Als Lukas mich vor allen Leuten eine „Goldgräberin“ genannt hat, habe ich schon im Brautkleid dagestanden.
Nicht einmal zwanzig Minuten später hätten wir im Standesamt in Graz unser Ja-Wort geben sollen.
Meine Mutter hat im Nebenzimmer gewartet, der Fotograf ist draußen auf der Stiege gestanden, und im Innenhof haben zwei Cousinen kleine Sackerl mit getrockneten Blütenblättern in den Händen gehalten.
Ich aber war in einem Besprechungsraum des Hotels, barfuß auf dem Teppich, weil meine Brautschuhe noch neben der Couch gestanden sind, und hatte zwölf bedruckte Seiten in der Hand.
— Unterschreib einfach, Anna — hat Lukas gesagt.

Sein Vater stand beim Fenster.
Seine Mutter Elisabeth saß kerzengerade auf einem Sessel und musterte mich mit demselben Blick, mit dem sie früher Etiketten auf Weinflaschen geprüft hatte: höflich, aber voller Vorsicht.
Langsam schlug ich eine Seite nach der anderen um.
— Warum bekomme ich das erst heute zu sehen?
Lukas atmete hörbar aus.
— Weil unser Anwalt die endgültige Version erst gestern Abend geschickt hat.
— Gestern Abend?
— Ja.
— Und du hast das alles gelesen?
Er stockte kaum merklich, vielleicht eine Sekunde.
— Selbstverständlich.
Da hätte bei mir zum ersten Mal die Alarmglocke läuten müssen.
Lukas las keine Verträge.
Als wir damals gemeinsam unsere Wohnung gemietet hatten, musste ich ihm erklären, was eine gestaffelte Miete bedeutete.
Als er seinen Firmenwagen bekommen hatte, setzte er seine Unterschrift darunter, ohne zu bemerken, dass private Fahrten gesondert verrechnet wurden.
Und jetzt wollte er mir weismachen, er habe zwölf Seiten Juristendeutsch „selbstverständlich“ durchgearbeitet.
Ich ließ mich auf einen Sessel sinken.
— Dann warten wir.
— Worauf bitte?
— Darauf, dass ich ihn ebenfalls gelesen habe.
Elisabeth räusperte sich leise.
— Anna, niemand hier hat vor, dir etwas wegzunehmen.
Ich wandte den Kopf zu ihr.
— Das habe ich auch nicht behauptet.
— Es hört sich aber danach an.
Lukas machte einen Schritt auf mich zu.
— Dieser Vertrag ist zum Schutz von uns beiden da.
— Umso besser. Dann kann es ja kein Problem sein, wenn ich ihn sorgfältig prüfe.
Er warf einen Blick auf seine Uhr.
— Dafür haben wir jetzt keine Zeit.
— Dann unterschreibe ich nicht.
Mit einem Mal wurde es im Raum vollkommen still.
Sein Vater, Dr. Michael Keller, wandte sich vom Fenster ab.
Früher war er Primar gewesen, und er hatte sich diese besondere Haltung bewahrt, durch die sogar private Situationen wirkten, als würde im nächsten Moment eine Visite beginnen.
— Vielleicht sollten wir das Ganze nüchtern betrachten — sagte er.
Ich zog ein schmales Lächeln.
— Genau das versuche ich gerade.
Lukas rückte den Sessel mir gegenüber zurück.
— Anna, wir sind seit sechs Jahren zusammen.
— Eben.
— Dann weißt du doch, dass ich dir vertraue.
— Wozu brauche ich dann zwanzig Minuten vor unserer Hochzeit plötzlich einen Vertrag?
Seine Wangen färbten sich rot.
— Weil ich ein Unternehmen habe.
Das war nicht falsch.
Lukas hielt gemeinsam mit seinem Vater und seiner Schwester Anteile an einem mittelgroßen Betrieb für Medizintechnik in Linz.
Die Firma war viel wert.
Aber ich hatte nie auch nur angedeutet, darauf irgendeinen Anspruch erheben zu wollen.
Ich arbeitete selbst als Bauingenieurin, verdiente mein eigenes Geld und besaß eine Eigentumswohnung in Salzburg, die ich lange vor Lukas gekauft hatte.
Auf sein Vermögen war ich nicht angewiesen.
In seiner Familie allerdings wurde über Geld gesprochen, wie andere über das Wetter reden.
Ununterbrochen.
Wer was geerbt hatte.
Wem welcher Anteil gehörte.
Welche Liegenschaft auf welchen Namen lief.
Welche Ehe „ordentlich geregelt“ war.
Elisabeth hatte einmal bei Kaffee und Topfenkuchen zu mir gesagt:
— Liebe ist etwas Wunderschönes. Aber Zahlen lügen weniger.
Damals hatte ich darüber gelacht.
Jetzt war mir nicht mehr danach.
Ich nahm Seite sieben.
Dann Seite acht.
Dann Seite neun.
Und genau dort stieß ich auf den Absatz.
Er war in kleinerer Schrift gesetzt als der restliche Text.
Nicht winzig.
Aber klein genug, um ihn in der Eile leicht zu übersehen.
Ich las ihn einmal.
Dann noch einmal.
Und schließlich ein drittes Mal.
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
— Lukas?
— Ja?
— Hast du diesen Absatz gelesen?
Er sah auf das Blatt.
— Welchen meinst du?
Ich hielt ihm den Vertrag hin.
— Diesen hier.
Er nahm die Seiten, ließ den Blick flüchtig über die Stelle gleiten und reichte sie mir sofort zurück.
— Das ist eine Standardformulierung.
In diesem Moment wusste ich, dass etwas nicht stimmte.
— Dann lies sie laut vor.
Elisabeth bewegte sich unruhig auf ihrem Sessel.
— Anna, jetzt ist es aber langsam genug.
Ich tat so, als hätte ich sie nicht gehört.
— Lukas. Lies ihn vor.
Er verzog das Gesicht.
