Geschichten

Ich hab auf das Blatt geschaut.

„Was ist das?“

„Ein Jobangebot.“

Damit hatte ich nicht gerechnet.

„Für dich?“

„Ja.“

Das Gehalt war höher.

Deutlich höher.

Dafür wären aber drei Tage in der Woche Fahrten in die Bundesländer dazugehört, dazu längere Arbeitstage und noch weniger Zeit daheim.

„Nimmst du es an?“

Lukas hat eine ganze Weile nichts gesagt.

„Früher hätt ich sofort zugesagt.“

„Und jetzt?“

„Jetzt hab ich mir gedacht, dass dann wieder alles an dir hängen bleiben würde.“

Es war das erste Mal, dass nicht ich diesen Satz aussprechen musste.

Am Ende hat er abgesagt.

Nicht wegen mir.

Sondern, wie er gesagt hat, weil er kein Leben will, in dem er nur noch zum Schlafen nach Hause kommt.

Etwa einen Monat später hat uns Elisabeth zum Mittagessen eingeladen.

Als wir bei ihnen angekommen sind, stand Josef mit einer Schürze in der Küche.

In der Hand hielt er einen großen Topf.

Lukas blieb mitten in der Tür stehen.

„Papa … du kochst?“

Josef hat ihn finster angeschaut.

„Fang ja nicht an zu lachen.“

Elisabeth hat im Hintergrund geschmunzelt.

„Fischsuppe.“

„Papa hasst Kochen.“

„Tu ich immer noch“, brummte Josef. „Aber deine Mutter meint, nach vierzig Jahren wär’s langsam an der Zeit, dass ich wenigstens drei Gerichte zusammenbring.“

Wir haben uns an den Tisch gesetzt.

Während des Essens hat Josef plötzlich geräuspert.

„Bub.“

„Ja?“

„Deine Mutter hat mir erzählt, dass es bei euch auch ein bisserl … gekracht hat.“

„Kann man so sagen.“

Josef starrte auf seinen Teller, als würde dort die richtige Formulierung liegen.

„Ich hab lang geglaubt, als Mann ist meine Aufgabe, Geld heimzubringen. Später hat sich herausgestellt, dass meine Frau ohnehin mehr verdient hat als ich. Es war nur bequemer für mich, so zu tun, als würd ich’s nicht merken.“

Elisabeth zog die Augenbrauen hoch.

„Hast du das jetzt wirklich laut gesagt?“

„Hab ich.“

Lukas musste lächeln.

Dann hat er zu mir herübergeschaut.

Es war keine große Szene.

Keine tränenreiche Entschuldigung, kein feierlicher Schwur.

Er hat nur unter dem Tisch meine Hand genommen.

Auf der Heimfahrt im Auto sagte er irgendwann:

„Meine Mutter hat recht gehabt.“

„Womit?“

„Dass ich zwei Dinge durcheinandergebracht hab.“

„Ehefrau und Dienstmädchen?“

„Das auch.“

Er schwieg kurz.

„Aber vor allem hab ich geglaubt, wenn mich jemand liebt, dann ist es selbstverständlich, dass er alles für mich tut.“

„Und was glaubst du jetzt?“

Wir standen gerade bei Rot an der Ampel. Lukas drehte den Kopf zu mir.

„Dass Liebe nicht bedeutet, dass der eine dem anderen das Leben leichter machen muss, indem er sich das eigene schwerer macht.“

Danach sind ein paar Monate vergangen.

Wir sind nicht plötzlich zum Vorzeigeehepaar geworden.

Wir streiten immer noch.

Lukas lässt manchmal sein Häferl im Wohnzimmer stehen.

Und ich mach manchmal lieber selbst etwas fertig, bevor ich lange warte, bis er es erledigt.

Aber jetzt fällt es auf.

Uns beiden.

Die seltsamste Veränderung hat allerdings gar nicht bei uns stattgefunden.

Eines Abends hat Elisabeth angerufen.

Sie hat schon gelacht, bevor sie richtig zu reden begonnen hat.

„Stell dir vor, dein Schwiegervater hat einen Staubsaugerroboter gekauft.“

„Josef?“

„Ja.“

„Freiwillig?“

„Er hat gesagt, wenn er schon nicht selber staubsaugen will, dann soll er wenigstens die Voraussetzungen dafür schaffen.“

Aus dem Hintergrund hörte ich Josefs Stimme:

„Jetzt schmück das nicht so aus!“

Elisabeth lachte nur noch mehr.

Als ich aufgelegt hatte, stand Lukas in der Küche und goss Tee in zwei Häferl.

Eines stellte er vor mich hin.

„Honig?“

„Ja.“

„Zitrone?“

„Ein bisserl.“

Er setzte sich neben mich.

Und aus irgendeinem Grund musste ich wieder an jenen Sonntag denken, an dem Elisabeth diesen Satz zum ersten Mal ausgesprochen hatte.

Damals war ich überzeugt gewesen, sie wolle mich verteidigen.

Erst später hab ich begriffen, dass sie in Wahrheit mit ihrem eigenen, dreißig Jahre jüngeren Ich gesprochen hatte.

Und vielleicht wollte sie ihren Sohn gar nicht bloßstellen.

Vielleicht wollte sie ihn nur rechtzeitig aufhalten.

Bevor aus einer schlechten Gewohnheit eine Rolle wird.

Aus einer Rolle eine Regel.

Und aus einer Regel eine Ehe, in der von zwei Menschen einer längst nicht mehr Partner ist, sondern nur noch die unsichtbare, unverzichtbare Arbeit im Hintergrund.

In diesem Moment bemerkte Lukas sein eigenes Häferl auf dem Couchtisch.

Er stand auf, nahm es und trug es in die Küche.

Ich sagte nichts.

Es war nicht nötig.

Hedis Stube